Literaturpreis der Stadt Kappeln : Ein Multitalent rockt die Bühne

Fröhliche Stimmung bei der Preisverleihung: Rainer Prüß (Mitte) steckte Bürgervorsteherin Dagmar Ungethüm-Ancker und Bürgermeister Heiko Traulsen mit seiner guten Laune an.
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Fröhliche Stimmung bei der Preisverleihung: Rainer Prüß (Mitte) steckte Bürgervorsteherin Dagmar Ungethüm-Ancker und Bürgermeister Heiko Traulsen mit seiner guten Laune an.

Flensburger Künstler Rainer Prüß nimmt Niederdeutschen Literaturpreis entgegen. Ein launiger Abend in der Alten Maschinenhalle.

shz.de von
06. November 2017, 06:49 Uhr

Kappeln | Wenn er gewusst hätte, was in Kappeln auf ihn zukäme, hätte er das „Schapptüch“ angezogen, sagte Rainer Prüß, als er in Rollkragenpulli und lässiger Hose auf die Bühne trat. Er hatte die Lacher sofort auf seiner Seite, strahlte offene Fröhlichkeit aus und steckte alle anderen gleich an. Am Freitag wurde der Flensburger in der Alten Maschinenhalle mit dem Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln ausgezeichnet.

Als „Multitalent“ hatte ihn die Jury des Preises, der bereits zum 27. Mal vergeben und dessen Preisgeld im vergangenen Jahr auf 3000 Euro erhöht wurde, bezeichnet. Seine Themen – ob nun Erinnerungen oder Gegenwartsbetrachtungen – seien „in ironisch-subtile und dennoch leichtfüßige Lyrik verpackt“. Was damit gemeint war, demonstrierte der vielseitige Künstler mit Auszügen aus seinen Büchern, die er schwungvoll und pointiert vortrug und damit die Zuhörer manchmal lachend, manchmal nachdenklich, manchmal staunend über so viel schwarzen Humor, Treffsicherheit und Aktualität zurückließ.

Auch einen Einblick in sein musikalischen Schaffen gab Prüß, der mit der Gruppe „Liederjan“ viele Auftritte hatte. Am Freitag stand der 72-Jährige singend mit der Konzertina auf der Bühne. Aber auch seine Kollegen von der A-Capella-Gruppe „Fofftein“ waren nach Kappeln gekommen und gemeinsam rockten Rainer Prüß, Jörg Ermisch, Ernst Poets und Jochen Wiegandt die Maschinenhalle.

Begeisterung für den Preisträger ließ neben dem Publikum auch Volkert Ipsen spüren. Der plattdeutsche Liedermacher und Schriftsteller hielt in diesem Jahr die Laudatio, beschrieb den Künstler überschwänglich und rezitierte so emotional und engagiert, dass zwischenzeitlich das samtene rote Sacko verrutschte und die Brille schief auf der Nase saß. Er bekam viel Beifall und eine herzliche Umarmung des Preisträgers, der sich bei so viel Lob selbst kaum wiedererkennen wollte. Im Publikum hielt der eine die Rede für etwas zu lang geraten, der andere war vom Vortrag beeindruckt, wie auch Moderator Norbert Radzanowski, der fand sie „nobelpreisverdächtig – wenn es denn so einen für Laudatoren gäbe.“

Unter den zahlreichen prominenten Gästen war auch Landtagspräsident Klaus Schlie, der in diesem Jahr erstmals seine ganze Rede auf plattdeutsch hielt. Er gratulierte Prüß im Namen aller Abgeordneten des Schleswig-Holsteinischen Landtages. „Der Preis trägt dazu bei, das Plattdeutsche als die Sprache unserer Heimat zu erhalten, zu stärken und an die zukünftigen Generationen weiterzugeben“, sagte er und lobte die Stadt Kappeln, die mit der Preisverleihung in der der ersten Reihe derjenigen stehe, die die Sprache der Heimat pflegen und fördern. Jörn Biel, Präsident des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes, der ja die Preis-Jury stellt, schloss sich an und prognostizierte gute Aussichten für die niederdeutsche Sprache: „Wir spüren einen Aufwind im Lande und pusten kräftig mit.“

Applaus, Gelächter und am Ende verhaltenes Gejohle begleitete die Bühnenshow des diesjährigen Preisträgers, denn auch bei den mehr als 200 Zuschauern kam Rainer Prüß gut an. „Super, ganz große Klasse“, sagte Ralf Spreckels. Er kannte vorher von Rainer Prüß eigentlich nur den Namen, gab er zu. Nun waren er und seine Frau Angela, die aus Schönkirchen bei Kiel gekommen waren, schwer begeistert. „Die Gedichte muss ich haben, die sind spitze. Er hat einen super Humor“, so Ralf Spreckels, der selbst plattdeutsche Geschichten schreibt. Seit acht Jahren kommt das Paar zur Preisverleihung. „Das war eine der besten Veranstaltungen, die wir hier gesehen haben“, waren sie sich einig.

„Begnadet“ war das Wort, das Bürgermeister Traulsen für die Verse Rainer Prüß’ fand. Aber bei all der Freude und Begeisterung, die an diesem Abend herrschte, vergaß er nicht an zwei Menschen zu erinnern, die zum Niederdeutschen Literaturpreis gehört haben und die in diesem Jahr nicht mehr dabei sein konnten: NDR-Niederdeutsch-Redakteurin Tanja Stubendorff verstarb im Januar im Alter von nur 44 Jahren; Jürgen Seemann, ehemaliger Bürgervorsteher, Stadtvertreter und Mitglied des Niederdeutschen Rates, verstarb am 22. Oktober.

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