Kappeln/Ngaruma : Die Lebensader schlägt in Kappeln

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Seit 2008 unterstützt das Ehepaar Sabine und Matthias Mau in Ngaruma in Tansania eine Berufsschule. Im zehnten Jahr des Engagements der Familie Mau hat unsere Redakteurin Rebecca Nordmann das Projekt in Ostafrika besucht.

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10. Februar 2018, 08:00 Uhr

Peter Mamuya windet sich ein bisschen. Englisch. Nein, die Sprache liegt ihm nicht. Sagt er. Und beweist gleich danach das Gegenteil. Er trägt ein hellblaues Poloshirt, eine dunkelblaue Hose, schwarze Schuhe. Er lächelt. Und als er anfängt, auf Englisch zu erzählen, von sich, seiner Familie, seinem Leben, weiß man irgendwann gar nicht mehr, weshalb er sein Lächeln nicht schon längst verloren hat.

Peter ist Schüler des Vocational Training Centres (VTC), einer kirchlichen Berufsschule in Ngaruma, Tansania. Er lässt sich dort zum Elektriker ausbilden. Er lernt etwas über Wechselschaltung, über Solarenergie, über technisches Zeichnen. Im Schrank in seinem Klassenraum liegen eine Reihe Schalter, ein paar Werkzeugkoffer, an der Wand hängt ein sonnengelbes Schild. Elektrohaus Mehlby steht darauf. Matthias und Sabine Mau haben bei einem ihrer vorangegangenen Besuche jene Werkzeugkoffer als Spende von Dirk Schadewaldt mitgebracht, dieses Mal hat Schadewaldt ihnen Spannungsumwandler, Zangen zum Abisolieren, Lüsterklemmen und jede Menge Phasenprüfer aus seinem Betrieb mitgegeben. Peter hat seinen Phasenprüfer in die Hosentasche gesteckt, an seinem Shirt-Kragen baumelt ein Kugelschreiber.

„Eigentlich möchte ich Arzt werden“, sagt der 20-Jährige. Und lächelt. „Aber meine Mutter starb, als ich im Kindergarten war, mein Vater als ich die Grundschule abgeschlossen hatte.“ Das Medizinstudium kostet Geld. Peter hatte niemanden mehr, der ihm helfen würde, die Ausbildung zu bezahlen. Er lächelt. „Also musste ich mir etwas Anderes überlegen.“ Auf Englisch sagt er: „I had to take other chances.“ Andere Gelegenheiten. Und in diesem einen Wort steckt wohl so etwas wie seine eigene kleine Lebensphilosophie. Gelegenheit. Keine Notlösung. Keine Ausflucht. Sondern eine Gelegenheit.

Vermutlich ahnt er, dass gerade zwei Menschen vor ihm stehen, die nicht ganz unschuldig daran sind, dass er eben diese Gelegenheit hat. Erkennt. Und nutzen kann. Sabine und Matthias Mau sind so etwas wie die Lebensader dieser Schule. Und sie sind die ersten, die das bestreiten würden. Aber Tatsache ist: Wer Bilder des Vocational Training Centres sieht, damals von 2008, und solche von heute, weiß, dass es diese Schule ohne die Unterstützung aus Kappeln vielleicht gar nicht mehr geben würde.

Seit Matthias Maus Präsidentschaft 2006 engagiert sich der Lions-Club Kappeln für die Ausbildung von Schulkindern in Tansania. Zwei Jahre später knüpfte der Tischlermeister seinen persönlichen Einsatz daran, seitdem besucht er das Vocational Training Centre regelmäßig. Seitdem haben sich Ausbildungsstandard, Materialien, Schülerzahlen kontinuierlich verbessert. Davon, wie sich ein Europäer eine Berufsschule vorstellt, ist das VTC aber meilenweit entfernt. Und es ist ein Ziel, das es auch gar nicht erreichen soll. Es geht darum, mit den Gegebenheiten, die da sind, zu arbeiten. Das Beste herauszuholen, an einzelnen Schrauben ein bisschen zu drehen. Und zu motivieren. Zu ermutigen. Nicht als der clevere Weiße aus Deutschland aufzutreten, der die große Lösung parat hat und sowieso alles besser weiß. Matthias Mau schüttelt den Kopf. Viel wichtiger ist es, den Schülern, den Lehrern, der Kirche zuzuhören. Sie ernst zu nehmen. Wünsche zu befürworten und auch mal abzulehnen. Schließlich sind sie diejenigen, die am Ende das weitertragen und weiterleben müssen, was sie sich gemeinsam mit ihren Unterstützern aus Kappeln erarbeiten. Viel wichtiger ist es, Gelegenheiten zu nutzen.

