Eberhardt-Werft Arnis : Ein Baumstamm fährt zur See

Ein neuer Mast für die „Ryvar“: Am vierkantigen Balken zeichnen Günter Langmaack (li.) und Sönke-Peter Michelsen (r.) unter den Augen von Schiffseigner Joachim Kowalski den nächsten Arbeitsschritt an.
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Ein neuer Mast für die „Ryvar“: Am vierkantigen Balken zeichnen Günter Langmaack (li.) und Sönke-Peter Michelsen (r.) unter den Augen von Schiffseigner Joachim Kowalski den nächsten Arbeitsschritt an.

Bootsbauhandwerk in Arnis: In der Eberhardt-Werft entsteht ein Mast aus einer Douglasie für das Traditionsschiff „Ryvar“.

shz.de von
18. Januar 2018, 06:18 Uhr

Arnis | Auf der Eberhardt-Werft in Arnis hört man zurzeit ein gleichmäßig zischendes, schabendes Geräusch, das schwer einzuordnen ist. Wer dem Geräusch folgt und die schwere Holztür zur Seite schiebt, steht in einer langen Halle, in der unter hellem Neonlicht ein gewaltiger Schiffsmast liegt. Es riecht angenehm nach frischem Holz. Die Bootsbauer Günter Langmaack und Sönke-Peter Michelsen sind dabei, dem Mast, der die gesamte Hallenlänge füllt, den letzten Schliff zu geben. Dafür fahren sie mit gleichmäßigen Bewegungen wieder und wieder mit dem Hobel über das Holz. Hobelspäne fliegen durch die Luft. Zwischendurch streichen sie mit der Hand über die Oberfläche, und prüfen, ob noch irgendwo unebene Stellen vorhanden sind.


Stamm einer 107 Jahre alten Douglasie

Joachim Kowalski ist Auftraggeber dieses Mastes und Eigner des Traditionsschiffes „Ryvar“, für das er bestimmt ist. Der Mastbau ist der letzte Arbeitsschritt der umfangreichen Überholungsarbeiten, für die in Arnis ideale Bedingungen vorliegen. „Wir können hier alle Arbeiten unter Dach machen und sind dadurch unabhängig vom Wetter“, erklärt Kowalski und erzählt, dass für den Mast eine 107 Jahre alte Douglasie gefällt wurde.

Das Holz von Douglasien ist fest, aber auch elastisch und damit besonders gut für Schiffsmasten geeignet. „Am 28. Januar 2016, also vor zwei Jahren, wurde der Baum im Brekendorfer Forst für mich geschlagen. Er war bis zur Krone 46 Meter hoch. Der fertige Mast wird insgesamt 28,60 Meter messen.“ Der alte Großmast von Ryvar hatte nach 21 Jahren das Ende seiner Lebenszeit erreicht und musste ersetzt werden. „Wir segeln viel und auch noch bei sechs Windstärken. Da wird das Material stark beansprucht. Das ist der normale Verschleiß.“

Nachdem der Baum geschlagen war, wurde der Stamm entrindet und lagerte bis zum November vergangenen Jahres im Flensburger Museumshafen, dem Heimathafen der „Ryvar“. Dann brachte Kowalski ihn als Deckslast mit seinem Schiff nach Arnis. Dort haben sich die beiden Bootsbauer ans Werk gemacht. Zunächst musste aus dem Baumstamm ein vierkantiger Balken entstehen, danach wurden die Kanten soweit abgenommen, bis der Balken achteckig war. Für diese beiden Arbeitsschritte wurden ausschließlich Handsäge und Axt eingesetzt. „Damit kann man viel schneller und genauer arbeiten als mit Maschinen. Außerdem macht es keinen Krach, und man bleibt körperlich fit“, sagt Michelsen. „Man kommt ziemlich ins Schwitzen bei dieser Arbeit. Aber es macht auch richtigen Spaß“, betont er. „Wir arbeiten eigentlich noch wie früher. Das ist noch ganz traditionelles Bootsbauhandwerk.“ Dafür braucht man eine gute Kondition und Übung, denn jeder Sägeschnitt und jeder Schlag mit der Axt muss sehr genau sitzen. Präzision ist oberstes Gebot, sonst hat man schnell Kerben im Holz.

Als nächstes wird aus dem achtkantigen Balken ein 16-kantiger. Dann wird nur mit der Hand noch gehobelt. Es ist sehr viel Bootsbaukunst und Erfahrung dabei, denn der Mast soll nicht nur rund sondern auch konisch sein, das heißt nach oben immer schlanker werden. Diese Verjüngung muss sehr gleichmäßig erfolgen und dafür genau berechnet werden.


Arbeitsprozess von zwei Wochen

Günter Langmaack erzählt, dass nebenan in der M & P-Werft von Matthias Paulsen ebenfalls gerade ein großer Mast entsteht. „Aber der ist aus Einzelstücken verleimt und innen hohl. Das ist was ganz Anderes.“ Langmaack arbeitet seit seiner Lehrzeit auf den Arnisser Werften. In seiner langjährigen Berufstätigkeit hat er schon viele große Masten gebaut. „Aber es werden immer weniger“, sagt er. „Heute sind Schiffsmasten aus Aluminium oder Kohlefaser, oder es sind eben verleimte Holzmasten, aber auch die gibt es kaum noch.“

Während des Arbeitsprozesses wird der Mast immer wieder gedreht, um alle Seiten bearbeiten zu können. Dafür müssen die beiden Bootsbauer und Schiffseigner Kowalski gemeinsam den fast vier Tonnen schweren Rohling Stück für Stück bewegen. Auch das ist reine Muskelkraft. Zwei Wochen dauert es insgesamt bis aus dem Baumstamm ein fertiger Mast geworden ist. Der wird einen Durchmesser von 50 Zentimetern an seinem Fuß und 38 Zentimetern an der Spitze haben. Er ist damit wesentlich dicker als der alte Mast. Das diene der Sicherheit, erklärt Kowalski. Den fertigen Mast wird er wieder nach Flensburg schippern. Dort wird er lackiert und schließlich mit einem Autokran an Deck gehievt und aufgestellt werden.

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