Preisverleihung in Kappeln : Ein Ensemble mit vielen Gesichtern

Das erste Mal richtig in Farbe: Rolf Petersen, Spielleiter der Niederdeutschen Bühne, hält das  neue Programm in Händen.  Foto: Kahlke
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Das erste Mal richtig in Farbe: Rolf Petersen, Spielleiter der Niederdeutschen Bühne, hält das neue Programm in Händen. Foto: Kahlke

Niederdeutsche Bühne Flensburg erhält am kommenden Donnerstag den Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln

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27. Oktober 2012, 07:49 Uhr

Kappeln | Rolf Petersen zu erreichen, ist nicht einfach. Der Leiter der Niederdeutschen Bühne (NDB) Flensburg ist ein vielbeschäftigter Mann. Derzeit inszeniert er an der Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin, pendelt täglich mit dem Zug zwischen Schwerin und seiner Heimatstadt Hamburg hin und her. Am 1. November erhält die NDB den 22. Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln, und Petersen kündigt bereits jetzt an, dass 60 (!) Mitglieder seines Ensembles bei der Verleihung dabei sein wollen - so groß ist die Freude über die Auszeichnung einer kleinen Stadt für eine große Bühne. Zwischen zwei Proben spricht Rolf Petersen über das ansehnliche Repertoire seines Ensembles, über Sprungbretter für die Karriere und ein bemerkenswertes Druckmittel.

Herr Petersen, Sie sind nach der Niederdeutschen Bühne Neumünster und den "Junge Lüüd ut Löwenstedt" in 22 Jahren erst die dritte Theatergruppe, die die Stadt Kappeln mit ihrem Niederdeutschen Literaturpreis auszeichnet. Sonst stehen eher Einzelkünstler im Fokus. Ihre Bühne aber bietet, so sieht es die Jury, ein qualitativ hochwertiges Komplettpaket, ein Ensemble, das in Gänze überzeugt. Ist dieser Preis für das große Ganze wertvoller als für einen einzelnen Darsteller ?

Die Niederdeutsche Bühne Flensburg genießt tatsächlich einen hohen Bekanntheitsgrad, und die Liebe zu dieser Bühne ist in der Bevölkerung stark verankert. Durchschnittlich haben wir in einer Spielzeit 30 000 Besucher bei 200 Vorstellungen - für ein Amateurtheater ist das unendlich viel. Deshalb kann man diese Auszeichnung gar nicht hoch genug einschätzen. Tatsächlich haben wir mit der Sekretärin, dem Bühnenmeister, dem Gewandmeister, dem Werkstattleiter und dem Bühnenleiter fünf Hauptamtler, aber das Ensemble besteht komplett aus Ehrenamtler. Diese Menschen proben für ein Stück fünf Mal in der Woche, sieben Wochen lang, immer nach Feierabend. Sie tun das mit Profi-Regisseuren, die das Ensemble fordern, aber auch fördern - das ist schon eine einmalige Konstellation. Mit dem Literaturpreis werden also viele Menschen ausgezeichnet, die sich für den Erhalt und die Pflege der plattdeutschen Sprache einsetzen.

Die Geschichte des niederdeutschen Theaters in Flensburg reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Ihre Bühne ist aus der 1920 gegründeten "Flensburger Speeldeel" hervorgegangen. Was unterscheidet Sie noch von anderen niederdeutschen Bühnen - abgesehen von dieser beeindruckend langen Zeit und der außergewöhnlichen Struktur ?

Der Hauptunterschied ist tatsächlich die Struktur. Wir arbeiten ausschließlich mit Profi-Regisseuren und Profi-Ausstattern, außerdem mit eigenen Werkstätten. Unsere Bühne hat vielleicht auch deshalb einige Schauspieler hervorgebracht, die es bis ins Profigeschäft gebracht haben - dazu gehören Peter Heinrich Brix, Renate Delfs und Axel Stosberg.

