Der Ruf des Vaterlandes

shz.de von
24. Mai 2013, 03:59 Uhr

Kappeln, im August 1914

Geliebter Carl,

wie gut konnte ich Dich verstehen, als Du in Hamburg auf mich wartetest und mir sagtest, dass der Ruf des Vaterlandes Dir wichtig sei, wichtiger als ein neues, gemeinsames Leben mit mir und unserem Sohn Alexander. Ich weiß, Du könntest jetzt, wo der Krieg unser Land bedroht, nicht einfach mit uns auf und davon ziehen, nach Ägypten oder wohin auch immer. Auch wenn es sehr schmerzhaft ist, Dich nach nur einem einzigen Tag wieder davon gehen zu lassen, ist es Deine patriotische Pflicht, zur Fahne zu eilen.

Meine Mutter, die zum Glück ja ebenfalls nach Hamburg gekommen war, ist glücklich darüber, dass Alexander und ich mit ihr nach Kappeln gegangen sind. Dort werden wir in Sicherheit abwarten, bis Du siegreich von der Front zurück kommst. Unser Sohn bedauert es sehr, dass er erst zwölf Jahre alt ist. Am liebsten wäre er mit Dir gegangen. Überall auf den Bahnhöfen unterwegs spielen Musikkapellen, wehen Fahnen, winken begeisterte Menschen den Soldaten zu, die ihre Heimat verteidigen werfen. Hier in Kappeln wurden hundert rote Extrablätter mit dem Mobilmachungsbefehl angeschlagen, und man rüstet sich schnell zum Kampf, es könnte ja sein, dass die Dänen einmarschieren.

Mein Liebster, bis die Blätter fallen, seid Ihr wieder zu Hause - so hat es unser aller Kaiser versprochen. Denke an unseren Wahlspruch: Die Liebe siegt über alles. In unendlich großer Liebe, Deine Wilhelmine, die stolz auf Dich ist

Auf dem Weg nach Frankreich, im August 1914

Meine geliebte Wilhelmine,

noch habe ich keine Adresse, an die Du Deine Briefe schicken könntest, aber man sendet sie mir wohl nach. Es wird eine rasche Kriegs-Entscheidung geben, der Schlieffen-Plan sieht eine Offensive an der Westfront vor. Die meisten meiner Mitstreiter können es kaum erwarten, im Triumph in Paris einzumarschieren. Die Fahrt verlief wie im Traum. Mit wie viel Begeisterung man uns hinterherwinkte, unendlicher Jubel begleitet unseren Zug. Lange genug hätten wir satt und faul im Frieden gelebt, so meint der Kamerad an meiner Seite, jetzt dürften wir endlich zeigen, was wir für mutige Kerle sind.

Wenn ich ehrlich bin, sehe ich das etwas skeptischer. Ein Krieg ist keine Spazierfahrt. Aber wenn es so geht wie beim letzten Krieg 1871, dann sind wir spätestens an Weihnachten wieder vereint. Mut macht, dass täglich 550 Eisenbahnzüge nach Westen rollen, alle zehn Minuten fährt ein deutscher Truppentransport über die gerade eingeweihte Hohenzollernbrücke in Köln ein. Malmedy wird unser erster Stützpunkt sein.

Meine Liebste, ich weiß, dass Du tapfer bist und so viel Verständnis für deinen dummen patriotischen Carl aufbringst. Auch ich bin stolz auf Dich und werde nach dem Krieg alles dafür tun, dass Du endlich meine angetraute Frau sein wirst. Meine über alles Geliebte, ich denke an Dich, Dein Carl

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen