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Von Cloppenburg nach Kappeln : Das fulminante Ende eines Höllenritts

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Boris Guentel kommt nach rund elfeinhalb Stunden reiner Fahrzeit mit Rollstuhl und Handbike am Kappelner Hafen an.

shz.de von
erstellt am 10.Aug.2015 | 08:00 Uhr

Eigentlich hatten die beiden Radfahrer selber schon etliche Kilometer in den Beinen. Jetzt standen sie am Hafen und warteten auf Boris Guentel. Der Mann war am Sonnabendabend gegen 23 Uhr im niedersächsischen Cloppenburg aufgebrochen, um mit Rollstuhl und Handbike mehr als 300 Kilometer nach Kappeln zurückzulegen (wir berichteten). Kurzerhand entschlossen sich die beiden Radler, ihm entgegen zu fahren und das letzte Stück über die Brücke und am Hafen entlang zu begleiten. Für Boris Guentel war das so etwas wie die perfekte Einstimmung auf das, was ihn am Ziel erwarten würde. Das Geltinger Blasorchester, der zweite stellvertretende Bürgervorsteher Christian Andresen, Bürgermeister Heiko Traulsen, bestes Sommerwetter und geschätzte 100 Menschen – sie alle bereiteten dem Behindertensportler einen Empfang, der Boris Guentel fast die Sprache raubte. „Fulminant“, nannte er ihn etwas später, als er immer noch den Kopf schüttelte. Im Grunde aber war er schlicht verdient.

301 Kilometer sind es am Ende geworden in einer reinen Fahrzeit von rund elfeinhalb Stunden. Zwar räumte Guentel ein, bei den teils äußerst ausgeprägten Steigungen seinen Hilfsmotor als Anfahrtshilfe hinzugeschaltet zu haben. Ansonsten aber hat er sich auf seine Muskelkraft verlassen. „Ich hab’ von Anfang an Vollgas gegeben“, sagte er in der Kappelner Mittagssonne. Ob es für die Anerkennung als Weltrekord gereicht hat, wird er wohl erst in den kommenden Wochen erfahren. Durchschnittlich hat er die angepeilten 30 km/h geschafft, gegen Ende sogar 45 km/h. Dabei spielte ihm die Technik zwischendurch den einen oder anderen Streich: Mal setzte das Navi aus, dann rissen zwei Bowdenzüge – „aber ich habe nie daran gedacht, die Sache abzubrechen“, sagte Boris Guentel.

Auch nicht als in der Nacht die Temperaturen merklich sanken, Nebel und Feuchtigkeit zunahmen, genauso wie die Schmerzen in der linken Schulter. Geholfen hat ihm der Blick aufs Navi – „dort konnte ich sehen, wie die Kilometer bis zum Ziel langsam weniger wurden“, sagte Guentel. Und auch unterwegs durfte er sich immer wieder ein bisschen getragen fühlen von wildfremden Menschen, die gewunken, gehupt, ihm ein „Daumen hoch“ entgegen gestreckt haben. „Das waren echte Gänsehautmomente“, sagte der 52-Jährige. Ob dazu auch der Augenblick zählte, als einer seiner Begleiter im Fahrzeug hinter ihm auf den letzten Kilometern AC/DC’s „Highway to Hell“ aufdrehte, sagte Boris Guentel nicht. Allerdings: „Es stimmt schon. Es war ein echter Höllenritt.“ Jedoch einer, der ihn geprägt hat, wie er selber sagt. Und einer, „den ich mein Lebtag nicht vergessen werde“, auch weil 130 Tage Vorbereitung darin gesteckt haben. Guentels Wunsch: „Vielleicht nehmen sich Menschen mit Behinderung das zum Vorbild, zur Motivation, auch noch einmal etwas auszuprobieren, zu dem der Kopf Ja, aber der Körper Nein sagt.“

Gemeinsam mit seinem fünfköpfigen Begleiterstab genoss Boris Guentel schließlich sein hart erarbeitetes Mittagessen: Matjes mit Bratkartoffeln. Vorher aber trug er sich ins „Goldene Buch der Stadt“ ein und durfte auch noch ein paar Autogrammwünsche von jungen Urlaubern aus Cloppenburg erfüllen. Und ganz nebenbei bestätigte er die These des Bürgermeisters, wonach Kappeln die schönste Stadt Schleswig-Holsteins sei, mit eindeutigen Worten. „Ich habe die Stadt noch mehr lieben gelernt“, sagte der 52-Jährige. „Mir fehlt die Nähe zum Wasser, die Gelassenheit der Menschen. Ich habe Kappeln immer als meine Heimat empfunden, auch wenn ich hier gar nicht geboren wurde.“ Allerdings war er als Soldat in den 80er-Jahren in Olpenitz stationiert, und inzwischen spielt er ernsthaft mit dem Gedanken, seinen Wohnsitz an die Schlei zurückzuverlegen.

Vermutlich wird Boris Guentel aber vorher ein weiteres seiner speziellen Projekte umsetzen. Bereits gestern Mittag kündigte er an: „Ich muss einfach noch ein bisschen was machen, und ich habe auch schon eine neue Idee.“ Nach einer kleinen Pause fügte er lächelnd hinzu: „Aber nicht gleich nächste Woche.“

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