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Aus der Reihe „Originale“ : Ein Revier ohne Tragödien

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Klare Kante: Kuddel Jacobsen ist ein Mann mit Haltung und eindeutigen Grundsätzen. Als er noch Polizist war, haben davon viele profitiert.

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2014 | 12:00 Uhr

  Sie sorgen nicht unbedingt für Schlagzeilen, sind aber in ihrer Heimat bekannt wie ein bunter Hund: In unserer Serie porträtieren wir gemeinsam mit der Fotografin Susanne Panozzo Menschen, die auf ihre ganz eigene Art unverwechselbar sind. Weil sie echte Typen sind – Originale eben.

Eigentlich heißt der Kopperbyer Kuddel Jacobsen ja mit Vornamen Karl-Wilhelm. „Aber psst, das verlässt nicht den Raum“, schärft Jacobsen seinem Gegenüber ein, so als arbeite er noch bei der Polizei. Und auch auf dem Revier hat Jacobsen seine Berichte immer mit Kuddel Jacobsen unterschrieben, nur im Telefonbuch ist aus unerklärlichen Gründen noch sein Geburtsname zu finden. Tatsächlich ist er in Stadt und Land bekannt als Kuddel Jacobsen. Bereits in der Schule nannten sie ihn Kuddel, schon damals fiel er auf. „Von der Grundschule an war ich in der Lage, alle zu unterhalten – nicht mit platten Witzen, sondern mit Geschichten, eben durch meine ganze Art“, sagt der 61-Jährige.

Dabei war der heute kräftige Jacobsen damals so schmächtig, dass er erst ein Jahr später zur Schule kam, als ursprünglich geplant. Ob es dieser Hintergrund war, der den jungen Kuddel schon in der Schule Partei für Minderheiten und Schwächere ergreifen ließ? „Ich habe häufig die Gegenmeinung zu einer vorgetragenen Ansicht gespielt. In der Schule war dies häufig der Gegenpart zum Lehrer“, sagt Jacobsen. Dieser Haltung blieb er treu. Privat bereitet ihm das manchmal Probleme. Jacobsen bezeichnet sich selbst deswegen auch schon als schwierigen Menschen. Doch beruflich sollte ihm dieses Verhalten noch zugute kommen.

Als Jacobsen dann mit 17 Jahren von der Schule geht, will er zur Polizei. Mit Menschen umgehen und ihnen helfen, das reizt ihn. Und zur Sicherheit gibt es da ja auch noch den Nachbarn. „Unser Nachbar war Bankdirektor und der sagte: ‚Du kannst bei mir eine Lehre machen.‘ “ Die gut gemeinte Nachbarschaftshilfe setzt den Jugendlichen noch mehr unter Druck. „Also, ich und Zahlen, das geht gar nicht. Zum Glück hat die Polizei mich genommen“, sagt Jacobsen und schüttelt lachend den Kopf.

Dass es überhaupt soweit kommt, haben allerdings viele damals gar nicht für möglich gehalten. Der Schulabgänger mit den mehr als schulterlangen Haaren und den Röhrenjeans will gar nicht so recht zur damals noch biederen Uniformkluft passen. Und nicht nur das. „Die Polizei war damals noch ein sehr autoritärer Laden, viele konnten sich nicht vorstellen, dass ich damit klar kam.“ Daher unkten viele: „In zwei Wochen bist Du wedder to Hus“. Jacobsen bleibt – sein langes Haar nicht.

Erst ist der junge Polizist in Kiel, später in Schleswig. Von dort bewirbt er sich für die gehobene Dienstlaufbahn. Doch als dann eine Stelle in Kappeln frei wird, verzichtet er auf den Karriereschritt und bewirbt sich stattdessen sofort für die Stelle an der Schlei. „Der spinnt ja wohl, der Jacobsen“, entfährt es daraufhin seinem Vorgesetzten. Doch hinter der „Spinnerei“ steckt System und ein Grundsatz. „Ohne Kirchturm kann ich nicht leben“, umschreibt der Gescholtene seine Verwurzelung zur Heimat. Sein Ziel war es stets, nach Kappeln zu kommen. „Mein persönliches Wohl war mir immer wichtiger als die Karriere“, sagt Jacobsen.

Seine unvoreingenommene Art kommt ihm bei der Polizei zur Hilfe und bringt ihm Anerkennung – nicht zuletzt von Jugendlichen. „Der Jacobsen hört sich immer beide Seiten an“, heißt es bald. Für Jacobsen ist das keine Berufseinstellung, eher schon ein Lebensmotto. „Ob dienstlich oder privat, ich habe immer versucht so zu leben, dass ich morgens in den Spiegel sehen kann.“ Gerade in einer Kleinstadt wie Kappeln sei das wichtig. „Das hier ist ein Heimspiel, hier kennt und trifft man sich immer wieder. Fehler holen einen immer wieder ein.“ Auge zudrücken, gar bei Leuten, die er kennt, gibt es für den Polizisten nicht, da ist er konsequent. „Ich mache meine Arbeit, wie es der Beruf verlangt. Wer damit nicht leben kann, muss mit mir ja kein Bier trinken.“

Sein persönliches Glück findet er auch – natürlich in Kappeln. Seine Frau kommt aus Dothmark. Zwei Jungs stammen aus der Ehe. Inzwischen ist der Pensionär Großvater, und ein weiteres Enkelkind ist unterwegs. Seine fast zweijährige Enkelin hat sich beklagt, dass ihre Spielzeugtiere immer in der Holzkiste schlafen müssen. „Opa, kannst du da nicht was bauen?“ Nun baut Opa einen Bauernhof, denn zu Hause hat Jacobsen eine Holzwerkstatt. Auch bei „größeren“ Projekten ist er patent. Vier bis fünf Häuser hat er mit hochgezogen. „Wir haben uns früher immer gegenseitig geholfen. Da brauchten wir keine Handwerker.“ In seinem 160 Jahre alten Haus, in dem noch sein Großvater lebte, führt er eigenständig Reparaturen durch. Selbst ist der Kuddel. Nach seiner Pensionierung im vergangenen Jahr fiel er deswegen auch in kein schwarzes Loch. „Ich habe genug Hobbys, wie den Garten, das Schiff.“

Und dann ist da ja noch die VHS-Laienspielgruppe, bei der er zu den Zugpferden gehört. Wenn er die Bühne betritt, dann herrscht Stimmung auf den Rängen. Sein Witz und Humor werden geschätzt. Jacobsen selbst mag am liebsten Loriot. „Bei ‚Papa ante Portas‘ könnte ich in die Auslegeware beißen.“ Doch die Proben sind für ihn anstrengend. „Auf der Bühne versuch’ ich immer, mein Bestes zu geben.“ Wenn dann der Applaus kommt, dann genießt das Jacobsen. „Der Applaus ist der schönste Lohn des Publikums“, sagt er, um im gleichen Atemzug anzuführen: „Mein Geld will ich aber nicht damit verdienen. Im Gegensatz zu den Profis können wir uns noch Stücke und Charaktere aussuchen.“ Und bei dieser Auswahl hat Jacobsen klare Vorstellungen. „Ich spiele gerne Theater, aber keine Tragödien.“ Es gebe schon genug Elend in der Welt. „Die Leute kommen zu uns, weil sie sich amüsieren und ein paar Stunden nicht an ihre Sorgen denken wollen.“ Kein Zweifel: Kuddel Jacobsen gehört zum Kirchturm, aber der Kirchturm gehört auch zu ihm.

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