Denkwürdiges und Bedenkliches

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06. Juli 2012, 10:07 Uhr

Kappeln, Ende Dezember 1901 Liebe Tochter, so weit entfernt!

Wie gern hätte ich Deine Meinung gewusst über einen Erlass der königlichen Regierung, der, schon vor Jahren herausgegeben, nun von Neuem für Unwillen sorgte. Es dürfe ab jetzt in der Vorweihnachtszeit in öffentlichen Lokalen keine theatralische Aufführung unter Beteiligung von schulpflichtigen Kindern stattfinden. Das müsse als moralischer und pädagogischer Missbrauch gesehen werden und ist deshalb verboten. Die soeben neu eröffnete Bäckerei Matthiesen, der ein schönes Café angeschlossen ist, musste deshalb die dort vorgesehene Weihnachtsfeier absagen. Unverhofft kam Hilfe seitens der Kirche. Unsere Frau Pastor bat so inständig ihren Mann um Beistand, dass der in unserer schönen St. Nikolaikirche, im strahlenden Glanz der neuen elektrischen Beleuchtung, die Schulkinder ihr Krippenspiel aufführen ließ. Es war ein rührendes Schauspiel.

Fast ebenso gerührt war Annchen, unser Dienstmädchen, dem ich zu Weihnachten einen neuartigen Dielenöler mit einem verstellbaren Holzstiel überreichte, zur Erleichterung ihrer schweren täglichen Arbeit. Eine Anzeige in unserem Schlei Boten machte mich darauf aufmerksam, und mein Wilhelm hat ihn mir aus Flensburg mitgebracht.

Dir wünsche ich viel Erfolg für Deine anstehende erste Prüfung zur Lehrerin.

Deine

stets an Dich denkende

Mutter Friederike Schulze

Berlin, Silvester 1901 Meine liebe Mutter, die ich so gern hier hätte!

Was bedeutet mir schon der Tod von Englands Königin Viktoria, das seltsame, wunderlichen Bismarck-Denkmal vor dem Reichstag und der Besuch des Zaren Nikolaus bei unserem verehrten Kaiser Wilhelm anlässlich eines Flottenmanövers. Für mich ist eine ganze Welt zusammengebrochen.

Mein geliebter Carl Meurer, dem ich in den vergangenen Monaten so nahe gekommen bin und dem ich, so schien es, ebenfalls nicht gleichgültig schien, ist bereits verheiratet. Gestern gestand er es mir, nachdem ich ihn fragte, ob wir das Weihnachtsfest gemeinsam begehen könnten. Es sei keine Liebesheirat gewesen, so behauptete er, sondern von den Eltern arrangiert und man sei sich fremd geblieben.

Leonore geb. von Kesselstetten, seine Frau, sei schön, aber kühl und an nichts, was ihn beträfe, in irgendeiner Weise interessiert. Eine Scheidung sei nicht möglich, da es ein Kind gebe, eine Tochter. Carl schien aufrichtig betrübt darüber, aber kann ich ihm das glauben?

Er spricht davon, wieder zu den Ausgrabungen nach Babylon zu gehen oder, noch besser, nach Syrien, wo Max von Oppenheim, den er im vergangenen Jahr kennen gelernt hat, eine uralte Siedlung unter einem Hügel gefunden hat.

Was soll ich nur tun? Wäre ich doch ein Mann, dann könnte ich mich ebenfalls der Archäologie verschreiben und zusammen mit Carl in fernen Ländern auf den Spuren alter Kulturen wandeln.

Traurige Grüße

von Deiner Tochter

Wilhelmine

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