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Schlei-Bote

12. Dezember 2017 | 01:47 Uhr

Kappeln : Der Herzschlag für die Orgel

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Spektakel mit Kran: Gestern wurde eine historische Windanlage für das Instrument der Nikolaikirche geliefert.

shz.de von
erstellt am 29.Jan.2014 | 07:30 Uhr

Gegen halb elf hat der Chef Brötchen spendiert. Kaffee und Wasser standen sowieso die ganze Zeit parat. Von 8 Uhr morgens an herrschte gestern in St. Nikolai Hochbetrieb. Schuld war – wie so häufig in der vergangenen Zeit – Reinalt Klein. Der Orgelbaumeister aus Lübeck hat jede Menge bedeutsame Einzelteile seines 600.000 Euro teuren Instruments nach Kappeln gebracht. Ein Kran sorgte gestern dafür, dass diese Teile dorthin gelangten, wo sie hingehören: hinauf in den Turm. Und genau auf diesen Hochbetrieb hatten sie alle gewartet – Organist, Pastor, Orgelbauvereinsvorsitzender und etliche neugierige Bürger, die den ganzen Vormittag über immer wieder stehen blieben, um sich das Schauspiel aus der Nähe anzusehen.

Wer St. Nikolai betritt, richtet seinen Blick unwillkürlich auf das gewaltige Instrument am Ende des Kirchenschiffs. Blitzende Orgelpfeifen empfangen jeden einzelnen Besucher. Aber es gibt eben auch einen Teil des Instrumentes, der weitaus weniger blinkt, weniger furios anlockt – und dabei mindestens genauso imposant ist. Das ist die Windanlage. Gestern drehte sich einmal alles nur um sie.

Reinalt Klein und seine Mitarbeiter Morris Walter und Nikas Glücks verpackten Tretbalken und Fußstützen, Ansaugkanäle und Gebläse, Haltestangen und Ventile gut geschützt und streng geschnürt. Ein Kran hievte jede dieser individuell angefertigten Zutaten für das Kappelner Instrument durch ein Fenster hinauf in den Turm – echte Maßarbeit. Ein Umstand, der sich ganz besonders bei den gut 240 Kilogramm schweren Windbälgen bezahlt machte: Rechts wie links blieben mit viel gutem Willen vielleicht zwei Fingerbreit Luft. Oben nahmen Kleins weitere Mitarbeiter Tobias Rühl und Samuel Wielandt die kostbare Fracht in Empfang und sortierten sie so, wie es die folgenden Arbeitsabläufe erforderten. Es war offensichtlich: Das Quintett schien nicht nur äußert eingespielt, sondern ebenso beachtlich vorbereitet.

Der Turm nämlich war nur ein Zwischenlager. Von dort ging es noch eine Treppe weiter nach oben auf den engen und mit nicht wenigen Stolperfallen bestückten Dachboden. Ganz am anderen Ende wird nun das Gerüst entstehen, das die Bälge halten soll. Die Bälge selber ziehen die Orgelexperten mit einem eigens angefertigten Holzschlitten einmal quer über den Boden. Es folgen Pumpenmechanik und verschiedene Ventile, die den Wind einfangen und wieder hinauslassen – „es funktioniert wie ein Herz“, sagte Klein dazu. Am Ende der Woche soll es bereit sein zu schlagen.

Bis dahin bleibt auch Klein noch ein bisschen Zeit, sich Gedanken über sein Kappeln-Projekt zu machen – offenbar eines mit bemerkenswerten Dimensionen. „Dass eine Orgel sechs Bälge erhält wie diese, ist in Deutschland absolut ungewöhnlich“, sagte der Orgelbaumeister, der eben deshalb gestern zum ersten Mal in seiner Laufbahn ein Kran zur Hilfe nehmen musste. „Vier sind schon wirklich viel.“ Aber wenn man – und das war der ausdrückliche Wunsch – mit dem Fuß pumpen wolle, sei der Windverbrauch eben enorm. „Es ist halt eine historische Balganlage“, resümierte Klein.

Bis Ostern wird es noch dauern, ehe Organist Thomas Euler zum ersten Mal die neuen Töne anschlagen darf. Und bis dahin wird er wohl auch jemanden ausgeguckt haben, der die Pumpmechanik für ihn betätigt. Gestern stand Euler jedenfalls stundenlang unten vor der Kirche, Blick nach oben, Lächeln auf den Lippen. Gegen Mittag schlug auch Thies Kölln im Kirchturm auf. Erste Amtshandlung des Vorsitzenden des Orgelbauvereins: Kölln zückte das Handy und fotografierte. Und dann wollte Pastor Dr. Karsten Petersen wissen, wie weit der Orgel-Teil-Transport gediehen war – und kam schnell ins Schwärmen. Schließlich erlebe auch ein Pastor ein Bauwerk dieses Ausmaßes nicht als Selbstverständlichkeit. Wie auch ? Ein Wesen mit Herz ist immer alles andere als selbstverständlich.

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