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Bürgermeisterwahl in Kappeln : „Das Rathaus muss unabhängig bleiben“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Bürgermeister Heiko Traulsen kritisiert die Politik in der Stadt und setzt auf eine flächendeckende Breitband-Versorgung innerhalb von fünf Jahren.

Die Kappelner Bürger sind am 27. September dazu aufgerufen, eine Bürgermeisterin oder einen Bürgermeister zu wählen. Die Redaktion des Schlei Boten hat mit beiden Kandidaten über Ziele und Wünsche gesprochen. Wir veröffentlichen die Interviews in alphabetischer Reihenfolge. Das Duo komplettiert Heiko Traulsen, parteiunabhängiger Amtsinhaber.

 

Herr Traulsen, am 27. September stellen Sie sich erneut der Wahl zum Bürgermeister. Was war so schön an den zurückliegenden sechs Jahren, dass Sie nicht genug bekommen können?
Nun, beispielsweise die Erfolgsgeschichte eines ausgeglichenen Haushaltes. Angefangen haben wir mit einem Millionendefizit, mittlerweile haben wir im zweiten Jahr einen ausgeglichenen Haushalt. Die Stadt ist in vielen Bereichen schöner vorzufinden. Nehmen Sie als Beispiel die vielen bunten, blühenden Verkehrsinseln. Das gute Vorankommen beim Ostseeresort Olpenitz und das seit Kurzem bekannte Weiterkommen bei den Schlei-Terrassen. Und die zunehmend bessere Arbeitsmarktsituation.

Was verbuchen Sie im Rückblick als Ihren größten persönlichen Erfolg?
Einer der größten Erfolge ist, dass ich gleich zu Beginn meiner Amtszeit Sicherungshypotheken im Bereich des Grundstückes Port Olpenitz durchgesetzt habe. Hierdurch habe ich immensen Schaden für die Stadt verhindert. Leider gab es damals völlig unverständliche Tendenzen in der Politik, diese Maßnahme zu verhindern. Davon habe ich mich nicht beeindrucken lassen. Wäre das anders gekommen, hätten wir heute mehrere Hunderttausend weniger in der Schatulle.

Und was war Ihr größter Fehler?
Ohne falsche Bescheidenheit, Fehler im wahrsten Sinne dieses Wortes habe ich keine gemacht. Ich hätte sicherlich das eine oder andere im Nachhinein betrachtet anders, vielleicht noch besser, lösen können. Beispiel Feuerwehr-Neubauten. Da hätte ich sicherlich, wenn auch in Etappen, die eine oder andere Zahl vorher benennen können.

Als Sie vor sechs Jahren antraten, sagten Sie unter anderem: „Der Bürgermeister soll sich eigentlich aus der Politik heraushalten.“ Ist Ihnen das gelungen?
Im Grunde ja. Ich sehe den Bürgermeister nicht als Primat der Politik, sondern als Triebfeder und Motor der städtischen Entwicklung. Er ist derjenige, der Vorschläge unterbreitet in der Hoffnung, dass man diesen nachkommt. Die erforderlichen Beschlüsse fasst die Stadtvertretung autonom. Allerdings gilt das auch umgekehrt. Auch Verwaltung handelt autonom. Es gibt aber heute noch Politiker, die glauben, sie könnten sich in die Geschicke des Rathauses einmischen und es von außen steuern. Aktuell sieht man das auch daran, dass man versucht, eine parteipolitisch gebundene Bürgermeisterin zu installieren. Es geht einzig und allein um Macht. Auf diese Weise soll der politische Einfluss auf das Rathaus verstärkt werden. Das Rathaus ist mit mir als Verwaltungschef ein neutraler Dienstleistungsort. Im Übrigen stellt sich mir in jüngster Zeit die Frage, ob einzelne Parteimitglieder aus SPD und CDU das Ansehen unserer Stadt nicht eher beschädigt haben, anstatt es zu fördern.

Fürchten Sie aufgrund der jüngsten Entwicklung Nachteile, sollten Sie wiedergewählt werden?
Das wird sich nach dem 27. September in Luft auflösen. Beispiel Kommunalwahl: Da haben sich die Etablierten bis vor das Verwaltungsgericht geschleppt. Und über Nacht haben sie ihre Positionen überdacht und arbeiten aus purem Eigeninteresse wieder zusammen. Die Widerstände, die unsere Bürgerinnen und Bürger momentan erleben, sind rein parteipolitischer Natur. Im Übrigen darf ich erinnern, dass keiner von uns zum Selbstzweck gewählt wurde, sondern um die Interessen dieser Stadt zu vertreten.

Als Ihre inhaltlichen Schwerpunkte haben Sie zu Amtsbeginn Jugend und Arbeit, Ausbildungsplätze und Senioren genannt. Hat sich etwas verändert?
Hinzugekommen sind Wirtschaft und Schulen, die medizinische Versorgung und nach wie vor unsere Konversionsprojekte. Was die schon genannten Punkte betrifft, haben Seniorenbeirat und Rathaus beispielsweise eine Mängelliste in Arbeit, die dem Rathaus vorliegt mit der Bitte, diese Mängel abzustellen. Das funktioniert gut. Wenn ich an unsere Jugend denke, kann ich sagen, dass ich ein vorzügliches Verhältnis zu allen Schulen habe. Die Vernetzung klappt sehr gut.

