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Kappelner Werkstätten : Die Schutzbedürftigen stark machen

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Beim Abend der Begegnung stellten die Werkstätten ihr Konzept gegen sexuelle Gewalt gegenüber Behinderten vor.

Es waren weniger Gäste als üblich, die sich zum traditionellen Abend der Begegnung des St. Nicolaiheims Sundsacker und der Kappelner Werkstätten eingefunden hatten. Aber diejenigen, die gekommen waren, geschätzte 50 Menschen, wussten am Ende nicht nur, dass sich die Vorfreude aufs Büfett gelohnt hatte. Sie hörten auch einen sehr ehrlichen und analytischen Vortrag über eine alles andere als leichte Angelegenheit, nämlich sexuelle Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderung. Dass sich die Werkstätten dieses Themas nicht nur bewusst sind, sondern offenbar auch offensiv damit umgehen, durfte man nach diesem Abend glauben.

Zunächst aber läutete Johannes Jensen, Vorsitzender des St. Nicolaiheims, die Veranstaltung mit durchaus ernsten Worten ein, indem er unter anderem deutlich machte, dass es bundesweit nach wie vor 40.000 Betriebe gebe, die keinen behinderten Mitarbeiter beschäftigten. Jensens Appell: „Wir brauchen mehr Flexibilität, wenn es darum geht, mit behinderten Menschen zusammen zu arbeiten. Vielleicht brauchen wir sogar ganze Arbeitsmärkte.“ Der Weg dahin sei zwar weit – „aber wir sollten uns trotzdem alle auf diesen Weg machen“. Diesen Gedanken griff Stefan Lenz, Geschäftsführer der Werkstätten, auf, als er das Schlagwort Inklusion nannte und hinterher schob: „Wenn wir Inklusion wirklich wollen, müssen wir auch dafür sorgen, dass sie tatsächlich machbar ist.“ Und zwar buchstäblich machbar, indem Hürden und Barrieren minimiert würden. Lenz: „Und das Problem liegt ja nicht bei den behinderten Menschen, sondern bei uns, die wir unsere Unsicherheiten in den Griff kriegen müssen.“ Und während der stellvertretende Landrat Walter Behrens betonte, die Arbeit der Werkstätten sehr zu schätzen, Bundestagsabgeordnete Sabine Sütterlin-Waack und Landtagsabgeordnete Birte Pauls der Einrichtung für „wertvollen Input“ und „wichtige Rückkopplung“ bei der Diskussion um das Teilhabegesetz dankten und Bürgervorsteherin Dagmar Ungethüm-Ancker die Werkstätten dafür lobte, dass „Sie Menschen eine Stimme geben, die sonst ungehört bleiben“ – kamen genau diese Stimmen danach zu Zuge: Der Chor der Kinder- und Jugendhilfe gab einen kleinen Rap zum Besten mit dem bedeutungsvollen Text „Mein Körper gehört mir“. Und genau damit gaben die jungen Sängerinnen die Richtung für den Rest des Abends vor.

Christine Spranger, Psychologin im Jugendhilfebereich der Werkstätten, stellte den Gästen das Prinzip des Schutzkonzepts der Einrichtung vor. Dabei, das machte Spranger, von Beginn an klar, handelte es sich sowohl um präventive als auch um intervenierende Aspekte bei sexueller Gewalt. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte die Psychologin. Gleichwohl bedürfen Menschen mit Behinderung eines weitreichenderen Schutzes, da sie, das führte Spranger aus, aufgrund ihrer Behinderung, mit der oft eine ausgeprägte Abhängigkeit von anderen und eine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit einhergehen, ein größeres Risiko tragen, tatsächlich Opfer sexueller Gewalt zu werden.

Innerhalb der Werkstätten fußt das Schutzkonzept derweil auf den Säulen Institution, Mitarbeiter und Betreute. Christine Spranger sprach von einem Verhaltenskodex und einer „Kultur der Achtsamkeit“, die in den Werkstätten gelte, von Handlungsstrategien und Fortbildungen für Mitarbeiter und stellte Materialien wie Bücher und Filme vor, die zur sexuellen Aufklärung der Betreuten beitragen und ihnen Ängste nehmen sollen, offen über Erlebnisse zu sprechen. „Es ist entscheidend, die sexuelle Bildung zu fördern“, sagte Spranger. „Und den Betreuten klar zu machen: Schuld ist immer der Täter, nie das Opfer.“ Gleichzeitig stellte sie klar, dass man Übergriffe nie ausschließen, aber zumindest das Risiko minimieren könne. „Insgesamt scheinen die Maßnahmen zu greifen“, resümierte die Psychologin. Zwei Fälle habe es in den vergangenen Jahren gegeben, bei denen man zwar nicht zu hundert Prozent davon habe ausgehen können, dass die Vorwürfe der Wahrheit entsprachen, aber, das räumte Stefan Lenz ein: „Es war ein starker Verdacht.“ Und sobald solch ein Verdacht vorliege, werde der Mitarbeiter vom Dienst freigestellt – um beide Seiten zu schützen, bis die Sachlage geklärt sei. Denn Christine Spranger betonte auch: „Zum Schutzkonzept gehört auch der Rehabilitationsgedanke, um Mitarbeitern Ängste zu nehmen.“ Schließlich sei der Umgang mit Nähe und Distanz gegenüber den Betreuten auch regelmäßig eine Gradwanderung. In den Werkstätten scheint diese Gradwanderung zu funktionieren.

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erstellt am 21.Feb.2017 | 07:00 Uhr

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