Gelting : Ein Dorf verliert seine Landarztpraxis

Hier gehen am 30. Juni für immer die Lichter aus – und der Kneippkurort hat nur noch eine einzige Hausarzt-Praxis.
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Hier gehen am 30. Juni für immer die Lichter aus – und der Kneippkurort hat nur noch eine einzige Hausarzt-Praxis.

Dr. Michael Weiß und sein Kompagnon Axel Krüsmann sind ab 1. Juli die einzigen Hausärzte in Gelting, weil Peter Höck seine Praxis schließt – und die Übernahme verweigert.

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04. Juni 2014, 07:30 Uhr

In Gelting wird in genau 26 Tagen etwas geschehen, das das Dorf und seine Bürger vor eine gewaltige Herausforderung stellt – und das laut Dr. Michael Weiß nicht hätte passieren dürfen: Der Kneippkurort verliert eine Landarztpraxis. Dr. Peter Höck, der in dem 2000-Seelen-Ort jahrzehntelang im Süderholm tätig war, gibt seine Praxis zum 30. Juni auf. Für Hausarzt Dr. Michael Weiß, der mit Axel Krüsmann eine Gemeinschaftspraxis in der Schmiedestraße betreibt, gleicht das einer Katastrophe. Denn weil Höck komplett schließt, seine Hausarzt-Praxis nicht übergibt, fällt für die Gemeinde ein Arztstandort für immer weg. Es bleibt nur die Praxis von Weiß und Krüsmann übrig. „Wir brauchen in Gelting aber eine weitere, um die Patienten versorgen zu können. Doch er schließt einfach, und darunter leiden vor allem die Patienten“, so Weiß.

Dass Höck, der 73 Jahre alt ist, eines Tages nicht mehr als Arzt tätig sein würde, ist Weiß und Krüsmann seit langem klar. „Wir haben mehrfach mit ihm gesprochen, hätten gern mit seinem Nachfolger kooperiert oder den Praxissitz selbst übernommen“, sagt Weiß. Als kürzlich klar wurde, dass Höck schon bald schließen will, entschieden sich Weiß und Krüsmann dann auch, die Praxis und das dafür von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zugewiesene Behandlungsbudget zu übernehmen, um einen weiteren Arzt bei sich anzustellen, damit die vielen Patienten von Höck aufgefangen werden. Vor zwei Monaten hätten auf Höcks Initiative hin auch Verhandlungen begonnen, „aber er hat sie kurz darauf abrupt abgebrochen“, so Weiß. „Es hieß einfach nur: ,Ich verkaufe nicht mehr, ich schließe’. Das ist für uns ein Rätsel“, sagt der 47-Jährige kopfschüttelnd. Jetzt herrscht Funkstille. Das Fatale: „Das Kontingent, das Geld in die Region spült, geht flöten.“

Ihr Angebot an Höck, sagt Weiß, sei realistisch gewesen, deshalb sei er sicher, dass das Finanzielle nicht der Grund war, warum Höck sich zurückzog. Weiß betont außerdem, dass es ihm und Krüsmann nie darum gegangen sei, mehr zu verdienen. „Wir hätten es den Patienten und dem Dorf zuliebe getan.“ Unverständlich findet er auch, dass Höck seine Patienten vor vollendete Tatsachen stellte: Gerüchte gab es im Dorf schon viele, aber erst mit einer Zeitungsanzeige und einem Praxis-Aushang Mitte Mai erfuhren diese von der Schließung. Den Termin 30. Juni betrachtet Weiß zudem als äußert kritisch, weil die Geltinger Praxen im Sommer durch die Urlauber seit jeher viel mehr zu tun haben. „Dass er eine Übernahme abblockt, ist schlimm genug. Aber dass er so übereilt schließt, hat uns förmlich umgehauen.“ Und dass Höck, wie er in Anzeige und Aushang mitteilt, keinen Nachfolger habe finden können, stimme einfach nicht.

Nach dem Abbruch der Verhandlungen wussten Weiß und Krüsmann wochenlang nicht, was sie tun können. Hätten frühere Patienten von Höck, darunter viele Senioren und chronisch Kranke, ab Juli vor ihrer Tür gestanden, hätten sie diese wegschicken müssen. „Wir haben über 2000 Patienten, arbeiten über dem Limit – so sehr wir es gewollt hätten, wir hätten keine aufnehmen können.“ Aufgrund intensiver Bemühungen wurde nun jedoch eine Notfalllösung gefunden – zusammen mit der KV, die sich laut Weiß sehr bemüht hat: Der Landarzt und sein Kompagnon dürfen ab 1. Juli die seit einem Jahr pensionierte praktische Ärztin Dr. Edith Windgassen aus Kappeln einstellen, um ein Chaos zu verhindern. „Sie wird uns als Entlastungsassistenz genehmigt und drei Monate lang halbtags arbeiten. Deshalb haben wir erstmal auch keinen Aufnahmestopp mehr.“ Weiß ist heilfroh darüber, doch er und Krüsmann müssen dafür in Vorleistung gehen – da für die neuen Patienten gar kein Abrechnungsvolumen der KV bereitsteht. Marco Dethlefsen, Pressesprecher der KV, bestätigt die Übergangslösung, „damit die Versorgung vor Ort gesichert ist“. Und er sagt: „Dass komplett auf eine Nachfolge verzichtet wird, erleben wir selten.“

Was bleibt ist große Verwunderung über das Verhalten des Kollegen. Weiß betont ausdrücklich, es habe nie einen Streit gegeben. „Wir hatten immer ein harmonisches Verhältnis.“ Er schätze Höck sehr, dieser sei immer ein typischer Landarzt gewesen, der zu jeder Tages- und Nachtzeit für seine Patienten da war. Gegenüber unserer Zeitung teilte Höck auf die Frage, warum er seine Praxis schließt, mit: „Es ist, wie es ist, so wie es in der Zeitungsanzeige steht. Das ist definitiv.“ Mehr wollte er nicht sagen. Dr. Michael Weiß jedenfalls sichert zu: „Wir versuchen, langfristig eine dritte Arztstelle in unserer Praxis zu schaffen, sind bemüht, für Gelting alles zu erreichen – aber eine Garantie können wir nicht geben.“

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