Benneth Boniphace trägt eine tiefschwarze Hose und ein blütenweißes Hemd. Es wird auch am Ende des Tages noch ebenso weiß sein. Trotz 28 Grad. Trotz viel Sand und Staub auf dem Schulgelände. Benneth Boniphace weiß um seine Rolle. Um das Vorbild, das er sein will und sein muss. Eigentlich steht ihm in einem der zahlreichen Nebenbauten ein Büro zu. Wer zu ihm möchte, muss eine ziemlich steile, und nicht an allen Stellen konsequent Vertrauen erweckende Treppe emporsteigen. Aber der 41-Jährige hält sich ohnehin kaum dort auf. Viel lieber ist er auf dem Gelände unterwegs. Er ist ein Kümmerer, ein drahtiger Mann mit wachen Augen, schnellen Gedanken und einer glasklaren Vorstellung. „Wenn jemand schreiben und lesen kann, wenn er sich sein Gesicht wäscht und seine Zähne putzt, dann bedeutet das, er kann etwas lernen.“

Benneth Boniphace leitet das VTC seit 2008. Und aus diesem Satz lässt sich vielleicht seine pädagogische Überzeugung ableiten: Wer sich bemüht, innerlich und äußerlich, hat eine echte Chance, etwas aus sich zu machen. Das VTC jedenfalls bietet dafür sechs Ausbildungsgänge: Schneidern. Elektrik. Maurerei. Informationstechnik. Kfz-Mechanik. Tischlerei. Und gerade für das Letzte brennt Matthias Maus Herz ganz besonders. Immer noch erinnert er sich an Schüler, die ihr Holz beim Sägen mit der Hand festhielten und dabei auf dem Fußboden saßen. Heute stehen Werkbänke mit Schraubstock in der Tischlerei. Außerdem jede Menge Maschinen. In einem Extra-Raum liegen sauber sortiert Meißel, Winkelmaß, Schraubenzieher, Zollstock.

In der Schneiderei steht Boniphace vor einer Handvoll Nähmaschinen. Neu ist keine davon. Aber für die sechs Schüler bedeuten sie die Chance auf ein besseres Leben. Ein Leben mit Arbeit. „Wir müssen unser Wissen teilen“, sagt er. Und meint damit auch seine acht Lehrer. „Auch sie müssen sich weiterbilden.“ Denn der Schulleiter hat einen Wunsch. Die Ausbildung an seinem VTC soll besser werden. Und das klappt nur, wenn sich die Lehrer ständig verbessern. Auch dazu tragen Sabine und Matthias Mau bei. Benneth Boniphace weiß das. Und er beginnt aufzuzählen: Weiterbildung für die Lehrer, Material, Werkzeuge, Bücher, Internet, Renovierung, Schulgebühren – überall dorthin fließt die Unterstützung aus Kappeln. „Matthias und Sabine haben eine sehr besondere Bedeutung“, sagt er. Für diese Schule. „Ohne sie hätten viele Kinder gar keine Chance auf eine Ausbildung.“ Und für ihn selber. „Wenn es irgendwelche Probleme gibt, weiß ich immer, an wen ich mich wenden kann.“ Was sind die beiden für ihn? „Die größte Ermutigung, die ich mir vorstellen kann.“ Und ohne die beiden? „Wäre ich schon längst nicht mehr hier.“ Weil er hier ist und weil er Familie Mau hinter sich weiß, kann er seinen Lehrern den Rücken stärken. So wie Emmanuel Ndolel. Technisches Zeichnen ist sein Fach, Lehrer sein Traumberuf. „Ich möchte meinen Schülern helfen, erfolgreich zu sein“, sagt er. „Ihnen zeigen, dass es sich lohnt, an sich selbst zu glauben.“ Peter steht draußen und blinzelt in die Sonne. Er lächelt. Vielleicht wird er irgendwann doch noch Arzt. „Alles ist möglich“, sagt er. Keiner weiß das besser als Sabine und Matthias Mau.

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