Figurentheater an der Schlei : Die Vielfalt der Puppen

„Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn“: Die Pinguine, die an den Händen von Markus Dorner (li.) und Bernd Lang hingen, trugen sich mit einem besonderen Wunsch der Comedian Harmonists.
„Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn“: Die Pinguine, die an den Händen von Markus Dorner (li.) und Bernd Lang hingen, trugen sich mit einem besonderen Wunsch der Comedian Harmonists.

Bernd Lang und Markus Dorner eröffnen die Figurentheater-Tage mit einem abwechslungsreichen Show-Spektakel.

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12. März 2018, 06:30 Uhr

Kappeln | Es hat exakt bis zehn nach acht gedauert, dann hatten sie den Saal endgültig im Griff. „Melodien mit Marionetten“ hieß das Stück, mit dem Markus Dorner und Bernd Lang am Freitagabend die 31. Figurentheater-Tage eröffneten, sie hätten es auch „Melodien mit Publikum“ nennen können. Denn keine halbe Stunde, nachdem die beiden begonnen hatten, dirigierte Lang die gut 220 Zuschauer mal eben so aus dem Effeff, und das Publikum folgte, sang gerne und laut und sehr spontan mit. Das nennt man wohl einen absolut gelungenen Auftritt.

„Melodien mit Marionetten“ also, ein Abend, an dem viel gesungen wurde. Deutlich mehr von Markus Dorner und Bernd Lang als vom Publikum. In sieben Episoden nahmen die beiden Puppenspieler ihre Zuschauer mit in die Oper, in einen Spielzeugladen, ließen die goldenen Zwanziger lebendig werden – und leisteten sich sogar ein, zwei kleine, sehr charmante Missgeschicke, die so wirkungsvoll waren, dass man ein bisschen glauben konnte, sie waren vielleicht sogar Teil der Inszenierung. Vor allem aber gelang es den beiden, immer wieder ihren Aufführungsort in ihre Show mit einzubinden – mal wortspielerisch, mal mit ein bisschen schmerzhafter Wahrheit verknüpft („Essen nach Mitternacht? Das kann aber schwierig werden in Kappeln.“), aber immer sehr liebenswürdig.


Einnehmendes Wesen

Schon mit dem ersten Bild zeigte sich das einnehmende Wesen der beiden Franken. José Carreras und Plácido Domingo gaben sie selber, in die Mitte nahmen sie Luciano Pavarotti als große Puppe. Und dann sangen sie, dank ihrer gemeinsamen Ausbildung in einem Knabenchor, äußert eindrucksvoll. Pavarotti ließen sie derweil Einsätze verschlafen, und wenn er es dann doch geschafft hatte, blickte die Puppe fast ein bisschen herablassend auf die beiden menschlichen Sänger rechts und links neben ihr. Danach hatte Bernd Lang als Dr. Klucktönner seinen Auftritt. Als Musikwissenschaftler hatte er zwar ursprünglich nach „Kappel im Allgäu“ reisen wollen, um seine Theorie der Ur-Melodie vorzustellen – „aber jetzt, wo wir schon mal hier sind“, nahm er dann eben mit Kappeln an der Schlei Vorlieb. Parallel zu Langs wunderbar kapriziösem Wortschwall offenbarte Markus Dorner mit Mozart und Strauß an langen Fäden ein mindestens genauso wunderbares Timing: Die Musik nämlich, die seine Mozart-Puppe am Spinett spielte, kam vom Band, die Marionette aber hantierte Dorner mit viel Präzision durch den musikalischen Auftritt. Johann Strauß‘ rechten Arm ließ er beim Geigenspiel zart zittern, Richard Wagners Haartolle flatterte durch sein enthusiastisches Dirigat immer wieder ins Gesicht.

Viel Raum nahm die Episode im Spielzeugladen um einen herrischen Meister, einen tumben Sohn und einen raffinierten Neffen ein, als die gute Abstimmung der beiden Puppenspieler zutage trat: Markus Dorner zog die Fäden der Puppe, Bernd Lang gab ihr die Stimme. Ein Auftritt ohne Brüche. Besonders spielerisch dann der kurze Ausflug zu den Comedian Harmonists, bei dem zum Lied „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn“ ein Reigen aus Pinguinen verbunden über eine Stahlschiene auf der Bühne stand – und sich einer aus der Verankerung löste und mitten auf der Bühne umfiel. Das Publikum quittierte das mit einem intuitiven „Ooooh“. Ein weiteres Zeichen für die so große Unmittelbarkeit, die die beiden Puppenspieler in so kurzer Zeit aufgebaut hatten.


Fragile Präsenz

Den vielleicht fragilsten Auftritt des Abends zeigte Markus Dorner dann mit Karl Valentin. Eine Puppe, die ohne Kleidung nur als äußerst dünnes, hölzernes Etwas auf der Bühne stand, in der Hand den charakteristischen Hut, ebenfalls aus Holz. Das zarte Männchen versuchte, mit dem „Lied vom Sonntag“ gegen Bernd Lang als Liesl Karlstadt und deren recht unerzogenen Hund anzusingen. Und auch wenn Langs Figur natürlich viel mehr Raum einnahm, war es Dorners Valentin-Puppe, deren Präsenz überwog. Schwungvoll und ein bisschen absurd die letzten beiden Bilder: Markus Dorner selbst als Puppe, Bernd Langs Gesang mit russischem Zungenschlag, schließlich der Papageno aus Mozarts „Zauberflöte“ – bunt und federleicht. Als Dorner danach vom Publikum wissen wollte, ob eine Zugabe gewünscht sei, konnte man das getrost als rhetorische Frage verbuchen. Natürlich war das gewünscht.

Mit Bernd Lang und Markus Dorner haben zwei echte Profis die Figurentheater-Tage eröffnet. Sie selbst wirkten dabei nicht einen Moment unnahbar und ihr Spiel, das sie schon so oft weltweit gezeigt haben, in keiner Situation aufgesetzt. Viel mehr war ihnen die Freude daran zwischendurch immer wieder anzusehen und anzuhören. Und am Schluss applaudierten die beiden dem Kappelner Publikum, das in der – O-Ton Dorner – „kappelvollen“ Alten Maschinenhalle den Abend sehr genossen hatte.

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