Geltinger Naturschutzgebiet : Das raue Hawaii auf der Birk

Uwe Schwippert meldet die Geburt des ersten Wildpferde-Fohlens in diesem Jahr. Foto: Thiesen
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Uwe Schwippert meldet die Geburt des ersten Wildpferde-Fohlens in diesem Jahr. Foto: Thiesen

Das Geltinger Naturschutzgebiet bietet auf 600 Hektar viele ungewöhnliche Eindrücke.

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21. Juni 2013, 10:34 Uhr

Gelting | "Hat es geklingelt ?", schallt es verwundert durch die menschenleeren Ausstellungsräume der Integrierten Station Geltinger Birk. Während sich im Sommer die Urlauber hier scharenweise die Klinke in die Hand geben, ist man im Winter Besuch nicht gewohnt. Doch auch in den Wintermonaten, wenn die Birk sich von ihrer rauen Seite zeigt, haben die sechs Mitarbeiter der Station alle Hände voll zu tun.
Die Integrierte Station Geltinger Birk ist der Dreh- und Angelpunkt des Treibens auf dem 600 Hektar großen Naturschutzgebiet im äußersten Nordosten Schleswig-Holsteins. Hier vernetzt sich die Arbeit der verschiedenen Stiftungen, Vereine und Behörden, die in enger Zusammenarbeit einen angemessenen Ausgleich zwischen Tourismus und Naturschutz zu gewährleisten versuchen. Ein großer Teil des Schutzgebietes soll langfristig wieder zu einem salzhaltigen Feuchtgebiet werden, um einen Lebensraum für heimische Amphibien zu schaffen und zu erhalten.
An einem kalten Februartag bin ich mit den beiden Stationsmitarbeitern Uwe Schwippert und Stefan Brocke verabredet, die ich einen Tag lang bei ihrer Arbeit auf der Geltinger Birk begleite. Als ich die Station betrete, wärmen die beiden sich gerade bei einer Tasse Kaffee auf. Sie waren bei einer Herde der auf der Birk lebenden schottischen Hochlandrinder. Ein Kalb war in einem Wasserloch stecken geblieben und konnte sich nicht aus eigener Kraft befreien. Eine Nacht im kalten Wasserloch ist selbst für die zähen Tiere kein Vergnügen. Ob das Kalb sich von dieser Nacht erholen wird, ist nicht sicher.
Die beiden führen mich durch die Ausstellungsräume der Station. Hier informieren sie die Besucher über die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. Doch den größten Teil ihrer Zeit verbringen sie nicht in der Station, sondern auf den Wiesen, Weideflächen und in den Wäldern des Naturschutzgebietes. Und auch heute gibt es wieder viel zu tun. Während im Sommer viele Besucher die Birk zu Fuß oder per Kutsche erkunden, geht es heute mit dem stationseigenen Pickup den Deich entlang. Auf der rechten Seite wechseln sich Steilküste, Stein- und Sandstrand in regelmäßigen Abständen ab. Die Landschaft auf der linken Seite verändert sich wie in einem Daumenkino. Weideflächen, Seengebiete, Wälder. Nur wenige Fußgänger lassen sich auch im Winter nicht von dem eisigen Wind abschrecken. Belohnt werden sie mit einem Blick auf eine wundervolle Winteridylle, die so ganz anders ist, als das gewohnte Sommerbild der Birk. Wie erstarrt wirkt die Natur, alles scheint nur auf den Frühling zu warten, wenn aus dem faden Grau endlich wieder ein sattes Grün werden kann.
An einer Kurve hält Schwippert an. Die Brandung schlägt mit voller Wucht gegen die Steilküste. Der Anblick ist überwältigend. Stefan Brocke, der auf der Rückbank sitzt, lehnt sich nach vorne, um zwischen den Vordersitzen durch die Windschutzscheibe zu blicken. "Hier fühl’ ich mich immer wie auf Hawaii", erzählt er. "Nur wenn ich aussteige, weiß ich, dass ich in Gelting bin." Wir steigen aus, denn ab hier geht es zu Fuß weiter. Ein eisiger Wind lässt mich eindrucksvoll wissen, dass wir uns an der Ostsee befinden, anstatt am Strand von Honolulu.
Wir gehen durch ein kleines Waldstück. Mit einem beherzten Sprung über einen zugefrorenen Bach erreichen wir unser Ziel. Ein Zaun, der die Weiden von dem Waldstück trennt, muss erneuert werden.
Am Horizont beobachte ich eine Herde Wildpferde, die sogenannten Koniks, die wegen der Kälte dicht zusammen stehen. Dahinter sammelt sich ein Schwarm Wildgänse um einen der wenigen ungefrorenen Seen. Auf den Bäumen sitzen Kormorane, die das Treiben der Wildgänse wachsam beobachten. Rund 170 Vogelarten leben hier. Uwe Schwippert folgt meinem Blick und sagt dann: "Kormorane und Gänse - dann ist der Seeadler auch nicht weit." Doch der Adler lässt sich heute leider nicht blicken.
Als der Zaun wieder steht, geht es durch den Wald zurück zum Pickup. Am Strand macht sich eine Herde Schafe über die kahlen Hecken her. "Wir arbeiten da, wo andere ihren Urlaub machen", witzelt Brocke, während wir die Strandurlauber der besonderen Art beobachten. Und Schwippert fügt hinzu: "Eigentlich haben wir den geilsten Job der Welt."

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