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Schlei-Bote

18. Dezember 2017 | 00:57 Uhr

Kappeln/Karby : „Dat is een Ünnerhemd“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Vor einem guten Jahr startete das Modellprojekt „Freiwilliges Niederdeutschangebot an Grundschulen“ – eine erste Bilanz.

von
erstellt am 05.Nov.2015 | 08:00 Uhr

Plattdüütsch – noch vor einigen Jahrzehnten alltägliche Sprache, hört man sie heute kaum noch. Schon gar nicht von den Jüngsten der Gesellschaft. Woher auch, wenn niemand mit den lütten Düüvels op Platt snackt?

Marianne Ehlers sieht das anders. Die Referentin für Niederdeutsch und Friesisch des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SHHB) findet: „Wir sind in Schleswig-Holstein auf einem guten Weg, insbesondere im Bildungsbereich Schule sind wir vorangekommen, was die niederdeutsche Sprache angeht.“ Wird in Sachen Snacken op Platt tatsächlich in den Nachwuchs investiert? „Ja“, sagt Ehlers. „Viele Schulen und Kindergärten in Schleswig-Holstein bieten Projekte, AG’s oder Nachmittagsangebote auf freiwilliger Basis für Kinder und Jugendliche an, und das ist ganz toll“, bilanziert die Diplom-Bibliothekarin. „Mit dem Niederdeutschangebot an Grundschulen existiert jetzt sogar ein verbindliches Konzept.“ Denn mit dem Ziel des systematischen Spracherwerbs des Niederdeutschen initiierte der SHHB im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Land Schleswig-Holstein das Modellprogramm „Freiwilliges Niederdeutschangebot an Grundschulen“.

Patricia Zimnik, stellvertretende Pressesprecherin des Ministeriums für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein, erläutert das Konzept: „Der Unterschied zu anderen Angeboten ist der, dass Niederdeutsch in diesem Fall nicht nur nebenbei geplaudert, sondern als eine neue Fremdsprache erlernt wird.“ Insgesamt 27 Grundschulen erhielten in diesem Rahmen im vergangenen Jahr zwei zusätzliche Wochenstunden für plattdeutschen Unterricht in der Klassenstufe eins. Ganze 44 Schulen, erklärt Zimnik, hatten sich zuvor dafür beworben, Modellschule zu werden. Nachdem in diesem Schuljahr zwei weitere Modellschulen dazugekommen sind, profitieren derzeit insgesamt 1606 Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klassen in Schleswig-Holstein von dem neuartigen Fremdsprachenunterricht der Modellschulen. Voraussichtlich im kommenden Herbst, so die stellvertretende Pressesprecherin, wird es zu einer Bewertung des Projektes kommen. „Mit Niederdeutsch im Erstsprachenunterricht haben wir ja bisher keine Erfahrung. Aber schon jetzt ist die Resonanz durchaus positiv“, sagt Patricia Zimnik.

Auch die Grundschule Karby hatte sich im vergangenen Jahr für das „Freiwillige Niederdeutschangebot an Grundschulen“ beworben. Regelmäßig nimmt die Schule am „Plattdeutschen Lesewettbewerb“ teil, außerdem sind niederdeutsche Angebote ein fester Bestandteil der Projektwochen der aktuell insgesamt 103 Schüler. Seit 2012 ist zudem auch der Musikunterricht für die erste bis vierte Klasse mit plattdeutschem Liedgut der Regionalsprache verpflichtet. Von den acht Lehrern der Karbyer Grundschule sprechen drei fließend Niederdeutsch. Frauke Bruhn, Musik- und Mathelehrerin, ist eine von ihnen. Aktuell unterrichtet die 48-Jährige die erste und zweite Klasse jahrgangsübergreifend im Plattdeutsch-Unterricht. „Die Jüngeren nehmen das schnell von den älteren Schülern auf“, erklärt die Pädagogin, für die dank ihres Elternhauses Snacken op Platt kein Problem ist.

Der siebenjährige Joshua betritt als Erster den Klassenraum und begrüßt seine Fremdsprachenlehrerin mit „Moin moin Fru Bruhn“. Mit Liedern wie „Lütt Matten“ und „Dat du min Leevsten büst“, aber auch verschiedenen Spielen lernen die Schüler während des Unterrichtes nicht nur Vokabeln, sondern auch das freie Sprechen auf Niederdeutsch. So stehen aktuell Farben und Kleidungsstücke auf dem Lehrplan. „Dat is een Ünnerhemd“, sagt Linus, während er auf das auf einem Tisch ausgebreitete Textilstück zeigt. Im sich anschließenden Spiel wird der Spieß umgedreht, wenn Frauke Bruhn die Schüler auffordert: „Wies mi de Wullsocken.“ Wer am schnellsten mit seiner Fliegenklatsche auf die Wollstrümpfe zeigt, bekommt einen Punkt für sein Team.

Anregungen für den Unterricht hat sich Frauke Bruhn von den Englischlehrern geholt. Mit Zertifikatskursen und dem Besuch der Landesfachtage Niederdeutsch bildet sich die Plattdeutschlehrerin regelmäßig weiter. Nach einem Jahr Plattdeutschunterricht sieht Bruhn die Erfolge ihrer Arbeit. „Die Kinder sind sehr interessiert. Man hört immer wieder von ihnen: Opa snackt Platt mit mi“, sagt die Lehrerin. Auch die Resonanz der Eltern sei durchweg positiv. Die Plattsprecher werden weniger, davon ist Frauke Bruhn überzeugt – „aber die niederdeutsche Sprache ist ein Stück Heimat. Straßen und Ortsnamen sind bei uns Plattdeutsch, und unsere Kinder wissen das teilweise gar nicht.“

In zwei Jahren hat das Projekt „Freiwilliges Niederdeutschangebot an Grundschulen“ das Ziel des Plattdeutschunterrichtes aller Klassenstufen an den Modellschulen erreicht. Frauke Bruhn hofft, dass es weitergeht. Auch Marianne Ehlers vom SHHB setzt sich für die Fortsetzung des Modellprojekts an Grundschulen ein. Die Diplom-Bibliothekarin ist überzeugt von dem langfristigen Erfolg des Plattdeutschunterrichts. „Der große Plan ist, dass es weitergeht und mehr Schulen eingebunden werden“, verdeutlicht die Referentin für Friesisch und Niederdeutsch. „Aber dafür sind wir auf die finanzielle Unterstützung des Landes angewiesen. Bildung gibt es nicht zum Nulltarif.“ Allerdings lohne es sich immer, etwas für die eigene Sprache zu tun, fügt Marianne Ehlers abschließend an.

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