Wie hat sich denn die niederdeutsche Sprache im Laufe dieser Zeit verändert ?

Plattdeutsch wird immer weniger im Alltag gesprochen, aber glücklicherweise immer noch sehr viel verstanden, und das ist eine sehr gute Basis. Und so lange es Menschen gibt, die Spaß an der Sprache haben, bin ich optimistisch, dass sie nicht ganz verschwinden wird. Ich glaube, dass die Niederdeutschen Bühnen daran auch eine große Bedeutung haben können.

Wenn man aber das Theater braucht, um eine Sprache zu erhalten, besteht dann nicht die Gefahr, dass diese Sprache zu einer künstlichen wird ?

Diese Gefahr besteht tatsächlich. Wenn das Plattdeutsche immer mehr aus dem Alltag verschwindet, kann es zu einer Bühnensprache werden. Aber ist eine Bühnensprache nicht immer auch eine Kunstsprache ? Wir versuchen immer wieder, die Grenzen des Plattdeutschen neu abzustecken, zu verändern. Früher hat man Stücke gespielt, die eigens auf Platt geschrieben wurden, inzwischen sind wir verstärkt auf Übersetzungen angewiesen - zumal die Niederdeutsch-Autoren rar gesät sind.

Die Jury attestiert Ihnen, mit Ihren Stücken den Bogen von Klassikern bis hin zu modernen Theater-Aufführungen zu spannen. Und tatsächlich finden sich allein in Ihrem aktuellen Spielplan unter anderem das Drama "Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann, die Komödie "Sonny Boys" von Neil Simon und der Krimi "Acht Fruuns". Ein Blick in Ihr Archiv offenbart, dass Sie sich auch an Beckett, Kipling, Ibsen oder Fassbinder herantrauen. Gibt es irgendetwas, irgendein Thema, irgendeinen Autor, das oder der im Niederdeutschen nicht funktioniert ?

Mit einigen englischen Komödien fremdelt unser Publikum etwas. Das haben wir zum Beispiel bei "Schöne Bescherung" und "Halve Wohrheiten" gemerkt, zwei Stücke von Alan Ayckbourn. Allerdings haben die Engländer ja auch einen speziellen Humor, und dann geht eben auch mal etwas daneben. Dabei spielt die Übersetzung natürlich eine große Rolle, vieles kann man eben nicht 1:1 übersetzen. Auch die sogenannte Commedia dell’arte (Anm. d. Red.: eine spezielle Art der italienischen Volkskomödie) war eine Form, mit der das Publikum nicht viel anfangen konnte. Aber manchmal muss man einfach auch etwas Neues wagen. Wir versuchen zumindest, die Grenzen des Plattdeutschen nach rechts und links zu öffnen.

Ein nicht ganz risikofreier Schritt.

Stimmt, zumal die finanziellen Mittel immer weniger werden. Trotzdem wollen wir ein bisschen experimentieren, mit der Gefahr, dass der Saal dann eben nur halbvoll ist. Aber am Ende müssen natürlich die Finanzen stimmen. Wir verhandeln gerade mit der Stadt Flensburg über unseren Zuschuss. In einer Beschlussvorlage der Stadt Flensburg wurde eine Reduzierung von jährlich 200 000 Euro auf 30 000 Euro gefordert mit der Begründung, wir würden nur "Unterhaltungstheater" bieten. Sicher tun wir auch das, aber nicht nur - obwohl eigentlich jedes Theaterstück Unterhaltung ist. Zum Glück haben sämtliche Parteien auf einer Kulturausschusssitzung diesen Antrag so abgelehnt und um weitere Verhandlungen zwischen der Stadtverwaltung und NDB gebeten. Sollte der Zuschuss tatsächlich so stark gekürzt werden, würde dies das Aus der Niederdeutschen Bühne in ihrer jetzigen Form bedeuten. Da ist so ein Preis, wie wir ihn jetzt erhalten, schon eine gute Argumentationsgrundlage für uns gegenüber der Stadt Flensburg.

