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Klaus-Harms-Schule Kappeln : Ein Elftklässler als Student

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Marwin Madsen (17) studiert bereits, Carsten Klein (16) bereitet sich intensiv darauf vor.

shz.de von
erstellt am 18.Jun.2016 | 08:00 Uhr

Etwas Besonderes? Carsten Klein schüttelt den Kopf. Ist er nicht, will er auch nicht sein. Alles, was er tut, tut er aus eigenem Antrieb und mit einem kleinen Schuss Pragmatismus. „Als Hilfe für später“, sagt der 16-Jährige. Seine Leidenschaft heißt Physik und auch, wenn sein Abitur erst im nächsten Jahr ansteht, steckt er bereits mitten in den Vorbereitungen für ein Studium der Elektrotechnik, dessen Hauptbestandteil Physik ist. Sein Mitschüler Marwin Madsen ist sogar schon einen Schritt weiter. Der 17-Jährige peilt auch für 2017 sein Abitur an, sein Bachelor-Studium allerdings hat er bereits vor gut zwei Jahren aufgenommen. Die beiden Jungs sind zwei von knapp über 800 Schülern der Klaus-Harms-Schule. In T-Shirt und kurzer Hose sitzen sie auf einer hölzernen Bank vor der Cafeteria ihres Gymnasiums und blinzeln in die Sonne. Sie lächeln viel, scheinen glücklich mit ihrem Weg zu sein, den sie sich selber erarbeitet haben und der auch von ihrer Schule mitgetragen wird.

Wenn es darum geht, individuelle schulische Begabungen zu ermitteln, ist die erste Orientierung die Note. Über Sommerakademien und das Programm „SHiB“ (Schleswig-Holstein inklusive Begabtenförderung) versucht die Klaus-Harms-Schule, ihre besonders lernstarken Schüler zu fördern. Schulleiter Thomas Hellmuth sagt: „Lernen müssen die Schüler am Ende natürlich selber, aber wir können ihnen einen unterstützenden Rahmen liefern.“

Im Fall von Carsten Klein heißt das, Studienbücher bereitzustellen. Der 16-Jährige arbeitet sich derzeit durch ein Lehrbuch für das Physikstudium, absolviert parallel über die Heidelberger Young Business School ein Physik-Propädeutikum. Dazu gehören mehrere Online-Tests, die Voraussetzung dafür sind, dass Carsten am Ende sein Zertifikat erhält. „Das Buch zu lesen und zu versuchen, die Formeln zu verstehen, macht richtig Spaß“, sagt der Schüler und lächelt wieder. „Das zu berechnen, ist extrem interessant und sorgt zwischendurch immer wieder für Wow-Momente.“ Der 16-Jährige plant ein duales Studium, ahnt aber, dass der Sprung vom Physikunterricht in der Schule zum Hochschulstudium groß sein könnte. Mithilfe des Propädeutikums will er die Lücke spürbar schließen.

Marwin Madsens Herz schlägt für die Mathematik, inspiriert hat ihn seine, wie er selber sagt, „äußerst engagierte Mathelehrerin in der Grundschule“. Den anstehenden Schulstoff erledigte er irgendwann in deutlich weniger Zeit als andere. Inzwischen studiert der 17-Jährige im fünften Semester Mathematik und Wirtschaftswissenschaften an der Fern-Uni Hagen. Bleibt er noch zwei weitere Semester am Ball, erhält er den Bachelor of Science. Parallel dazu hat Marwin ein Praktikum beim Fraunhofer-Institut absolviert und reist am morgigen Sonntag auf die Azoren. Dort nimmt der Schüler an einem zweiwöchigen Forschungsprojekt des Instituts für Jugendmanagement teil und beschäftigt sich dabei in erster Linie mit Walen und Delfinen. Seine Schule stellt ihn für diesen Auslandsaufenthalt frei – ein Umstand, den Marwin zu schätzen weiß. „Diese Reise ist schon etwas Besonderes für mich“, sagt er. „Dass meine Schule darauf Rücksicht nimmt, erleichtert einiges.“ Tatsächlich ist der Bereich der Forschung der, der den 17-Jährigen am meisten interessiert, von dem er sich gut vorstellen könnte, dort am Ende seine Berufung zu finden. Dann allerdings lacht er und sagt: „Ich mag aber auch Sprachen gerne.“ Außerdem spielt er Handball in der ersten Herrenmannschaft des TSV und ist ein großer Tierfreund – davon zeugen die Hunde, Pferde, Katzen und Papageien, die in seiner Familie mit zu Hause sind.

Auch für Carsten Klein ist Physik nicht alles. Der 16-Jährige musiziert in drei Orchestern, beschäftigt sich außerdem mit technischer Musik. „Im Grunde ist das ein cooler und kreativer Anwendungsbereich der Physik“, sagt er, lächelt und spricht von Wellen und Schall und Frequenzen. Dennoch: Die Bewerbungsphase fürs duale Studium im nächsten Jahr hat bereits begonnen, und Carsten setzt alles daran, sein Propädeutikum noch rechtzeitig abzuschließen, um das Zertifikat mit einreichen zu können. „Danach“, sagt er, „möchte ich mich auf mein Abi konzentrieren“. Marwin Madsen hat sich einen ähnlichen Leitfaden gegeben. Zwar ist es in der Theorie durchaus möglich, dass er sein Bachelor-Studium vor seiner Hochschulreife abschließt, aber Marwins erklärtes Ziel ist das nicht. „Dazu müsste ich drei bis vier Module pro Semester belegen. Zusätzlich zum Abi wird das nicht funktionieren“, sagt er und zurrt damit seine Prioritäten klar fest.

Vermutlich sehr zur Freude seines Schulleiters, der betont: „Die Leistungen müssen selbstverständlich erbracht werden, wie bei allen anderen Schülern auch. Das Abi gibt es nicht geschenkt.“ Thomas Hellmuth weiß aber auch: „Wenn die beiden es nicht hinbekommen würden, bin ich sicher, dass sie von selber die Reißleine ziehen.“ Weder Marwin noch Carsten macht allerdings den Eindruck, diese ungewöhnlichen Chancen verstreichen lassen zu wollen. Mit einem Lächeln sitzen sie auf der Bank und blinzeln in die Sonne.

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