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Schlei-Bote

23. Oktober 2017 | 08:55 Uhr

Ein langer Winter

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

shz.de von
erstellt am 23.Aug.2013 | 09:57 Uhr

Kappeln, im März 1917
Mein geliebter Carl,

was für eine freudige Überraschung an meinem Geburtstag am 18. Januar, als Du plötzlich in der Tür standest. Beinahe hätte ich Dich nicht erkannt mit Deinem Bart. Aber der Blick Deiner lieben Augen traf mich mitten ins Herz. Fast hättest Du Mutters 66.Geburtstag noch mitfeiern können, doch man rief Dich ja leider vorher zurück. Heiraten, in aller Stille, das konnten wir aber noch !

Der lange Winter will kein Ende nehmen, frieren müssen wir aber nicht. Der Bauer, dem Alexander so fleißig bei der Ernte half, kam mit einer Fuhre Brennholz an. Dafür helfe ich seinen Kindern bei den Hausaufgaben.

In der St. Nikolai-Kirche gab es beinahe einen Aufstand, als bekannt gemacht wurde, dass alle Orgel-Pfeifen, die aus Zinn bestehen, abmontiert und dem Kriegsministerium zur Verfügung gestellt werden müssen – wo führt das noch hin ?

In der Schule müssen wir die Mädchen zum landwirtschaftlichen Dienst aufrufen. Und weil es auch nicht mehr genug Postboten gibt, ist das Anbringen eines Hausbriefkastens jetzt Pflicht. Alexander hat auf dem Dachboden ein paar brauchbare Brettchen gefunden dafür. Jetzt prangt unser Name, auf den ich so stolz bin, auf dem Kasten neben unserer Haustür.

Eine Nachbarin, die links neben uns wohnt, kam gestern mit einer neuen Verordnung zu mir. Sie ist Kriegerwitwe und würde gern wieder heiraten. Da steht ihr nun eine Abfindung von 1000 Mark zu. Viel Geld, aber allein die Liebe zählt, die Hoffnung auf ein Wiedersehen und Glaube an unser Glück, Deine Wilhelmine


Zurück an der Westfront, im März 1917
Geliebte Wilhelmine,

nach den wunderbaren Tagen mit Euch fällt es mir besonders schwer, die vielen Männer um mich herum fallen zu sehen. Ein wenig Hoffnung keimte auf, als bekannt wurde, dass schon im November der Kaiser Franz Joseph verstorben ist, und gerade hat in Russland der Zar abgedankt. Nun muss dieser unselige Krieg doch bald zu Ende sein.

Weil ich nicht mehr der Jüngste bin und ein Offizier, muss ich auch nicht mehr in vorderster Front dabei sein. Du kannst etwas beruhigter sein. Aber ich muss nun die offiziellen Briefe an die Angehörigen von Gefallenen schreiben, das ist nicht leicht. Der Text ist eine einzige Lüge: „In den Kämpfen für die Verteidigung des deutschen Vaterlandes hat nun auch ein teures Mitglied Ihrer Familie den Heldentod erlitten. Zum Gedächtnis des auf dem Felde der Ehre Gefallenen haben Seine Majestät der Kaiser und König in herzlicher Teilnahme an dem schweren Verlust und in Anerkennung der von dem verewigten bewiesenen Pflichttreue bis zum Tod Ihnen das beifolgende Gedenkblatt verliehen, das als ein Erinnerungszeichen an die große Zeit und den unauslöschlichen Dank des Vaterlandes in Ihrer Familie dauernd bewahrt werden möge.“

Meine Liebste, ich hoffe, dass Dir niemals ein solches Schreiben zugestellt werden möge, ich pfeife auf den „Heldentod“ und liebe Dich lieber sehr lebendig, Dein Carl

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