Wenn nun jemand etwa John Priestleys "Ein Inspektor kommt" in einem hochdeutschen Theater gesehen hat und sich anschließend das gleiche Stück, wie Sie es ja in der Spielzeit 2007/08 gezeigt haben, auf Platt ansieht - erlebt er dann so etwas wie ein Plus ?

Es kann ein Plus sein, auch da ist die Übersetzung entscheidend. Der Stoff bleibt ja der gleiche. Neudeutsch könnte man sagen: Vielleicht kommt die Message im Plattdeutschen direkter rüber. Grundsätzlich glaube ich aber, dass sowohl die hochdeutsche als auch die niederdeutsche Bühne ihr jeweils eigenes Publikum hat.

Wie sieht denn Ihr typisches Publikum aus ?

Etwas älter, aber nicht so alt, wie man uns immer glauben machen will. Tatsächlich sind die 20- bis 30-Jährigen nicht unbedingt das Gros, aber Menschen ab 35 sieht man häufig. Außerdem erleben wir einen sehr stabilen Zulauf aus dem Flensburger Umland.

Auch Kinderstücke gehören zu Ihrem Repertoire, zum laufenden Spielplan gehört "Die kleine Meerjungfrau", in der Vergangenheit haben Sie schon "Räuber Hotzenplotz" oder "Jim Knopf" gezeigt. Kinder und Plattdeutsch - eine vernachlässigte Kombination ?

Eigentlich eine sehr aktuelle und gute Kombination. Es gibt immer mehr Lehrer, die sich im Plattdeutschen fortbilden und Platt unterrichten. Uns geht es allerdings mehr darum, dass Kinder einfach mal Theaterluft schnuppern, deshalb zeigen wir unser Kinderstück auf Hochdeutsch. Wir versuchen aber, eine plattdeutsche Figur miteinzubinden. Hinzukommen knallharte wirtschaftliche Gründe. Die Einnahmen aus den Kinderstücken sind für uns sehr wichtig. Hin und wieder erleben wir dann aber, dass erwachsene Besucher uns erzählen, dass sie bereits als Kind ein Stück bei uns gesehen haben - die Niederdeutsche Bühne war also ihre erste Berührung mit dem Theater.

Ihr Ensemble besteht ebenfalls aus etlichen jungen Menschen. Müssen Sie Überzeugungsarbeit leisten, damit sie bei Ihnen mitmachen oder kommen die jungen Leute von sich aus auf Sie zu ?

Letzteres. Oft kommen die jungen Leute von anderen Spielgruppen zu uns. Sie haben Lust, an der Niederdeutschen Bühne Flensburg zu spielen, weil sie wissen, dass das schon eine andere Liga ist. Sie wollen mehr gefordert werden, ihre Theaterleidenschaft vertiefen. Und wie schon erwähnt kann die Flensburger Bühne ja auch ein Sprungbrett nach nach oben sein. Noch ein aktuelles Beispiel: Ole Lagerpusch hat mit Kinderstücken bei uns angefangen, danach zwei, drei plattdeutsche Produktionen gespielt. Seine nächste Station nach einer Ausbildung zum Schauspieler war dann das Thalia-Theater in Hamburg, jetzt ist er festes Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters Berlin. Die Niederdeutsche Bühne Flensburg hat also etwas vorzuweisen.

Die Jury spricht davon, dass Ihre Bühne dazu beiträgt, die plattdeutsche Sprache zukunftsfähig zu machen. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Plattdeutschen aus ?

Als ich 14 Jahre alt war, habe ich bei der Niederdeutschen Bühne Neumünster angefangen, weil ich Theater spielen wollte. Schon damals hat man gesagt: Das Plattdeutsche stirbt aus. Aber wie man sieht, existiert es immer noch, und ich werde bald 50.

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