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Niederdeutscher Literaturpreis : Ein Preisträger kommt nach Hause

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Frenz Bertram entdeckte in Kappeln das Schreiben für sich. Nächste Woche erhält er den Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt.

shz.de von
erstellt am 01.Nov.2014 | 08:00 Uhr

Zum 24. Mal verleiht die Stadt Kappeln am Freitag, 7. November, ihren mit 2500 Euro dotierten Niederdeutschen Literaturpreis. Die Jury hat sich in diesem Jahr für den Nordfriesen Frenz Bertram als Preisträger entschieden. Im Interview spricht der 77-Jährige über seine zögerlichen Anfänge als Autor und die Lebendigkeit der plattdeutschen Sprache.


Herr Bertram, Sie sind mit der plattdeutschen Sprache aufgewachsen, Plattdeutsch geschrieben haben Sie allerdings erst spät durch Ihre Begegnung mit dem plattdeutschen Theater. Sie selbst sagen, dass Sie den Schritt zum Schreiben eher zögerlich gegangen sind – weshalb?

Weil ich so schwer vom Ei komme. Wenn ich Texte schreibe, brauche ich oft Wochen dafür. Ich nehme häufig Änderungen vor, weil ich nicht so leicht zufrieden zu stellen bin. Hinzu kommt, dass ich als „Schüler vom Land“ in Husum oft erlebte, dass ich in den Geschäften wegen des Plattdeutschen vielfach belächelt oder ausgelacht wurde. Und das hat gesessen. ich fühlte mich als der Dumme. Vielleicht ist mein zögerliches Verhalten auch auf dieses Erlebnis zurückzuführen

Bezeichnen Sie das Hochdeutsche heute immer noch als Ihre erste Fremdsprache?
Bei der Einschulung 1943 sprach ich kein Wort Hochdeutsch. In meinem Geburtsort Schwabstedt und meiner heutigen Heimat Mildstedt spreche ich überwiegend Platt, Freunde sprechen mich nur mit vertrautem Platt an. Ich würde sagen: Platt spreche ich zu 50 bis 60 Prozent in meinem täglichen Umgang.

Sie haben nach eigenen Worten erst durch Ihre Zeit in Süddeutschland den Wert des Niederdeutschen für sich erkannt.

Um ehrlich zu sein, musste ich 50 Jahre alt werden, ehe ich den Wert so richtig erkannt habe. Ich bin aber schon während meines Studiums immer wieder gerne nach Schwabstedt zurückgekehrt, um dort mit der plattdeutschen Theatergruppe im Sommer auf der Freilichtbühne stehen zu können.

Worin besteht für Sie heute die Bedeutung des Plattdeutschen?

Es ist für mich absolut unverzichtbar. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Platt spreche. Und als ich den ersten Preis beim Erzählwettbewerb „Vertell doch mal“ erhalten habe, hat mir das Mut für meine Schreiberei gemacht. Inzwischen wurde mein erster plattdeutscher Roman als Fortsetzungsroman im Internet veröffentlicht

Ist das Internet für Sie eine Plattform, das Plattdeutsche vielleicht auch unter jungen Menschen besser zu verbreiten?

Schwer zu sagen. Ich kann leider nicht nachvollziehen, wie viele Menschen meinen Roman tatsächlich lesen. Vermutlich ist die Resonanz überschaubar – was vielleicht auch daran liegt, dass ein Buch in die Hand und nicht auf den Computer gehört. Zumindest für mich. Aber es gibt sehr viele Platt-Foren im Netz, da klicke ich mich regelmäßig durch.

Ihre umfangreichen kultur-historischen Publikationen – „Renaturierung der Husumer Mühlenau“ oder „Von Paukern, Pult und Pädagogen“, um ein paar Titel zu nennen – sind derweil alle auf Hochdeutsch erschienen. Hatten Sie Sorge, dass sie auf Platt nicht funktionieren?

Das hat mit den Druckerzeugnissen zu tun, in denen sie erschienen sind. Ich habe nicht wirklich ernsthaft darüber nachgedacht, sie auf Plattdeutsch zu verfassen. Aber ich bin sicher, dass das funktionieren würde, so wie jedes andere Thema auch. Nehmen Sie Karl-Heinz Groth, der sich regelmäßig in Ihrer Zeitung auf Platt mit weltlichen Themen befasst. Das macht er großartig. Meine These ist: Wenn etwas in einer Sprache nicht mehr ausgedrückt werden kann, dann ist die Sprache tot. Vieles erhält durch das Plattdeutsche einen eleganteren, runderen Ausdruck. Ich habe Platt sogar häufig im Unterricht vor meiner Klasse in der Technikerschule gebraucht und wenn ich als junger Ingenieur meine Baustelle betreute, wurde dort mit dem Verantwortlichen Platt gesprochen. Die Kommunikation war gleich ganz anders.

Sie arbeiten aktiv an Schreibwerkstätten zum Niederdeutschen mit, sind außerdem Mitglied im Arbeitskreis für niederdeutsche Theaterautoren – weil Sie anderen Autoren etwas beibringen möchten?

Hauptsächlich um selber etwas zu lernen – und zwar von der ersten Werkstatt an. Erst dort habe ich gelernt, was es bedeutet, kontinuierlich zu schreiben, wie eine Einleitung funktioniert und was es mit dem Wort Spannungsbogen auf sich hat. Wichtig war für mich auch immer die Kritik der anderen. Ich habe sie nicht immer gerne gehört, aber gerne aufgenommen. Die Schreibwerkstätten waren für mich die Chance, ordentlich Land unter die Füße zu bekommen. Und ganz nebenbei durfte ich so tolle Menschen wie Irmgard Harder und Dr. Willy Diercks kennen lernen.

Was macht denn ein gutes Theaterstück aus? Und was ein gutes Theaterstück auf Niederdeutsch?

Ich würde da keine Trennung ziehen. Als Zuschauer ist mir wichtig, mich nicht zu langweilen. Ein gutes Theaterstück zieht mich auf vielfältige Weise von Beginn an in seinen Bann. Mich muss aber der Inhalt interessieren, Sprache und Aufbau müssen stimmen. Eine billige Klamotte mag ich weder auf Platt- noch auf Hochdeutsch. In vielen Gegenden ist so etwas oft der Renner, das verstehe ich wirklich nicht. Wenn ich selber schreibe, möchte ich etwas Ordentliches, gut Formuliertes abliefern und keine Plattitüden.

Sie haben bereits etliche Auszeichnungen erhalten, darunter das Bundesverdienstkreuz. Welchen Stellenwert hat der Kappelner Preis für Sie?

Ich würde ihn schon auf der Ebene des Bundesverdienstkreuzes ansiedeln. In der Szene genießt der Preis ohnehin einen hohen Stellenwert. Ich habe ihn zu Beginn gar nicht so sehr verfolgt, das kam erst, als Irmgard Harder die Kappelner Auszeichnung erhielt. Inzwischen bin ich auch schon ein paar Mal als Gast dabei gewesen und erlebe den Preis als sehr renommiert. Übrigens: Die erste Schreibwerkstatt, an der ich teilgenommen und das ernsthafte Schreiben entdeckt habe, fand in Kappeln statt. Für mich schließt sich mit der diesjährigen Verleihung ein Kreis.

Was werden die Kappelner denn bei der Verleihung erleben?

Sie werden eine ganze Menge hören und sehen. Ich möchte drei Kurzgeschichten lesen, und die Mildstedter Bühne wird drei Sketche von mir aufführen. Als ich den Mitgliedern übrigens erzählt habe, dass es nach Kappeln geht, mussten die Rollen neu vergeben werden, weil jeder mitwollte.


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