Wahlkampf auf den nordfriesischen Inseln : Das erste Plakat seit über 30 Jahren

Rote Revolution: das erste Wahlplakat auf Föhr seit fast 40 Jahren - ungenehmigt. Foto: djs
Rote Revolution: das erste Wahlplakat auf Föhr seit fast 40 Jahren - ungenehmigt. Foto: djs

Aus für plakatfreie Zone: Bisher waren die nordfriesischen Inseln außer Sylt weiße Flecken im Wahlkampf. Die Föhrer SPD schert nach fast 40 Jahren aus und klebt sechs Plakate.

shz.de von
03. Mai 2012, 09:20 Uhr

Föhr/Amrum | Wir befinden uns im Jahre 2012 n. Chr. In ganz Schleswig-Holstein wird das Straßenbild von einer Plakatflut zur Landtagswahl am 6. Mai dominiert... In ganz Schleswig-Holstein? Nein! Ein von unbeugsamen Insulanern bevölkerter Archipel hört immer noch nicht so recht auf, den Eindringlingen aus der Landeshauptstadt Widerstand zu leisten: Auf Föhr, Amrum, Pellworm und den Halligen gilt für diese Form der Wahlwerbung seit fast 40 Jahren ein offizieller Boykott. Nur die Sozialdemokraten scheren jetzt erstmals zaghaft aus.
Als Auslöser für den Verzicht ist ein Sturm in den 70er Jahren überliefert, der Plakatwände zerfetzt und quer durch die Landschaft verteilt habe. Zumindest bei einem sommerlichen Wahlkampf wie zuletzt im Vorfeld des 27. September 2005 sollte dies nicht zu befürchten sein. Die Insel-Friesen hielten die eiserne Regel trotzdem aufrecht. Pellworms Ordnungsamtsleiter Claus Stock verweist auf die "insulare Enge". Wyks Bürgermeister Heinz Lorenzen begründet das einst von allen Parteien eingegangene Abkommen mit dem Straßenbild und dem Tourismus: "Wir wollen das Stadtbild reinhalten und unsere Gäste nicht mit Papierfrachten bombardieren", sagt er, der als Angehöriger der Kommunalen Wählergemeinschaft ohnehin unabhängig von den etablierten Parteien agiert. "Die Urlauber wünschen sich Ruhe vom Alltag, also auch von der Politik", glaubt Lorenzen. Jens Jacobsen von der CDU Föhr meint sogar: Weil auf den Inseln jeder jeden kenne, würden Plakate keinen Sinn ergeben - obwohl doch weder die darauf abgebildeten Spitzen- noch die örtlichen Wahlkreiskandidaten auf den Inseln zu Hause sind.
"Wahlkampf ist die Festzeit der Demokratie"
Den Sozialdemokraten, die auf Föhr und Amrum bei den letzten Landtagswahlen besonders herbe Verluste einfuhren, reicht es jetzt. "Sicherlich sind die Stimmenrückgänge mit ein Argument", sagt die stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende Sabine Gillesen auf Nachfrage. Vor allem aber handle ihre Partei aus Sorge um die Wahlbeteiligung: Die lag zum Beispiel in Wyk bei der Landtagswahl 2005 bei 69,9 Prozent, in Wittdün auf Amrum erreichte sie 68,1 Prozent. Landesweit gaben 73,5 Prozent der Schleswig-Holsteiner ihre Stimme ab. "Es kann nicht sein, dass ein Wahlkampf hier im luftleeren Raum hängt", findet Gillesen. Nicht zuletzt durch das Unverständnis eines Dutzend neuer, teils vom Festland zugezogener Aktiver im Ortsverein habe sich der Widerstand aufgebaut.
Im Ältestenrat der Wyker Stadtvertretung scheiterten die Roten mit dem Versuch, den weißen Fleck in der schleswig-holsteinischen Wahlwerbung zu beheben. Nicht einmal für ihren Minimalvorschlag, das Plakatieren auf zwei große Stellwände zu begrenzen, fanden sich Unterstützer. Also betreiben die Genossen auf der laut Eigen-Marketing "Grünen Insel" jetzt eine rote Revolution: mit sechs Plakaten mit den Konterfeis von Spitzenkandidat Torsten Albig und Ex-Sozialministerin Gitta Trauernicht, SPD-Kandidatin im Wahlkreis Südtondern. Beim Verweis des Bürgermeisters auf ein "reines Straßenbild" wird Gillesen "ganz anders", und der Hinweis auf den Tourismus deckt sich keineswegs mit ihren Erfahrungen - abgesehen davon, dass der Wahlkampf in allen anderen Fremdenverkehrshochburgen ebenfalls sichtbar ist. Die Genossin erlebt an den Info-Ständen der SPD, "dass sich viele Urlauber außerordentlich für die Politik auf der Insel interessieren. Erstaunlich viele geben sich sogar als Wahlhelfer in ihren Heimatgemeinden zu erkennen."
In den Kieler Wahlkampf-Zentralen beider politischer Lager sorgt das insulare Kuriosum für Verwunderung. CDU-Landesgeschäftsführer Daniel Günther nennt die "möglichst flächendeckende Plakatierung" einen "wichtigen Bestandteil", um die Wähler über Ziele und Personen zu "informieren". Er hält die Plakatierung für ein "Wesenselement der Demokratie", das "als Mittel der Auseinandersetzung nicht unnötig reglementiert werden sollte". Der Sprecher der Landes-SPD, Amin Hamadmad, erklärt: "Wahlkampf ist die Festzeit der Demokratie." Auf eine Wahl hinzuweisen, sei elementarer Bestandteil dieser Staatsform. "Wir sollten es feiern", meint der in Kiel aufgewachsene Sohn eines Syrers. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt ihm - und anderen - dieser Tage ein Blick in das Land, in dem Hamadmads familiäre Wurzeln liegen.

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