Kappelner Literaturpreis : Ein rebellischer Volltreffer auf Platt

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Kinder- und Jugendbuchautorin Birgit Lemmermann wird die 23. Trägerin des Niederdeutschen Literaturpreises

shz.de von
11. November 2013, 00:31 Uhr

Es war ein Abend ohne Allüren. Ohne künstlichen Zwang, das Niederdeutsche unbedingt in den Himmel loben zu wollen. Es war vielmehr ein Abend der vielleicht vollkommenen Natürlichkeit, der im besten Sinne großen Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Plattdeutschen. Und die größte sprach aus Birgit Lemmermann. Die 51-Jährige erhielt am Freitagabend in der vollbesetzten Koslowski-Halle den 23. Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln und bewies zweifelsfrei, was ihr ihr Laudator Dr. Ulf-Thomas Lesle im Laufe des Abends mehrfach attestieren sollte: Platt ist ein Teil von ihr.

Zu Beginn war es aber der Präsident des schleswig-holsteinischen Landtags, Klaus Schlie, der Lob verteilte und zwar an die Stadt Kappeln. „Mit der Verleihung des Niederdeutschen Literaturpreises ist es gelungen, ein Ereignis zu schaffen“, betonte Schlie. „Und ein echtes Markenzeichen für Kappeln.“ Gleichzeitig habe der Preis auch eine politische Bedeutung, da er die Kraft und Entfaltung des freien Wortes auszeichne. Als Bestandteil eines niederdeutschen Netzwerkes schaffe er zudem das Bewusstsein, dass das Niederdeutsche „einen kulturellen Mehrwert“ darstelle.

Ähnlich Wertschätzendes formulierte Hermann-Josef Thoben. Der Vize-Präsident des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SHHB), der Jahr für Jahr die Literaturpreis-Jury stellt, bekräftigte mit Blick auf die gut 200 gefüllte Stühle im Publikum: „Wir können froh sein, so eine große Plattdeutsch-Familie hier zu haben.“ Thoben nutzte sein Grußwort, um kurz auf die bevorstehende Neuausrichtung des SHHB einzugehen, die nach dem Abtritt der langjährigen Präsidentin Jutta Kürtz nötig geworden ist. Kürtz übrigens saß an diesem Abend als Gast im Publikum. Gleich zu Beginn war sie von Bürgermeister Heiko Traulsen auf die Bühne gebeten worden, der ihr mit einem „Dank für Ihre wohlwollende Arbeit“ einen Blumenstrauß überreichte. Ohne dies weiter zu konkretisieren, erklärte Thoben weiter, dass man Defizite festgestellt habe und diese künftig ausgleichen wolle. So plane man etwa, die Kooperationen mit Kindertagesstätten zu intensivieren. „Wir wollen ein anderes Bild abgeben“, sagte der Vize-Präsident. Er gab sich zuversichtlich, bis zum Monatsende einen neuen SHHB-Präsidenten vorstellen zu können.

Und dann ging sie also los, die bildnerische Spurensuche nach dem Plattdeutschen. Mit diesen Worten leitete Ulf-Thomas Lesle seine Laudatio auf die Hauptperson des Abends, Birgit Lemmermann, ein. Lesle, langjähriger Geschäftsführer des Instituts für Niederdeutsche Sprache in Bremen und bis Freitagabend Jury-Mitglied, hatte sich bereits vor drei Jahren in einer eindrucksvollen und wortstarken Laudatio auf die damaligen Preisträger für mehr Leichtigkeit im Umgang mit dem Plattdeutschen ausgesprochen. Und es hatte ganz den Anschein, als fiel es ihm mit Blick auf die aktuell Ausgezeichnete sogar noch ein bisschen leichter, eben diese Gelassenheit hochzuhalten. Lesle erinnerte zunächst an die Anfänge Lemmermanns als Autorin, die in der Entscheidung, mit ihrem Sohn Platt zu sprechen, gründeten. „Du sagtest, Platt zu schnacken, sei ein Teil von dir“, sagte Lesle an die Preisträgerin gerichtet. „Das ist in gewisser Weise die Urzelle, aus der heraus das erste Emil-Buch entstanden ist.“ Alles, was es vor „Emil“ an plattdeutschen Kinderbüchern gegeben habe, sei „bestenfalls gut gemeint und fast ausnahmslos schlecht gemacht“ gewesen. Ohnehin habe der Aspekt des Lehrbuchs überwogen – und damit, so Lesle, „auch eine Anleitung zur Bildung von Vorurteilen“, etwa hinsichtlich des Hochdeutschen. Ganz anders bei Birgit Lemmermann. In ihr erkannte Lesle eine Neugier und Kreativität, die eine plattdeutsche Literatur entstehen lassen, die den Erwartungen der Leser zuwiderläuft – und gerade dadurch so authentisch ist. Lesle: „Das braucht Widerstandsgeist, den nur wenige aufbringen können oder gar nicht wollen.“ Mit ihrer ganz eigenen Stimme habe Lemmermann unverwechselbare Spuren gelegt, denn, so der Laudator: „Besonders ist Platt nur dort, wo der Einzelne gestaltend sprechen kann.“ Sein ehrlich gemeinter Wunsch, dass sich Birgit Lemmermann ihre im positiven Sinne eigensinnige, manchmal vielleicht sogar rebellische Ader nicht nehmen lassen möge, passte perfekt ins Bild. Sie ist eben eine Gestalterin des Plattdeutschen.

Den Beweis trat Birgit Lemmermann unmittelbar danach an, wenn sie sich auch noch etwas überwältigt von ihrer Auszeichnung zeigte. Während sie am Anfang einfach nur vor sich hin geschrieben habe, sei sie über die Jahre ins Nachdenken über das Niederdeutsche gekommen. „Ich bin wohl zu einer Platt-Verfechterin geworden“, sagte sie. Aber: „Nicht von der Sprache, sondern vom Schnacken.“ Schnacken und Sprache seien zwei verschiedene Dinge, so wie Leben und Kunst verschieden seien. Da blitzte sie kurz auf, die Rebellin. An Lyrik und Prosa ließ sie schließlich ihr Publikum teilhaben – und das lernte eine Autorin kennen, die in ihren Büchern absolut glaubwürdig formuliert. Und dabei auch nicht vor gemeinhin als schwierig geltenden Jugendthemen wie Tod oder Scheidung zurückzuckt, ohne ihren hintergründigen Witz einzubüßen. Kein Wunder, dass Traulsen am Ende nur noch ein Wort einfiel: „Volltreffer.“

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