Altes Handwerk in der Stadtbücherei : Die Spinnerinnen von Kappeln

Entspannend und anregend zugleich: Elke Schoberth, Sofie Schulzke und Karen Sabeti (v. l.) stellen ihr Garn selbst her.
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Entspannend und anregend zugleich: Elke Schoberth, Sofie Schulzke und Karen Sabeti (v. l.) stellen ihr Garn selbst her.

Mehrere Frauen entdecken ihre Leidenschaft für ein altes Handwerk. Sofie Schulzke leitet den Kurs in den Räumen der Stadtbücherei.

shz.de von
29. März 2017, 07:00 Uhr

Rohwolle liegt auf dem Tisch in der Stadtbücherei – vom Schaf, vom Kamel und vom Hund. „Eigentlich kann man alles verspinnen“, sagt Sofie Schulzke. Sie zeigt Garne aus Merinowolle, Baumwolle und Seide. „Zu Hause habe ich sogar noch Yakwolle“, berichtet sie weiter. Sofie Schulzke hat sich mit vier weiteren Frauen getroffen, die genau wie sie ganz begeistert sind von einem alten Handwerk: dem Spinnen.

Sie tritt gleichmäßig auf das Pedal, das Spinnrad beginnt sich zu drehen und gibt die Energie weiter über den Wirtel an die Spule. Der Flügel hält den Faden. „Die Geschichte des Handspinnens ist uralt und leider ein wenig in Vergessenheit geraten“, erklärt Sofie Schulzke, während das Rad sich ganz gleichmäßig dreht, „man nimmt an, dass sie schon in der Steinzeit begann – mit einer runden Steinscheibe“. Sie selbst habe das Handwerk vor gar nicht allzu langer Zeit für sich entdeckt. „Früher hab ich Handarbeiten gehasst“, berichtet die 52-Jährige. Sie habe gemalt und sich gern mit Farben beschäftigt. So kam sie über den Umweg des Selbstfärbens zur Wolle. Eine Bekannte, die spinnen konnte, zeigte es ihr und lieh ihr das Spinnrad für eine Woche. Schulzke nutzte die Zeit, aber es war eine Woche voller Flüche und verzweifelter Tränen. „Dann hatte ich endlich meinen ersten schwangeren Regenwurm“, beschreibt sie die Beschaffenheit ihres Erstwerkes. Seitdem lässt das Spinnen sie nicht mehr los. Auf der Suche nach Gleichgesinnten hat sie den Kurs angeboten, aber sie sind zu fünft geblieben. „Es gibt zwar viele Spinner, aber nicht dual – mit Kopf und Hand“, erklärt die Kappelnerin und lacht. Dabei sei das Hobby hochinteressant: Die verschiedensten Fasern aus aller Welt eignen sich dazu, zu Garn versponnen zu werden, das mache das Thema zusätzlich komplex. Darüber hinaus sei bei Zivilisationskrankheiten, wie Bluthochdruck und einige psychische Störungen, die positive Wirkung des Spinnens aufgefallen. „Es lässt den Menschen zu seiner inneren Ruhe finden“, sagt Schulzke.

Ebenfalls überzeugt von der guten Wirkung des Spinnens ist Karen Sabeti aus Kappeln. „Ich habe als junge Frau in Süddeutschland auf einem Biohof gelebt. Dort hab ich das Spinnen gelernt“, sagt sie. Das sei inzwischen zwar rund 40 Jahre her, aber das Spinnrad von damals habe sie noch. Die ausgebildete Ergotherapeutin muss in ihrem Job viel anleiten. Nun hatte sie das Bedürfnis, selbst wieder aktiv zu werden, erinnerte sich an die Handarbeit und sah sich nach anderen „Spinnern“ in Kappeln um. „Es macht unheimlich viel Spaß, aber ich war auch ein bisschen aufgeregt vor dem ersten Mal nach so langer Zeit“, sagt sie, war aber sofort wieder drin. „Das macht man mit Kopf, Herz und Hand“, berichtet sie. Entspannend und anregend zugleich – alles was man mit den Händen macht, habe auch Auswirkung auf das Gehirn, ist die Mitarbeiterin der Kappelner Werkstätten sicher. Am liebsten arbeitet Karen Sabeti mit Alpaka-Wolle. „Die ist leicht, warm und hat so eine wunderschöne Naturfarbe“, schwärmt sie.

Elke Schoberth hat an diesem Abend eine Handspindel mitgebracht, und aus der feinen, weißen Wolle entsteht ein gleichmäßiges Garn. Es klappt schon recht gut, obwohl sie es noch gar nicht so lange versucht. „Ich habe immer bei meiner Großmutter zugeguckt. Sie war eine echte Koryphäe“, erinnert sich die 74-Jährige aus Ulsnis. Das alte Spinnrad, das wohl der Großvater – er war Tischler – Ende des 19. Jahrhunderts für die Großmutter gebaut hatte, existiert noch. „Ich schätze, es ist von 1880. Ich möchte es gern wiederbeleben“, sagt Elke Schoberth. Sie gehe gern auf Mittelaltermärkte, interessiere sich für die Eisenzeit und Völkerwanderungen. Mit Gleichgesinnten näht sie selbst Kleidung mit der Hand. Sie würde Interessierten auch auf Märkten gern zeigen,wie mit der Handspindel gearbeitet wird. „Und wie schwierig das ist“, sagt sie lachend.

„Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinnen am Abend – erquickend und labend“ – Elke Schoberth erklärt das alte Sprichwort: „Wer morgens schon spinnen musste, hatte wenig Geld und viel Arbeit. Wer abends spinnen konnte, tat es freiwillig und zur Entspannung“. Mit den oft ungeliebten Tieren mit den acht Beinen habe es also nichts zu tun.


> Wer Interesse an dem Handwerk oder einem offenen Spinnkreis hat, meldet sich bei Sofie Schulzke unter Tel. 01  72  /  5  32  78  17

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