Was unterscheidet Sie von Ihrer Mitbewerberin?
Wir haben eine völlig unterschiedliche Vita. Aber der größte Unterschied ist wohl der, dass Frau Kraft parteipolitisch gebunden ist und ich nicht. Das ist mir wichtig, und das bleibt auch so.

Was ist Ihrer Ansicht nach Kappelns größte Schwäche? Und wie kann man sie ausmerzen?
Das Zaudern der herrschenden Politik, was die Verbesserung der Infrastruktur der Stadt angeht. Wir haben so gute Voraussetzungen, diese Stadt zu entwickeln, wie seit vielen Jahren nicht. Wir könnten die Stadt also optisch und baulich noch besser darstellen, angefangen bei Mülleimern über Gehwege und Plätze bis hin zu Grundstücksankäufen, um eigene Projekte umsetzen zu können. Das funktioniert aber nicht gut, weil sich die Politik sehr zögerlich verhält. Das finde ich sehr schade.

Sie haben den sich langsam erholenden Haushalt angesprochen, der aber trotzdem ein sensibler Bereich bleibt. Wo könnte Ihrer Ansicht nach noch weiter gespart werden?
Wir haben die sogenannte Giftliste des Innenministeriums immer im Blick. Die gibt uns detailliert vor, was wir uns leisten können und was nicht. Was man darüber hinaus noch kürzen könnte, wüsste ich im Moment nicht. Ich finde diese Liste beachtlich. Sie zeigt uns die Leitplanken deutlich auf.

Trotzdem soll Kappeln eine lebenswerte Stadt bleiben – was macht sie dazu?
Eine gute Qualität der öffentlichen Einrichtungen, die gute medizinische Versorgung und die Vielfalt der Schullandschaft. Weiterhin haben wir einen hohen Erholungswert durch Schlei- und Ostseenähe. Es ist bedauerlich, dass wir keine Schwimmhalle mehr haben, dafür aber Kunsthaus, Kino und eine attraktive Innenstadt – wir müssen darauf achten, dass es so erhalten bleibt. Das dient der Lebensqualität für Einwohner und Gäste.

Haben Sie einen Lieblingsort?
Ja, den Hafen. An der Hafenkante zu sitzen, wirkt sehr entspannend und inspirierend.

Interkommunales Gewerbegebiet, Breitbandversorgung, Schleiterrassen – viele Projekte sind angestoßen. Wie beurteilen Sie deren Weiterentwicklung?
Positiv, und zwar in allen Bereichen. Bei der Breitbandversorgung bin ich hochzufrieden mit der Zusammenarbeit der beiden Verwaltungen von Amt Schlei-Ostsee und Stadt Kappeln. Das Thema wurde mit hohem Engagement angegangen. Ich gehe davon aus, dass wir innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre eine 100-Prozent-Versorgung mit Glasfaser haben. Interkommunalität spielt auch beim Gewerbegebiet eine Rolle, welches auf der anderen Schleiseite entstehen soll. Die Resonanz bei den Gemeinden ist gut. 2016 werden wir soweit sein sagen zu können, in welcher Größe das Gebiet wo errichtet werden soll.

 

Wo ordnen Sie das Thema Flüchtlinge ein? Und was können Sie als Bürgermeister für Flüchtlinge tun?
Das Thema ist leider schwer kalkulierbar. Der Bürgermeister kann werben für Akzeptanz und Engagement. Er muss sich dafür einsetzen, gemeinsam mit der Verwaltung Wohnraum sicherzustellen. Es müssen personelle Voraussetzungen geschaffen werden, um den Ansturm an Verwaltungsarbeit abzuarbeiten. Da bin ich leider bei der herrschenden Politik abgeblitzt. Die CDU mit Frau Kraft hat gemeinsam mit der SPD die beantragte Stelle zusammengestrichen – von Voll- auf Teilzeit und kürzer befristet.

Die Organisationsanalyse hat unter anderem Defizite in der internen Kommunikation im Rathaus offenbart. Was tun Sie dagegen?
Ich brauchte nicht die Orga, um zu wissen, dass es an einzelnen Stellen Reibungsverluste gibt. Was habe ich bisher veranlasst? Zum einen habe ich die Führungsstruktur erheblich gestrafft, zum anderen werden alle Fachbereichsleitergespräche protokolliert. Diese Protokolle erhalten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Kenntnis. Drittens findet in einzelnen Abteilungen mit externer Hilfe eine Art Coaching statt, um eine andere Gesprächskultur zu etablieren. Wir sind also auf einem guten Weg. Doch wo gearbeitet wird, wird es auch immer Mängel geben.

Im Falle Ihrer Wiederwahl – wo steht Kappeln in sechs Jahren?
Ich hoffe, dass wir das Tief der Einwohnerzahl durchschritten haben, dass die wirtschaftliche Entwicklung anhält, dass viele aus der Verwaltung angestoßene Projekte – etwa zur Innenstadtaufwertung, zum Wohnen, zum Gewerbe – umgesetzt sind.

Sie dürfen einmal träumen: Welchen wie auch immer gearteten Wunsch würden Sie sich und den Kappelnern erfüllen?
Gesundheit und dass sich unsere Bürger in unserer Stadt wohlfühlen

Welche Schlagzeile möchten Sie nach 100 Tagen Ihrer zweiten Amtszeit gerne über sich lesen?
„Zweckverband Breitband gegründet“ und „F-Plan Wohnflächen steht“.




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erstellt am 10.Sep.2015 | 14:08 Uhr

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