Stammtisch für Transsexuelle in Kappeln : Der Regenbogen-Stammtisch

Die Mitglieder des Regenbogen-Stammtisches treffen sich regelmäßig in der „Palette“ in Kappeln.
Die Mitglieder des Regenbogen-Stammtisches treffen sich regelmäßig in der „Palette“ in Kappeln.

In der „Palette“ treffen sich Transsexuelle und Angehörige und Interessierte zum Austausch.

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11. Oktober 2019, 18:08 Uhr

Kappeln | Die großen Resonanz auf den Artikel im Februar „Wie aus Heiko Heike wurde“, in dem sie ihre Transsexualität beschrieben hatte, hatte Heike Sonnenberg sich nicht träumen lassen. Nicht nur die Solidaritätsbekundungen und Ermutigungen, die sie und Matina Sonnenberg erfuhren, waren beeindruckend. Auch die Ankündigung eines Stammtisches für Interessierte und Betroffene erwies sich als voller Erfolg. „Die Menschen hatten keinerlei Berührungsängste und sprachen uns offen auf dieses Thema an. Die Rückmeldungen kamen über die sozialen Medien und aus anderen Städten“, berichtet Heike Sonnenberg. Geahnt habe sie schon immer, dass auch in der näheren Umgebung viele Betroffene leben. Überrascht war sie dennoch, als zum ersten Regenbogen-Stammtisch in der „Palette“ gleich elf Menschen erschienen.

Weiterlesen: Wie aus Heiko Heike wurde

Auch an diesem Abend macht der Regenbogen-Stammtisch seinem Namen Ehre. In der gut besuchten „Palette “sitzt ein großer Teil der Mitglieder am Tisch. Früher hätte man sie als „Paradiesvögel“ bezeichnet, dieses bunte Trüppchen, das vom Wirt, Hans-Peter Scholz, herzlich begrüßt und von den anderen Gästen nicht über Gebühr beachtet wird.

Ein Leben mit einer falschen Identität ist auf Dauer nicht möglich. Jasmin, Regenbogen-Stammtisch
 

Nicht alle Mitglieder des Stammtisches möchten öffentlich darüber sprechen, vor allem nicht die jüngeren. Dafür gibt es in der Runde viel Verständnis. „Es ist ja schon mutig genug, sich in diesem Alter dem Thema zu stellen“, fndet Jasmin, eine 67-jährige Transfrau aus Schaalby mit einer warmherzigen und humorvollen Ausstrahlung. „Mit sieben Jahren habe ich schon die Kleider meiner Mutter angezogen“, erzählt Jasmin. Natürlich habe sie das alles heimlich gemacht, zu groß sei die Angst vor dem Vater gewesen. Dreißig Jahre war sie – damals hieß sie noch Günter – verheiratet. Das Gefühl, im falschen Körper zu leben, blieb. So habe sie sich dann der Ehefrau und der gemeinsamen Tochter geoutet.

Die Familie hielt zusammen

 Dennoch blieb die Familie zusammen. „Nach dem ersten Schock und vielen Tränen ist meine Tochter sogar später mit mir shoppen gegangen“, berichtet Jasmin lachend. Ihre Frau sei nicht glücklich mit dieser Entwicklung gewesen, habe sich aber nicht trennen und die Familie zusammenhalten wollen. Das Ehepaar hat ein Arrangement gefunden. „Ich habe mir regelmäßig eine Auszeit genommen und bin in eine andere Stadt gefahren, um dort für eine kurze Zeit unerkannt meine Identität als Frau leben zu können", sagt Jasmin. Über dreißig Jahre waren sie verheiratet gewesen, dann starb ihre Frau an den Folgen einer schweren Erkrankung. „Viel zu früh“, sagt Jasmin traurig. Die Familie habe sich inzwischen von ihr abgewandt, ihre Enkelkinder sieht sie nicht, den zweiten Enkel kenne sie nicht einmal. Ihr Outing habe sie dennoch nie bereut. „Eine andere Möglichkeit gab es für mich nicht,“ erklärt sie. „Ein Leben mit einer falschen Identität ist auf Dauer nicht möglich.“ Dennoch sei sie traurig über diese Entwicklung. Einen Versuch, selbst Kontakt aufzunehmen, habe sie nicht unternommen. Zu groß sei die Angst vor Abweisung und Beschimpfungen. „Einsamkeit ist für Transsexuelle immer ein Thema“, weiß Jasmin.

