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Schlei-Bote

22. August 2017 | 05:56 Uhr

Das Warten und die Verbote

vom

Kappeln, im Oktober 1916

Mein liebster Carl, seit Tagen warte ich auf Post von Dir ! Bist Du immer noch im Lazarett oder wieder vor Verdun ? Ich mache mir die größten Sorgen, weil von dort so viele schlimme Nachrichten kommen. Oder könnte es sein, dass Du auf dem Weg hierher zu mir und den Kindern bist ? Das wäre zu schön !

Bei uns geht das Leben irgendwie weiter, mit vielen Einschränkungen, über die Mutter sich immer wieder mokiert. Sie glaubt, der Kaiser würde es schon richten, bald sei der Krieg gewonnen. Meta, ihre beste Freundin, ist realistischer, und so kabbeln die Zwei sich oft. Alexander musste sein Fahrrad in den Schuppen stellen, weil unsere Polizei ein neues Gesetz etwas zu streng ausgelegt hat. Das Fahrradfahren ist verboten - zu Vergnügungs- und zu Sportzwecken. Unser Sohn benötigt es aber, um zur Schule und auf die Felder zu fahren, wo er als Erntehelfer dringend gebraucht wird.

Wir Frauen ernten etwas ganz anderes, Du wirst lachen, wir sammeln Brennnesseln. Daraus soll Tuch gewebt werden, weil Baumwolle und Hanf nicht mehr zu bekommen sind. Kannst Du Dir vorstellen, ein Brennnessel-Hemd zu tragen ? Wir Lehrer wurden dazu angehalten, darauf zu achten, dass die Schulkinder keine Schundliteratur in die Hände bekommen. Die Liste der Titel ist lang. Ausländische Detektivromane wie "Percy Stuart" oder "Pinkerton - Neue Kriminal-Bibliothek" verderben unsere Jugend, so heißt es im Amtsblatt. Wir sind jetzt oft im Wald und sammeln Kastanien und Bucheckern, Julchen läuft schon sehr tapfer mit. Und ich laufe jetzt oft zur Tür und glaube, dass Du davor stehst, vor Deiner Wilhelmine

Kappeln, Anfang November 1916

Liebster Carl, seit Wochen höre ich nichts von Dir ! Wo bist Du ? Lebst Du ? Geht es Dir gut ? Was kann ich tun, um Auskunft über Deinen Verbleib zu erhalten ? Du gehörst leider amtlich und offiziell nicht zu mir und ich habe kein Recht darauf, zu erfahren, was mit Dir geschehen ist. Da fiel mir ein, Du hast mir doch Dein Soldbuch abgeschrieben, damit ich Deine Stammrollen- Nummer habe. Das schreibe ich jetzt nochmal ab und sende es an Deine letzte Adresse, mit der Bitte um Auskunft:

Soldbuch für den Oberleutnant Carl Meurer, Nr. 352 der Stammrolle, geb. am 30.6. 1865 in Potsdam, Wohnort Berlin, evangelisch, Archäologe, gesch. Tag des Eintritts in das Heer: 4. August 1914, Personenbeschreibung: Gestalt: groß, Haar: blond, Augen: blaugrau, Bart: keiner, Stiefel: Länge 28 Weite 5, geimpft gegen Pocken, Cholera, Thyphus.

Ausgefertigt: Hamburg, 4. August 1914.

Das ist alles, was ich habe. Gebe Gott, dass ich von Dir selbst die Antwort erhalte, dass es Dir gut geht. Ohne Dich möchte ich nicht weiterleben, Deine Wilhelmine

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von
erstellt am 09.Aug.2013 | 04:59 Uhr

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