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Aus der Serie „Originale“ : Der Missionar ist angekommen

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Seit 30 Jahren betreibt Peter Palette seine Kultur- und Künstlerkneipe – und ist dabei zur Ruhe gekommen.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2014 | 07:45 Uhr

  Sie sorgen nicht unbedingt für Schlagzeilen, sind aber in ihrer Heimat bekannt wie ein bunter Hund: In unserer Serie porträtieren wir gemeinsam mit der Fotografin Susanne Panozzo Menschen, die auf ihre ganz eigene Art unverwechselbar sind. Weil sie echte Typen sind – Originale eben.

Es könnte Menschen geben, die seinen richtigen Namen überhaupt nicht kennen. Menschen, die vielleicht einen verständnislosen Blick aufsetzen und einmal kurz die Brauen hochziehen, wenn sie ihn hören, den richtigen Namen. Hans-Peter Scholz – das ist er für die allerwenigsten. Hansi, das trifft’s schon eher. Und vielleicht noch ein bisschen besser Peter Palette. Der Mann trägt sein kleines Lebenswerk im Namen. Ein größeres Zeichen an liebevoller Verbundenheit ist wohl kaum möglich.

Treffpunkt Palette, wo sonst. Die kleine Kultur- und Künstlerkneipe ist sein Refugium, seine Oase, in der, so scheint es, die Zeit stehen geblieben ist. Peter Palette sitzt an einem der Holztische, ein Arm hängt über der Stuhllehne, der andere greift zur Pfeife. Hut und Fliege sitzen, natürlich, außerdem ein Jackett, dessen Farbe und Muster sich nicht viele trauen zu tragen. Peter Palette schon. „Überall wo ich hinkam, war ich eine schillernde Figur“, sagt er. Es klingt weder übertrieben noch anmaßend. Es ist wahr. Außerdem sagt er: „Ich bin schon immer ein Flüchtling gewesen.“ Geboren 1945 in Schlesien, kurz danach ins Flüchtlingslager irgendwo zwischen Bielefeld und Paderborn. Die Ausbildung zum technischen Zeichner bricht er ab – „man hielt mich für untauglich“ –, die zum Dreher hält er durch. Drei Jahre lang gehört er danach zum Bundesgrenzschutz. Peter Palette lacht, als er sagt: „Und in der Zeit war Ruhe in diesem Land.“ Doch es zieht ihn weg aus der, wie er sie nennt, „Bananenrepublik“, Deutschland ist ihm zu eng, zu farblos. Er wird Missionarshelfer in Jordanien und im Libanon – bis er auch dort wieder weg muss, als 1976 syrische Soldaten einmarschieren. Über Köln landet er schließlich in Berlin, erhält ein Stipendium und studiert Pädagogik. Kappeln kennt er in dieser Zeit nur als Tourist, erfährt aber über Bekannte, dass die Stadt einen Jugendpfleger sucht. Peter Palette bewirbt sich – und wird abgelehnt. „Wegen Unstetigkeit nicht geeignet“, sagt er. Sein Leben verläuft nicht geradlinig genug. Trotzdem bleibt er, kauft ein Fotostudio im Kehrwieder und macht daraus seine Kneipe.

Das war vor genau 30 Jahren, und es scheint, als habe Peter Palette damals seine Lebensaufgabe gefunden. Seine Mission. Für ihn ist die Palette mehr als Getränkeausschank und Essensausgabe. „Mehr Lebensberatung als in einer Kneipe geht doch gar nicht“, sagt er. „Meine Kneipe ist gelebte Pädagogik.“ Hier wird kommentiert, diskutiert, philosophiert, und Zuhörer bleibt Peter Palette da selten. Seine Kneipe ist so etwas wie sein vergrößertes Wohnzimmer mit knarzenden Stühlen, hier und dort etwas ausgetretenen Dielen. Sie hat schon viel gesehen, Streit erlebt, Musik gehört, politischen Versammlungen gelauscht – Peter Palette will es so, er will, dass seine Kneipe das Leben abbildet. „Und in Restaurants mit weißen Tischdecken passiert das nicht“, sagt er. „Da redet man höchstens über die Preise und das ungebührliche Verhalten des Kellners.“

Über ihn selber hat man früher allerdings auch kaum gut gesprochen. Jochen Bruer hat Platz genommen an einem der Tische, er ist fast täglich in der Kneipe, Peter Palette stellt ihm ungefragt einen Tee vor die Nase. „Er war der schlimmste Vogel überhaupt“, sagt der ehemalige Optiker über den Kneipenwirt. Einer von außen, der sich da ins feste Gefüge einer Stadt drängte. Mit Händen und Füßen wehrte sich Bruer damals dagegen, dass seine Tochter in der Palette ihr Taschengeld aufbessert. Heute sagt er: „Hansi brachte Kultur nach Kappeln. Mit ihm ist es nie langweilig.“ Tatsächlich gibt Peter Palette bis heute Musikern und Künstlern eine Plattform, hat mit Jugendlichen an einem Filmprojekt gearbeitet, scheut sich auch nicht davor zu provozieren. Einen Sklavenmarkt hat er vor Jahren veranstaltet – ein Spektakel, das kurz vor dem Abbruch stand. „Aber es muss nicht immer alles friedlich sein“, sagt der 69-Jährige. „Manchmal muss man die Menschen aufwecken, damit sie sich Gedanken machen.“ Damit ist er oft angeeckt, vor allem bei Behörden. Er schiebt es auf seine direkte Art, manchmal kann er laut werden, immer aufrichtig, nie beleidigend. „Irgendwann“, sagt Peter Palette und schupst die Pfeife vom linken in den rechten Mundwinkel, „ist aus einer nicht ganz definierten Feindschaft eine Freundschaft geworden“.

Wer ihm damals 1984 gesagt hätte, dass er 30 Jahre später immer noch in Kappeln sein würde, den hätte er ausgelacht. „Eigentlich passt das gar nicht zu mir“, sagt Peter Palette. Aber manchmal wird eben auch der unruhigste Geist sesshaft und beständig. Im Herzen ist er ja zum Glück Missionar geblieben.

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