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"Die Hälfte meines Herzens ist noch in Mexiko"

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Zehn Monate hat die Kappelner Gymnasiastin Christina von Hobe (18) bei zwei Gastfamilien in Mexiko verbracht.

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erstellt am 05.Aug.2009 | 09:26 Uhr

Kappeln | Es musste Mexiko sein. Argentinien und Indien wären auch okay gewesen, aber nicht die üblichen Verdächtigen - die USA, Großbritannien oder etwa Spanien. Für ihr Auslandsjahr wollte die Kappelner Gymnasiastin Christina von Hobe ein ganz besonderes Land besuchen und dort "einmal etwas völlig anderes erleben als das Gewohnte", so die heute 18-Jährige.

Der Entschluss war gefasst, die Skepsis der Eltern beseitigt, ein Bewerbungsschreiben an den Rotary-Club, den Veranstalter des Austauschprogrammes, schnell aufgesetzt und das Vorstellungsgespräch gut gelaufen - am 5. August 2008 saß Christina im Flieger nach Mexiko. Das erste Mal, dass sie länger als zwei Wochen von ihrer Familie getrennt sein sollte.

"Vielmehr als danke, bitte und tschüss konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht auf Spanisch. Das war ganz schön hart am Anfang", erzählt Christina, wenn sie auf ihre ersten Wochen in der mexikanischen Millionen-Metropole Léon im Bundesstaat Guanajuato zurückschaut. Wochen, die vor allem von Heimweh geprägt waren. Das wurde mit der Zeit jedoch immer weniger, die Entdeckerlust dagegen immer größer.

Christina besuchte Mexiko-Stadt, die Hauptstadt des Landes, in Chiapa de Corzo hat sie den Palast der Säulen erkundet und einen 20 000 Jahre alten Baum mit 42 Metern Umfang berührt, sie hat exotische Vögel und Krokodile gesehen und als absoluten Höhepunkt einer dreiwöchigen Besichtigungsfahrt durchs ganze Land auch die Pyramiden von Chichen Itza. Auch ein Abstecher nach New York gehörte zum Reiseprogramm. "Das war alles beeindruckend, so etwas haben wir in unserem kleinen, überschaubaren Kappeln ja nicht", schwärmt die 18-Jährige, die sich Mexiko ganz anders vorgestellt hatte, ihre Vorurteile nach der Ankunft aber schnell über Bord werfen musste: "Ich hatte die Vorstellung von einem armen Land, in dem alle von morgens bis abends auf ihrer Ranch sitzen und den ganzen Tag Tequila trinken." Geprägt wurde dieses Bild - zumindest das der Armut - auch durch die Erzählungen ihres Vaters, der ein Jahr lang in Mexiko als Arzt tätig war.

Christina hat jedoch auch die andere Seite des Landes kennen gelernt: "Meine erste Familie gehörte zum gehobenen Mittelstand, meine zweite zur Upper-Class", sagt sie. Beide Familien hatten eine "Muchacha", ein Hausmädchen, das sich um alles gekümmert hat. Gastfamilie Nummer zwei besaß fünf Autos, neben beiden Elternteilen, für jedes der drei Kinder jeweils eins. Öffentliche Verkehrsmittel musste Christina kaum nutzen, irgendein Familienmitglied spielte immer den Chauffeur. So wie auch viele andere Wohnblöcke waren die Anwesen von Christinas Gastfamilien mit Elektrozäunen umgrenzt und durch Security bewacht. Nicht zu unrecht, denn einmal wurde die Hälfte der Stadt evakuiert, weil es im Supermarkt um die Ecke eine wilde Schießerei gab. Auch Christina hat die Schüsse gehört. Von kopflosen Leichen, die am Stadtrand einfach abgelegt wurden, hat sie jedoch nur aus den Medien gehört.

Das war nicht die letzte Evakuierung, die Christina miterlebt hat. "Im April und Mai haben sie dort alles dicht gemacht, wir durften nur noch mit Mundschutz und Handschuhen raus, auf die Wange geküsst wurde auch nicht mehr." Die Schweinegrippe grassierte. Zunächst hieß es, nur Mexiko-Stadt sei betroffen. Mit der Zeit nahm jedoch die Panik zu, auch bei Christinas Familie, zumal der Gastvater in der Landeshauptstadt arbeitete. "Viele Austauschschüler haben zu diesem Zeitpunkt ihr Auslandsjahr abgebrochen und sind nach Hause geflogen. Meine Eltern waren beunruhigt, aber sie haben mir die Entscheidung überlassen - und ich bin geblieben."

"Das war das beste Jahr meines Lebens. Ich habe viel gelernt, auch über mich. Ich habe eine positivere und lockere Einstellung bekommen." Zudem hat sie das Reisefieber und Fernweh gepackt. So plant sie fest, ein Auslandssemester erneut in Mexiko zu verbringen.

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