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Norderbrarup : Die Wiege der Pflege war ein Schrank

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Johannes Jacobsen nahm vor 120 Jahren den Tod seiner Tochter zum Anlass, ein neuartiges Spendensystem aufzubauen.

Es war eine kleine soziale Revolution, die vor 120 Jahren in der Gemeinde Norderbrarup ihren Anfang nahm und aus einem Schrank bestand. Dieser allerdings hatte es in sich. Er war ausgestattet mit Gegenständen für die häusliche Krankenpflege, wie Wannen, Wärmebeutel, Steckbecken, Urinflasche, Fieberthermometer, Schnabeltassen und vielem mehr. Er geht zurück auf den Norderbraruper Landwirt Johannes Jacobsen und hat die Pflege kranker Menschen erheblich erleichtert. Die Gemeinde Norderbrarup erinnerte gestern anlässlich des Jahrestages der Margarethenspende vor 120 Jahren an Johannes Jacobsen mit einem Gottesdienst in der St.-Marien-Kirche.

Heute ist es üblich, bei einer Erkrankung nach dem Arzt zu rufen – das war um 1900 auf dem Lande noch ganz anders. Man behalf sich mit Hausmitteln. Bei schweren Erkrankungen mussten die Menschen auf vieles, was heute selbstverständlich ist, verzichten – bis der Johannes Jacobsen durch ein Versprechen gegenüber seiner schwer kranken Tochter für gravierende Veränderungen sorgte.

1883 musste Jacobsen seine Tochter Margarethe im 23. Lebensjahr zu Grabe tragen. Vorher hatte sie ihm das Versprechen abgenommen, „etwas für Kranke und Leidende zu tun“. Jacobsen setzte dieses Versprechen um, indem er verschiedenste Krankenpflegeartikel beschaffte. Als Lagerort diente ein Schrank, der extra für die Aufbewahrung der Artikel gebaut wurde. Diese Krankenpflegemittel konnten sich die Menschen aus dem Ort ausleihen, um damit ihre erkrankten Familienangehörigen zu pflegen. Der Verleih wurde genau dokumentiert, die Entleiher wurden penibel in die Handhabung eingewiesen. Und der Erfolg sprach sich herum. Johannes Jacobsen ließ schnell zusätzliche Schränke bauen, nannte sie nach seiner verstorbenen Tochter „Margarethenschrank“ und fügte im Schrankkopf ein Bild seiner Tochter ein. Den ersten Margarethenschrank erhielt die Gemeinde Norderbrarup im Jahr 1895. Der zweite Schrank ging nach Kius, wo der Bräutigam von Margarethe lebte. In den folgenden Jahren erhielten immer mehr Gemeinden in Angeln einen Margarethenschrank, der vorwiegend von den Kirchengemeinden betreut wurden. „Dankbar und mit Freude wurde für diese Schränke gespendet“, heißt es in Chroniken. In diesem Zusammenhang erfuhren die Menschen Wichtiges über Behandlungsmethoden, aber auch über Hygiene.

Aber nicht nur in Angeln, in ganz Deutschland, sogar in Finnland und Schweden erkundigte man sich nach der Margarethenspende. Die Kirchengemeinden übertrugen die Aufgaben aus der Margarethenspende neu gegründeten Frauenvereinigungen, die wiederum ihr Wissen an die Gemeindeschwestern weiter gaben. Bis 1934 wurden 747 Schränke ausgeliefert, bis auch die Margarethenspende in der NS-Zeit gleichgeschaltet wurde. Doch gerade während des Krieges leisteten die Margarethenspenden wertvolle Hilfe in den ländlichen Gemeinden.

In der St.-Marien-Kirche stellten Pastorin Anne Vollert sowie die Pastoren Dr. Frank Schnoor und Burkhard Mentz in ihrer Predigt die Nächstenliebe, wie sie Johannes Jacobsen praktiziert hatte, in den Mittelpunkt. Anschließend enthüllte der Vorsitzende des örtlichen Archiv- und Chronikausschusses, Rainer Pehl, am Grabstein der Familie Jacobsen auf dem Norderbraruper Friedhof einen Gedenkstein. Pehl versprach, dass der Archiv- und Chronikausschuss die Lebensleistung von Johannes Jacobsen würdigen und die Erinnerung wach halten will.

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