zur Navigation springen
Schlei-Bote

23. Oktober 2017 | 07:06 Uhr

Das Museum mit den dicken Wänden

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Kappelns Partnerstadt Ustka hat eine neue Attraktion: Eine Ausstellung im Bunker / Über 70 Jahre war die militärische Anlage der Öffentlichkeit nicht bekannt

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2014 | 17:13 Uhr

„Ich muss euch unbedingt eine neue Besonderheit in Ustka zeigen“, sagt der Bäckermeister Eugeniusz Brzoska. Der 76-jährige Brzoska gilt als einer der Mitbegründer der Städtepartnerschaft zwischen Kappeln und dem Ostseebad Ustka, dem ehemaligen Stolpmünde. Sein Sohn Adam, seines Zeichens Bürgervorsteher der rund 20 000 Einwohner zählenden Stadt an der Mündung der Stolpe, pflichtet ihm bei: „Das unterirdische Museum muss man gesehen haben.“

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg auf die westliche und weitgehend unbesiedelte Seite des Hafens, wo zahlreiche Fischkutter an der Pier dümpeln. Weit ins Meer erstreckt sich von dort aus die Steinmole. Doch gleich links vom Hafenbereich beginnt ein breiter und dichter Kiefernwald mit stattlichen Düne ganz in der Nähe.

Nichts deutet darauf hin, dass genau in diesem Bereich seit über 70 Jahren ein Geheimnis verborgen liegt. Erst die Deutschen, danach für kurze Zeit die Sowjets und dann die Polen hatten seit dem Zweiten Weltkrieg dort ein militärisches Sperrgebiet eingerichtet, und die Einheimischen hatten keine Ahnung von dem, was dort im Verborgenen lag.

„Es ist doch gut, dass wir jetzt freien Zugang zu dieser Anlage haben“, gibt Eugeniusz Brzoska zu verstehen. Und dann führt er uns auf das Gelände, das sich „Batterie Blücher“ nennt. Zuerst fällt am Eingang ein Geschütz ins Auge, eine scheinbar gut erhaltene Flugabwehrkanone der einstigen Deutschen Wehrmacht. Oben auf dem spärlich mit Kraut bewachsenen Dünenhügel hat sich offensichtlich der alte – und bestens getarnte – Standort der Flak befunden. Vier runde Fundamente aus Beton sind dort übriggeblieben. Aber der spannende Teil unserer „Begehung“ beginnt in dem Bunker. Wie Maulwürfe hatten sich die Erbauer um 1942 in das Innere gegraben. Die polnischen Behörden haben in Ustka mit Hilfe von EU-Geldern den Bunker „Blücher“ unter dem Namen „Park der Geschichte – Festung Stolpmünde“ erschaffen, um mit zahlreichen Objekten und Anschauungsmaterial die Historie lebendig werden zu lassen. Im Begleittext lesen wir: „Dieser Ort soll dazu dienen, das Wissen über die Geschichte der Stolpmünder Bunker und von Stolpmünde selbst in einer verständlichen, modernen interaktiven Form zu vermitteln.“

Durch dunkle enge Gänge gelangen wir zu den einzelnen Räumen. In einem Zimmer sitzt der Batteriekommandant an seinem Schreibtisch – in Lebensgröße als Wachsfigur in Uniform. Ein Stück weiter flimmern non stop Videobilder von Kriegshandlungen. Soldaten auf der Latrine sind zu sehen, Feldbetten und eine Küche. Eindrucksvoll blinkt rotes Warnlicht aus einem Raum, und eine Stimme schreit immer wieder „Gasalarm“. In dem Bunkermuseum birgt jeder Raum eine Überraschung. Die schrecklichen Erfahrungen aus damaliger Zeit werden wieder auf eindringliche Weise präsent.

Zum unterirdischen Spektakel gehören Toneffekte wie beispielsweise die Simulation eines Bombenangriffs. Die Geschichte mit modernen Medien zu vermitteln, versucht eine virtuelle Anprobekabine. Dort kann jeder eine beliebige Militäruniform aus Kriegszeiten anprobieren und dann das dazu angefertigte Foto gleich auf Facebook stellen. Auch eine besondere Art der Wissensvermittlung stellt eine Wand mit Gucklöchern dar: Wie durch einen Türspion „entdeckt“ der Zuschauer auf belichteten Dias und auf dem Bildschirm unterschiedliche Situationen aus dem alltäglichen Leben im Bunker.

Das Ganze hat noch eine übergeordnete Bedeutung. Denn alten militärischen Plänen zufolge sollte Stolpmünde zu einem Großhafen und zugleich zur wichtigsten Seefestung der deutschen Streitkräfte ausgebaut werden.

Nicht nur der Bürgervorsteher Adam Brzoska ist überzeugt davon, dass diese neue Errungenschaft von Ustka der politischen Weiterbildung junger Menschen dienen wird. Schon jetzt kommen täglich Schulklassen zum Unterricht in den „Blücher-Bunker“ – „Bunkrow Blüchera“. Und Adams Vater, der in Ustka das erste private Brotmuseum in Polen geschaffen hat, ist zu Recht stolz auf den musealen Zuwachs in der Düne. Wir sind beeindruckt, aber auch froh, nach dem Bunkergang das sonnige Tageslicht wiederzusehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen