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Nikolaikirche Kappeln : Das Geheimnis der alten Orgel

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Das frühere Instrument der Nikolaikirche war mit Pfeifen aus dem 16. Jahrhundert bestückt – sie stammen vermutlich von einem bedeutenden Erbauer.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2014 | 08:30 Uhr

Es ist viel gesagt und geschrieben worden über die Reinalt-Klein-Orgel, die seit Pfingsten die Gottesdienste in der Nikolaikirche so sehr bereichert. Das kleinteilige und doch so mächtige Instrument strahlt erneuert und frisch restauriert über der Kanzel in das Kirchenschiff. In seiner jahrelangen Arbeit an dem Projekt allerdings hat Orgelbaumeister Reinalt Klein ganz nebenbei eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht: Der Experte ist davon überzeugt, in der alten Kappelner Orgel Pfeifen des Orgelbauers Jacob Scherer erkannt zu haben – ein Umstand, der die Beteiligten überrascht und auch ein wenig stolz gemacht hat.

Es ist Reinalt Kleins äußerst intensiver und detailreicher Recherche zu verdanken, dass der Name Jacob Scherer nun auch mit der Kappelner Kirchenorgel verknüpft werden kann. Immerhin zählte die Scherer-Familie im 16. Jahrhundert und frühen 17. Jahrhundert zu den bedeutendsten Orgelbauern ihrer Zeit. Zu den Scherers gehörten neben Jacob dessen Sohn Hans, seine Enkel Hans und Fritz sowie sein Schwiegersohn Dirk Hoyer. Auf Jacob Scherer gehen, soweit bekannt, in den Jahren 1538 bis 1568 zehn Instrumente in Norddeutschland zurück, die wenigsten davon sind noch erhalten. Vielmehr gilt die Orgel in der Möllner Nicolai-Kirche als das „einzige noch existierende Bauwerk mit einem derart bedeutenden Pfeifenbestand aus der Hand des Hamburger Meisters“ – so beschreibt es ein bekanntes Online-Lexikon. Zwar wurden etliche der Scherer-Pfeifen im Laufe der Jahre entfernt oder ersetzt, das Prinzipal 8’ gilt jedoch als nahezu vollständig erhalten. Und auch Reinalt Klein weiß: „Von Jacob Scherer sind außer den Pfeifen in Mölln bis heute keinerlei weitere Zeugnisse seines Schaffens bekannt.“ Bis jetzt.

Organist Thomas Euler fasst die Ausgangslage zusammen. „Wir wussten, dass altes Pfeifenmaterial in der Orgel verbaut wurde“, sagt er. „Wir wussten nur nicht von wem.“ Unklar ist nach wie vor, ob die Pfeifen aus dem 16. Jahrhundert vielleicht schon Teil der Vorgängerkirche von St. Nikolai gewesen oder ob sie erst später hinzugekommen sind. Für Reinalt Klein jedenfalls stand bald fest, dass der Erbauer Jacob Scherer hieß. Weil er auch die Pfeifen in der Möllner Kirche untersucht und analysiert hatte, wusste er, worauf zu achten war. Schriftlich hat Klein seine Erkenntnis so formuliert: „Aufgrund der Faktur (Aufbau, Anm. d. Red.) der Pfeifen und der Signaturen sowie Vergleichen mit Pfeifen der Nicolai-Orgel zu Mölln [...] ergab sich, dass es sich zweifellos um Pfeifen von Jacob Scherer unter der wahrscheinlichen Mitarbeit seines Schwiegersohnes Dirk Hoyer handelt.“ Der Lübecker Experte datiert seine Entdeckung auf den Zeitraum zwischen 1555 und 1569. Pfeifen aus insgesamt acht Registern hat er als Scherer- beziehungsweise Hoyer-Pfeifen ausmachen können.

Ernsthafte Überlegungen, diese in die neue Orgel mit einzubauen, gab es nicht. Thomas Euler erklärt: „Es handelt sich dabei um Renaissance-Pfeifen, wir wollten aber eine spätbarocke Orgel. Das passt klanglich nicht ganz zusammen.“ Die Scherer-Pfeifen klingen fast einen ganzen Ton höher als der heutige Standardkammerton. Um diesen Umstand aufzufangen, hätte man die Scherer-Originale künstlich verlängern müssen – „und das“, sagt Euler, „erschien uns nicht sinnvoll“. Jetzt werden die Pfeifen, deren Wert der Organist eher als ideell denn als monetär einordnet, erst einmal sorgfältig eingelagert. Euler spielt mit dem Gedanken, sie vielleicht einem fremden Projekt zur Verfügung zu stellen, das das Material besser zur Geltung kommen lässt.

Übrigens: Die Scherer-Pfeifen sind nicht die einzigen Belege für das Werk eines renommierten Orgelbauers in Kappeln. Reinalt Klein ist zudem auf Pfeifen von Johann Georg Heßler aus der Mitte des 18. Jahrhunderts sowie von Marcus H. Petersen aus dem Ende des 18. Jahrhunderts gestoßen. Klein schließt seine schriftlichen Ausführungen daher auch mit einer unmissverständlichen Bitte: „Es wäre angesichts der Bedeutung des Pfeifenwerks sehr hilfreich und vertretbar, wenn man sich entschlösse, ernsthafte Archivforschungen einzuleiten, um die frühe Kappelner Orgelbaugeschichte endlich ans Licht zu bringen.“

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