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29. Figurentheater-Tage in Kappeln : Ein Plädoyer für die Liebe

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Zur Eröffnung der Figurentheater-Tage zeigte das Theater con Cuore eine Interpretation von „Der Glöckner von Notre Dame“.

Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ kommt, je nach Ausgabe, auf einen Umfang von 400 bis 600 Seiten. Das, was das Theater con Cuore am Freitagabend anlässlich der Eröffnung der 29. Figurentheater-Tage aus dem Mammut-Werk gemacht hat, kann man zweifelsohne als Essenz bezeichnen. In einer guten Stunde reduzierten Virginia und Stefan Maatz den Inhalt des Romans auf seinen absoluten Kern – die Botschaft von der Unvereinbarkeit von Zwang und Liebe, von der fragwürdigen Unterdrückung menschlichen Verlangens schmälerten sie dadurch allerdings nicht. Gleichwohl stellte ihre Inszenierung das Publikum vor eine Herausforderung: wenig Text, atmosphärische Musik, viele feine Bewegungen der hölzernen Protagonisten, die das Ehepaar in erster Linie als Tischmarionetten spielte. Gerade Letzteres erforderte viel Aufmerksamkeit von den Zuschauern, ersetzte die ausdrucksstarke Körpersprache, die Virginia und Stefan Maatz ihren Figuren verliehen, doch oft die echten Worte.

Das Stück beginnt im Heute, Virginia und Stefan Maatz agieren zunächst ganz ohne Puppen. Sie baut ihren Souvenirstand mit Postkarten, Schneekugeln und Büchern vor Notre Dame auf, er ist katholischer Priester und kauft bei ihr täglich seine Zeitung. Den unschuldigen Flirt versagt vor allem er sich, hadert anschließend mit seinem Gott und zwingt sich selbst mithilfe eines drastischen Textes daran zu erinnern, dass alles Schöne ohnehin nur oberflächlich sei. Dann verliert sich der menschliche Priester in einem Traum, in dem er andere seinen Kummer 500 Jahre früher aushalten lässt.

Auftritt für die Puppen: Hauptmann Phoebus betritt im festen Gleichschritt zur Marschmusik die Bühne, aufrecht und eitel. Glöckner Quasimodo hat nichts von dessen Stolz, stattdessen ein entstelltes Gesicht, einen krummen Rücken und er zieht ein Bein nach. Schnell wird die feine Handhabung der beiden Puppenspieler deutlich: Wenn Quasimodo schüchtern lacht, lässt Stefan Maatz für einen kleinen Augenblick dessen Schulter zucken. Als sich der Glöckner kurz darauf fürchtet, bebt sein Oberkörper. Äußerst intensiv gestaltet Virginia Maatz den ersten Auftritt Esmeraldas. Sie lässt die Figur, die in diesem Fall an Fäden hängt, zu traurig-schöner Musik tanzen, lässt sie schweben, Arme und Körper zu den Klängen wiegen, lässt sie jubeln, knien, liegen. Mehrere Minuten dauert allein diese Sequenz, ohne Worte, nur Puppe und Musik. Und trotzdem transportiert Virginia Maatz so mächtigen Inhalt wie Sinnlichkeit und Leidenschaft.

Quasimodos Ziehvater, Dompropst von Notre Dame, fühlt sich von Esmeralda angezogen, gleichzeitig weiß er um sein kirchliches Gelübde – er ist quasi das Pendant des menschlichen Priesters der Rahmenhandlung. Allerdings geht er einen entscheidenden Schritt weiter: Der Dompropst verletzt den stolzen Hauptmann Phoebus, Esmeraldas Liebe, aus Rache schwer. Der Verdacht fällt auf Esmeralda, die Quasimodo aber aus ihrem Verlies rettet. Auch diese Szene gelingt ohne viel Text: Stefan Maatz lässt den Glöckner tief zur am Boden kauernden Esmeralda herunter, lässt dessen Hand über ihren Kopf streichen, trägt sie schließlich vorsichtig hinaus. Ein Moment, in dem aus den Figuren auch ohne Worte Mitgefühl und Barmherzigkeit sprechen. Dass am Ende keiner überlebt, ist bekannt. Sie sterben an gebrochenem Herzen, an Verzweiflung, an Hass, an zweifelhaftem Gehorsam. Und auch wenn zumindest die Rahmenhandlung, in die das Theater sein Stück einbettet, so etwas wie ein Happy-End verspricht, gelingt die viel größere Aussage mit den viel kleineren Handelnden – denn wahre Liebe hat nichts Oberflächliches. „Kaufen Sie ein Souvenir, und Sie werden sich an diesen Tag erinnern“, sagt Virginia Maatz ganz früh während der Aufführung. Phoebus, Esmeralda und Quasimodo liefern am Ende Souvenirs genug.

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erstellt am 07.Mär.2016 | 07:30 Uhr

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