Kappeln : Der Glückspilz von Grauhöft

Überstanden: Willy Stapelfeldt sitzt auf einem Pfahl auf seiner Brücke. Unter der blauen Plane dümpelt der Bagger, mit dem der 75-Jährige in die Schlei gefallen war.
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Überstanden: Willy Stapelfeldt sitzt auf einem Pfahl auf seiner Brücke. Unter der blauen Plane dümpelt der Bagger, mit dem der 75-Jährige in die Schlei gefallen war.

Willy Stapelfeldt stürzt mit seinem Bagger in die Schlei – Kollegen retten ihn aus dem fünf Grad kalten Wasser.

shz.de von
24. März 2017, 07:00 Uhr

Willy Stapelfeldt sitzt auf einem der dicken hölzernen Pfähle auf seiner Brücke in Grauhöft. Wollpulli, schwarze Cordhose, Schiebermütze. Er muss die Augen ein bisschen zusammenkneifen, die Sonne blendet. „Ich habe wirklich viel Glück gehabt“, sagt er dann und lächelt. Und das ist wohl noch deutlich untertrieben. Am Mittwochmorgen erlebte der 75-Jährige ein Missgeschick, das ihm mehr als nur einen Schreck hätte einbringen können. Davon erzählt er fast beiläufig, als gestern Mittag die Feuerwehr bei ihm vor der Tür steht. Vier Mann der Olpenitzer Wehr sind ausgerückt, um in Stapelfeldts Werft einen kleinen Ölschaden zu beheben. Am Mittwoch nämlich war ein alter Bagger auf dem Gelände ins Wasser gefallen und verlor nun noch etwas Öl. Und Willy Stapelfeldt? Hatte just in diesem Augenblick im Führerhaus des Baggers gesessen.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Der Bagger war alt, verrottet, kaputt. So stand er auf einem ausrangierten früheren Küstenmotorschiff, das Stapelfeldt und seinem Team als Arbeitsponton dient. „Wir wollten ihn Stück für auseinanderbauen und dann an Land transportieren“, sagt der Werft-Chef. Der Ausleger war bereits abmontiert, die Belegschaft hatte Hydraulik-, Motor- und Getriebeöl so gut wie möglich abgelassen, als sich Willy Stapelfeldt in den Bagger hineinsetzte. Das Problem: Das alte Fahrzeug stand auf ausgefahrenen Füßen, sogenannten Pratzen. Um die wieder einzufahren, musste der Motor laufen. Als der 75-Jährige im Bagger saß und er gerade die Arretierung betätigen wollte, die verhindert, dass der Bagger sich dreht, war es schon zu spät. „Da fing er schon an, sich zu drehen“, sagt Stapelfeldt. Das Fahrzeug kippte nach hinten über und fiel ins Wasser. „Und ich bin mit reingefallen.“ Je länger Willy Stapelfeldt davon erzählt, desto mehr ist zu merken, wie sehr ihn die Situation noch gefangen nimmt. Etwa eine Minute, so erinnert er sich, sei er unter Wasser gewesen, habe sich orientieren, den Weg hinaus aus dem Führerhaus suchen müssen. „Und überall bin ich mit meinen Klamotten hängengeblieben“, sagt er. Maximal fünf Grad, so schätzt der Bootsbauer, habe die Temperatur der Schlei betragen, mehrere Minuten habe er dann im Wasser aushalten müssen, ehe es seiner Belegschaft gelang, ihn hinauszuziehen.

Nach einer heißen Dusche war die Sache für Willy Stapelfeldt dann erstmal wieder vergessen. Wichtiger in dem Moment: Der Bagger verlor Ölreste, die sich im Wasser verteilten. Nicht viel, aber eben doch so viel, dass Jaich-Ostseedienst eine Ölsperre auslegte und dickflüssige Reste abschöpfte. Glücklicher Zufall: Der Wind drückte das Wasser Richtung Werftgelände, die Gefahr, dass sich das Öl in der Schlei ausbreiten würde, war gering.

Ein Angler, so vermutet es Stapelfeldt, hat dann gestern die Leitstelle informiert, die wiederum die Ortswehr Olpenitz alarmierte – allerdings von vornherein mit Einschränkung: Dass dort keine Naturkatastrophe drohte, stand offenbar fest, sodass es ausreichte, die Wehr mit vierköpfiger Besetzung loszuschicken. Heiko Krause, stellvertretender Ortswehrführer in Olpenitz, brachte nun gestern mit seinen Kameraden Hochseesperren aus. Die sollen verhindern, dass das Öl auch bei veränderter Windrichtung in die Schlei läuft. Zusätzlich kamen Netzschlauchsperren zum Einsatz, deren Vlies-Füllung das Öl aufsaugt. „Das hier ist aus Umweltsicht kein Riesendrama“, sagt Krause. „Aber dass wir gekommen sind, war trotzdem auf jeden Fall erforderlich.“ Drei gute Stunden, so kalkuliert er, würde der Einsatz insgesamt dauern.

Heute früh nun soll der Bagger aus dem Wasser geholt und verschrottet werden. Dann kann Willy Stapelfeldt auch endgültig einen Strich unter die Sache ziehen. Unter der Sonne auf der Brücke sagt er gestern: „Richtig bewusst geworden, was mir da passiert ist, ist mir das eigentlich erst am Abend danach.“ Einen Moment lang wird er leise, blickt auf den Bagger, der da vor ihm unter einer Plane in der Schlei dümpelt. „Ich hätte ja auch zerdrückt werden können“, sagt er. Glück gehabt? Das ist wohl tatsächlich maßlos untertrieben.

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