Jonahs Geschichte

Auch Jonah erzählt seine Geschichte. Er ist 21 Jahre alt und an diesem Abend mit seiner Partnerin in die „Palette“ gekommen. Jonah ist ein Transmann, seinen Namen aus seiner Zeit als Mädchen möchte er nicht nennen. „Diese Zeit ist vorbei“, befindet er selbstbewusst. Jonah ist im dritten Lehrjahr in der Töpferei Stock und hat Heike Sonnenberg bei einer Selbsthilfegruppe kennengelernt. Ein paar Tage später legte ihm sein Chef den Artikel aus dem Schlei Boten auf den Tisch und so kam er zum Stammtisch.

Die Großmutter ist eine wichtige Ansprechpartnerin

Mit 16 Jahren habe er angefangen, sich für das Thema Transsexualität zu interessieren und sich zu informieren. „Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass das etwas mit mir zu tun hat,“ sagt Jonah. Wenn er sich im Spiegel betrachtete, habe er sich verkleidet gefühlt. Zunächst sprach er mit Freunden und erfuhr, dass bei einigen von ihnen Homosexualität ein Thema ist. Ermutigt durch diese Gespräche outete er sich. „Die meisten haben sich nicht gewundert“, berichtet der selbstbewusste junge Mann. „Ich wurde auch früher oft für einen Jungen gehalten. Meine Eltern sind sehr liberale Menschen“, sagt Jonah. Als Kind sei er geschlechtsneutral erzogen worden. „Ich durfte immer die Klamotten tragen, die ich wollte,“ erinnert er sich. Eine wichtige Ansprechpartnerin sei seine Großmutter. „Sie ist über 86 Jahre alt und hat keine Berührungsängste mit diesem Thema. Wenn sie etwas nicht versteht, fragt sie mich“,erzählt Jonah lachend.

Ich habe mich allein unter Millionen gefühlt. Jonah, Regenbogen-Stammtisch
 

Den Regenbogen-Stammtisch empfindet er als sehr hilfreich. „Nie hätte ich gedacht, dass es in der Region so viele Betroffene gibt, vorher habe ich mich allein unter Millionen gefühlt.“ In die Zukunft blickt er positiv. „Erstmal die Lehre beenden, dann sehe ich weiter.“ Einen Antrag auf Namensänderung hat er schon gestellt und mit der Einnahme von Hormonen möchte er im nächsten Jahr beginnen. Und er möchte allen Mut machen, denn am Ende sei das Outing nicht das Problem, sondern die Lösung.
 


>Betroffene und dem Thema Zugewandte sowie Angehörige, können sich per Mail unter regenbogentreff@gmail.com an Heike Sonnenberg wenden. Auch Homosexuelle und Menschen, die sich nicht sicher sind, sind beim Regenbogen-Stammtisch willkommen.

Das Wort Transsexualität leitet sich ab vom lateinischen „trans“ für hinüber oder jenseits  und „sexus“ für Geschlecht. Es bezeichnet die unvollständige Identifikation eines Menschen zu der Geschlechtszugehörigkeit, die ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.  Die meisten Transsexuellen sehen sich  gezwungen, ihre Umwelt über ihre Transsexualität zu informieren (Outing) und ihre Geschlechterrolle  durch geschlechtsangleichende Maßnahmen offiziell  und dauerhaft zu wechseln. Oft ist der  Entschluss das  Ergebnis einer  Krisenphase, die  als existenzbedrohend empfunden wird. Transsexualität definiert keine Aussage über die sexuelle Orientierung des Menschen.

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