zur Navigation springen

Kappeln : „Die Herausforderung meines Lebens“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Der Ex-Kappelner Boris Guentel will am Wochenende über 300 Kilometer mit Rollstuhl und Handbike in seine alte Heimat zurücklegen.

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2015 | 07:30 Uhr

Vom niedersächsischen Cloppenburg, ungefähr 35 Kilometer südlich von Oldenburg, bis nach Kappeln benötigt ein Autofahrer etwa dreieinhalb Stunden. Boris Guentel gibt sich etwas mehr Zeit. Allerdings ist er auch nicht auf vier Rädern und mit 90 PS unterwegs. Guentel braucht drei Räder, zwei für seinen Rollstuhl, das dritte für sein Handbike, das er an seinen Rollstuhl montiert. Am Sonnabend, 8. August, will er so abends um 22 Uhr in Cloppenburg aufbrechen, Sonntagmittag um 12 Uhr will er am Kappelner Hafen in Höhe des „Pierspeichers“ sein. Seine Muskelkraft soll ihn 306 Kilometer weit tragen. „Ich weiß, es ist ein bisschen bekloppt“, sagt er und lächelt. „Aber es ist die Herausforderung meines Lebens.“

Bis 1993 lebte Boris Guentel das Leben eines Hochleistungssportlers. Langstreckenläufe, Fallschirmspringen, Karate, Fahrradfahren – der Berufssoldat war ständig im Training, ständig in Bewegung. Dann wurde er das Opfer eines betrunkenen Autofahrers – und für den Sportler Guentel ging es urplötzlich von 100 auf Null. Er hat Kämpfe ausgetragen mit sich und seiner Gesundheit, hat einen Schlaganfall und zwei missglückte Operationen verkraftet. Bis zum Sommer 2005 hielten Boris Guentels Beine noch durch, seitdem sitzt er im Rollstuhl. Zum Jahreswechsel 2014/15 macht er einen weiteren gesundheitlichen Einbruch, so nennt er es, durch. Was daraus folgte, war ein tiefer Wunsch, den Guentel, ohne theatralisch zu klingen, so formuliert: „Damals habe ich entschieden: Wenn ich das überstehe, dann mache ich noch einmal etwas Großes.“

Ein gutes halbes Jahr später wartet ein drahtiger, schlanker Mann am Kappelner Hafen, einer, der weiß, was er bis hierher geleistet hat und der sich und seinem Körper nun Bemerkenswertes abverlangt. Dass er ausgerechnet Kappeln als das Ziel seiner persönlichen Mission auserkoren hat, ist indes kein Zufall. Sechs Jahre lang war Guentel als Soldat in Olpenitz stationiert, er hat Freunde in der Schleistadt und über seine Tour mit dem Handbike sagt er: „Ich fahre zurück in meine alte Heimat.“

Vier Monate ist es her, dass Boris Guentel zum ersten Mal das Handbike an seinen Rollstuhl montiert hat, aus lauter Neugier und Freude hat er am ersten Tag gleich mal elf Kilometer zurückgelegt. „Danach hatte ich bannig viel Muskelkater“, sagt er und lacht. Langsam begann er, seine Strecken zu steigern, 30, 50, 80 Kilometer. Im Mai nahm er am „Stadtradeln“, eine mehrwöchige Aktion zum Klimaschutz, in Cloppenburg teil. In drei Wochen absolvierte er 2500 Kilometer, einmal 253 Kilometer am Stück. Boris Guentel lacht wieder als er von den anderen, teils semiprofessionellen Teilnehmern berichtet. „Die haben sich gewundert, dass da so ein alter Rollifahrer kommt und ihnen den ersten Platz in der Einzelwertung wegschnappt.“ Viel wichtiger als Podiumsplätze allerdings ist ihm etwas Anderes. „Ich merke, das Handbiken tut meinem Körper gut“, sagt der 52-Jährige. Die Probleme mit Schultern, Hals und Nacken sind besser geworden, das Atmen fällt ihm leichter. „Und außerdem“, sagt er, „bin ich viel schneller unterwegs“.

Auf der Strecke Cloppenburg-Kappeln setzt Boris Guentel allerdings nicht auf Tempo, sondern auf Ausdauer. Er nennt es ein taktisches Rennen und peilt zwischen 28 und 30 Kilometer in der Stunde an. Seine letzte Testfahrt mit dem Auto hat ihm sehr viele Steigungen offenbart, auf die er seinen Körper auch mithilfe eines Physiotherapeuten vorbereitet. Während der Tour, bei der er drei Mal mit einer Fähre übersetzen wird, begleiten Guentel zwei Fahrzeuge, unter anderem besetzt mit seinem Fitnesstrainer und seiner Ernährungsberaterin. Gerade weil er unterwegs jede Menge Flüssigkeit und Kalorien verlieren wird, verlässt er sich auf einen exakt ausgetüftelten Speiseplan, der allerdings überschaubar ist: Reisriegel, Energieriegel, hochdosierte isotonische Getränke. Auf der Elbfähre Wischhafen wird dann groß aufgetischt: ein Schokoriegel, eine halbe Banane, Wasser. Guentel lacht. „Eigentlich sollte es Tee geben“, sagt er. „Aber der wurde mir wieder gestrichen.“

Übrigens hat der Cloppenburger seine Aktion bei „Guinness World Records“ angemeldet als „Längste Reise mit einem Rollstuhl“. Guinness hat seinen Rekordversuch akzeptiert und erwartet nun eine detaillierte und bezeugte Aufzeichnung seines Reiseverlaufs. Aber selbst wenn Guentel die Tour nicht in der von ihm angepeilten Zeit schafft, wird er darüber nicht unglücklich sein. „Ich will ankommen und gesunden Leuten zeigen, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu solchen Leistungen fähig sind“, sagt er. Und im Idealfall vielleicht einen anderen Menschen mit Behinderung dazu inspirieren, seine eigenen Möglichkeiten auszutesten.

Im Kopf hat Boris Guentel die 306 Kilometer bis nach Kappeln schon mehrfach absolviert, immer wieder sieht er sich kurz vor dem Ziel über die Schleibrücke fahren. „Eigentlich bin ich ein harter Hund“, sagt er. „Aber ich glaube, das wird ein sehr emotionaler Moment.“ Auf den dann nach Reisriegeln und Elektrolyte-Drinks ein kulinarischer folgen soll. „Matjes mit Bratkartoffeln am Hafen“, sagt Guentel und lacht wieder. „Das wird mein Antrieb sein.“

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen