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Olpenitz : Ein Dorf verliert seinen Mittelpunkt

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Seit 1957 ist das Gasthaus Müller in Olpenitzdorf in Familienhand. Ende Oktober schließt die Wirtschaft ihre Türen.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2015 | 09:30 Uhr

Diejenigen, die heute um die 60 sind, waren als Teenies auf der „Miller Ranch“ dem Discofieber erlegen. Als Kinder haben sie an gleicher Stelle mit den Eltern die Einkäufe erledigt. Heute schauen sie vielleicht mal beim Stammtisch vorbei. Eventuell haben sie im vergangenen Monat auch die letzte Diskussionsrunde zur Bürgermeister-Wahl erlebt. Auf jeden Fall sind sie mit dem Gasthaus Müller, das die Familie 1957 von Jakob Matern übernommen hatte, erwachsenen geworden. In absehbarer Zeit allerdings trennen sich die Wege. Das Gasthaus, das Matern an der Stelle bereits 1913/14 nach einem Brand neu errichtet hatte, wird am 31. Oktober vorerst zum letzten Mal Getränke und Essen servieren, abräumen und kassieren.

Was man so hört, hat Gastwirt Siegfried Müller den Gedanken schon länger mit sich herum getragen. Sehr höflich aber bestimmt macht Müller deutlich, dass er sich dazu nicht öffentlich äußern möchte. Spricht man jedoch mit anderen Dorfbewohnern, ist mindestens ebenso klar, dass das Verständnis für Müllers Schritt groß, noch größer allerdings das Bedauern darüber ist. So sagt etwa Inga Pantel, Vorsitzende des Olpenitzer DRK-Ortsvereins: „Für uns ist das ein riesiger Verlust.“ Gerade am vergangenen Dienstag hat sie den DRK-Kaffeetreff Ü60 im Gasthaus abgehalten, es gab ein Verspielen, die Stimmung war fröhlich. Kinderfasching, Weihnachten, Hauptversammlungen – die Liste an Veranstaltungen, die allein das DRK ins Haus an der Olpenitzer Dorfstraße getragen hat, ist lang. Pantel sagt: „Das Gasthaus ist ein echter Anlaufpunkt für uns. Dort wird Dorfgemeinschaft groß geschrieben. Und künftig fällt viel hinten runter.“

Auch Philipp Schmitt, Olpenitzer Stadtvertreter, nennt das Gasthaus Müller „die Lokalität schlechthin für das Dorf“. Gerade in den Wintermonaten habe sich alles in der Wirtschaft abgespielt. „Es ist ein echter Treffpunkt“, sagt Schmitt. „Ein Ort des Austauschs, bei dem schon so manch kreativer Impuls für die Dorfverschönerung entstanden ist.“ Schmitt meint, dass es zum derzeitigen Zeitpunkt unklar sei, ob ein Nachfolger gefunden werden kann. Er ahnt aber bereits: „Wenn jemand das Haus übernimmt, könnte das eine teure Angelegenheit werden.“ Schließlich gelte es, bei einem Konzessionswechsel etliche neue und kostenintensive Auflagen zu erfüllen. Schmitt: „Wir wären dankbar, wenn sich jemand findet. Aber dieses Jahr wird das ganz bestimmt nichts mehr.“ Neben der fehlenden Anlaufstelle für die Dorfbewohner erwartet der Olpenitzer auch Beeinträchtigungen im Tourismus. „Es gibt hier viele private Vermieter, deren Urlauber nun keine Gastwirtschaft mehr in unmittelbarer Nähe haben“, sagt Schmitt.

Ein Knackpunkt, der auch der Olpenitzer Ortsfeuerwehr zu schaffen macht, die sich zu ihren Jahresversammlungen im Gasthaus Müller getroffen hat. Wehrführer Dirk Langenstein sagt dazu: „Die Gaststätte hat uns die Möglichkeit gegeben, die Versammlung im großen Kreis mit aktiven, passiven, fördernden und Ehrenmitgliedern abzuhalten.“ Die Fertigstellung des neuen Gerätehauses in direkter Nachbarschaft sei zwar absehbar, aber: „Dort gibt es nur einen relativ kleinen Schulungsraum“, sagt Langenstein. „Wir werden also den Personenkreis begrenzen müssen.“ Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, das bei der Feuerwehr beliebte Grünkohl-Essen anbieten zu können. Aber auch losgelöst von der Wehr erkennt Dirk Langenstein einen klaren Verlust. „Es geht eine wichtige soziale Klammer verloren“, sagt er. „Was bleibt denn hier noch großartig im Dorf?“

Eine Frage, mit der sich ebenfalls der amtierende Bürgermeister Rainer Moll beschäftigt. „Es ist traurig“, sagt Moll, „aber leider eine Entwicklung, die man gerade auf dem Land nur schwer aufhalten kann“. Neben dem neuen Feuerwehrgerätehaus setzt er auch auf die gastronomische Entwicklung im benachbarten Ostseeresort Olpenitz. „Ich hoffe“, sagt Moll, „dass diese beiden Aspekte den Verlust des Gasthauses ein bisschen kompensieren können“.

Für Inga Pantel bricht derweil noch ein bisschen mehr weg als Gastwirtschaft und Dorfgemeinschaft. Die 48-Jährige ist mit der jüngsten Tochter von Siegfried Müller aufgewachsen. „Als Kind“, sagt Pantel, „bin ich dort ein und aus gegangen“. Das Glas Cola durfte sie sich selber hinterm Tresen abholen. Im Rückblick sagt sie: „Die Familie hat das jahrelang toll gemacht, sich sehr für das Dorf engagiert und viel Herzblut in das Haus gesteckt.“ Dieses Engagement aufzugeben, muss nach fast 60 Jahren erlaubt sein.

Rebecca Nordmann

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