Ein Bürgermeister auf dem Kutschbock

Mit der Kutsche geht die Tour ins Naturschutzgebiet Geltinger Birk, und vorher gibt es für Eddi und Sander Streicheleinheiten.
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Mit der Kutsche geht die Tour ins Naturschutzgebiet Geltinger Birk, und vorher gibt es für Eddi und Sander Streicheleinheiten.

Sommer-Serie „Leben, wo andere Urlaub machen“ / Teil 2: Volker Lippert fährt Naturfreunde von seinem Hof in Niebywesterfeld durch die Birk

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25. Juli 2014, 18:58 Uhr

„Die Bremsen setzen den Pferden wieder zu“, sagt Volker Lippert. Mit einem speziellen Spray gegen die Insekten behandelt er, unterstützt von Lebensgefährtin Silke Ulrich und deren 14-jähriger Tochter Janne, das Fell seiner schweren Warmblut-Wallache Eddi, zwölf Jahre alt, und Sander, 16. Paikjer, das Ersatzpferd, hat heute frei. Gebürstet und eingerieben werden die beiden Zugpferde, ehe der
54-jährige Inhaber des Kutscherhofs in Niebywesterfeld, einem Ortsteil von Nieby, sie vor die Kutsche spannt. Auch die Hufe bedürfen noch einer kurzen Pflege.

Volker Lippert empfängt kurze Zeit später seine nächsten Gäste auf dem ehemaligen Bauernhof, dessen Ursprünge in das Jahr 1783 zurückreichen. Seit zwölf Jahren ist der gebürtige Bremer der neue Eigentümer. „Ich betreibe weder Ackerbau noch Viehzucht, sondern nutze eine Fläche von 14 Hektar als Grünland – Gras und Heu für meine Pferde“, berichtet der gelernte Förster. Als ein weiteres wirtschaftliches Standbein bezeichnet er die Produktion von Tannenbäumen und Tannengrün. Schon vor der Adventszeit jedes Jahres stellt er sechs Erntehelfer ein, weil die Arbeit sonst nicht zu schaffen ist.

Eddi und Sander warten geduldig auf das Kommando „Hüh“ des Mannes auf dem Kutschbock. Alle Fahrgäste wissen diese gemächlichen Touren in das einsame Naturschutzgebiet Geltinger Birk zu schätzen. Denn Volker Lippert gilt als einer der besten Kenner der Flora und Fauna der Halbinsel. Meistens ist der ehemals im kommunalen Eigentum befindliche Wagen mit
16 Personen voll besetzt. Wenn eine Gruppe älterer Personen eine Kutschfahrt bucht, dann deshalb, weil sie zu Fuß oder per Fahrrad die Strecke nicht bewältigen könnten. „Kürzlich hatte ich für einen alten kranken Mitfahrer sogar ein Beatmungsgerät mit im Wagen“, berichtet Lippert. Er steuert mit dem Gespann ausgewählte Stationen auf dem 13 Kilometer langen Reit- und Fahrweg an, erzählt von Koniks und Highland-Rindern, vom Seeadler und von den Wildschweinen. Und wenn unterwegs die Mitfahrer Neuigkeiten aus der Niebyer Kommunalpolitik wissen wollen, können sie diese aus erster Hand erhalten: Volker Lippert ist seit der Kommunalwahl 2013 Niebys Bürgermeister. Schon jetzt hat er sich entschieden, im von ihm erhofften, künftigen Ostsee-Feriendorf auf dem Gelände der früheren Sandkoppel-Kaserne keine Kutsch-Station einzurichten, denn für normale Zubringerdienste will er nicht zur Verfügung stehen. „Als Bürgermeister bin ich ein vielgefragter Mann“, merkt er an. Er geht jeder Beschwerde und jeder Anregung persönlich nach.

Lippert scheut sich zu Hause vor keiner Arbeit und keiner Herausforderung. Auf dem Kutscherhof, der unmittelbar an die Birk grenzt, stehen alle Maschinen und Fahrzeuge bereit, die er als forstwirtschaftlicher Lohnunternehmer benötigt. Mit schwerem Gerät fährt er im Winter in Staats- und Privatwälder, um auftragsgemäß den Holzeinschlag vorzunehmen und Baumstämme zu rücken. Seine Vielseitigkeit beweist Volker Lippert außerdem als fachkundiger Anbieter für Motorsägen-Lehrgänge. „Rund 2000 Leute, die selbst Brennholz machen wollen, sind schon durch meine Schule gegangen.“

In jüngeren Jahren hatte der 54-Jährige unter anderem als Förster im Teutoburger Wald und danach im Spessart – „unweit des berühmten Wirtshauses“ – gearbeitet, ehe er 1990 die Chance erhielt, eine Anstellung im hohen Norden zu finden – als Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Angeln. Der Kutscherhof kann als letzte Grenzstation zwischen Urlaubs- und Naturschutzland betrachtet werden. Hier passiert es, dass der Fuchs von der Birk heranschleicht und sich eine Schar von Hühnern holt. Wildschweine kommen als ungebetene Gäste aus dem Raps. Selbst Kraniche lassen sich hier blicken. „Es gibt nichts Schöneres als dieses naturnahe, wertvolle Gebiet“, schwärmt Lippert. Nur die Bremsen, diese Blutsauger, die mag er nicht.


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