Tierschutzzentrum Weidefeld : Das Ende eines prominenten Schweins

„Tibus“ Kameraden wirkten ihm gegenüber fast winzig. Der Eber brachte zum Schluss gut 200 Kilogramm auf die Waage.
„Tibus“ Kameraden wirkten ihm gegenüber fast winzig. Der Eber brachte zum Schluss gut 200 Kilogramm auf die Waage.

Eber „Tibu“ war ein halbes Jahr Serienstar einer Bremer Zeitung. Im Tierschutzzentrum Weidefeld erhielt er sein Gnadenbrot.

shz.de von
20. Januar 2015, 07:30 Uhr

Normalerweise kümmert sich kein Schwein darum, wenn ein Mastschwein stirbt. Aber etliche Tierfreunde dürften einen Moment innehalten, wenn sie erfahren, dass „Tibu“, das einstige „Redaktionsschwein“ des Bremer „Weser-Kuriers“ nicht mehr grunzt, sondern im Kappelner Tier-, Natur- und Jugendzentrum eingeschläfert wurde. Das war zwar bereits Ende August der Fall, aber für das Team um Leiterin Dr. Katrin Umlauf steht auch ein halbes Jahr später fest: „Wir vermissen Tibu immer noch.“

Der Eber hatte viele Fans. Mit einem Proteststurm im Internet hatten sie im Herbst 2011 seine damals geplante Schlachtung verhindert. Drei Jahre lang durfte er daraufhin in Kappeln sein Gnadenbrot fressen. Mittlerweile musste er aber doch eingeschläfert werden. Er war zu überzüchtet und litt deshalb unter Gelenkproblemen.

Im Frühjahr 2011 hatte der „Weser Kurier“ die ungewöhnliche Idee, ein Ferkel zu kaufen und von einer Bauernfamilie im Bremer Umland großziehen zu lassen. Am Beispiel seines Lebenswegs klärte die Zeitung fast ein halbes Jahr lang ihre Leserschaft darüber auf, unter welchen Bedingungen Mastschweine aufwachsen und was mit dem Fleisch passiert. In der später preisgekrönten Serie „Ein Schweineleben“ kamen nicht nur Landwirte zu Wort, sondern auch Tierschützer, Händler, Tierärzte, Politiker und eine Ernährungsberaterin. Doch als der Eber nach den üblichen sechs Monaten den Weg aller Mastschweine gehen sollte, entflammten bundesweit Proteste gegen die geplante Schlachtung. „Das Schwein bleibt!“, hieß zum Beispiel eine Facebook-Gruppe. Tierschützer aus Bonn wollten sogar gerichtlich die Schlachtung vereiteln. Andere beschimpften oder bedrohten Redaktionsmitglieder, die Bauernfamilie und den bereits ausgewählten Schlachter.

Weil die Redaktion niemanden gefährden wollte, begnadigte sie schließlich den Eber und überließ ihn dem Deutschen Tierschutzbund (DTB). Der besorgte ihm ein warmes Plätzchen im Tier-, Natur- und Jugendzentrum Weidefeld, wo er fortan laut DTB „ein artgerechtes Leben im Kreis seiner Artgenossen“ führen konnte. Die Tierschützer gaben ihm sogar einen Namen: „Tibu“. Bis zu 13 Paten finanzierten mit Spenden sein Gnadenbrot – und auch die Sonnencreme, die er bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Sonnenbaden, brauchte.

Allerdings zeigte sich bald, dass typische Mastschweinrassen nicht für längeres Überleben gezüchtet werden, sondern für möglichst schnelle Gewichtszunahme. Zwar hat „Tibu“, seit er in Weidefeld ankam, nie wieder Schweinemastfutter vorgesetzt bekommen, sondern fast ausschließlich Obst und Gemüse, dennoch brachte er gut 200 Kilo auf die Waage – auf Dauer zu viel für seine Gelenke. Als das Leiden überhand nahm, wurde er im Alter von knapp dreieinhalb Jahren eingeschläfert.

Noch heute sagt Katrin Umlauf: „Er war ein sehr freundliches Schwein und ist uns allen im Laufe der Jahre sehr ans Herz gewachsen.“ Der Eber ließ sich problemlos streicheln – und noch mehr. „Er drehte sich immer auf den Rücken, weil er am Bauch gestreichelt werden wollte“, erinnert sich Umlauf. „Das ist schon ungewöhnlich für ein Schwein.“ Manchmal, so sagt sie heute im Rückblick, habe sie den Eindruck gehabt, als sei sich „Tibu“ seiner unglaublichen Masse und Größe gar nicht wirklich bewusst gewesen. Vor allem mit Mastschwein „Rosi“, die in noch jüngeren Jahren aus Privatbesitz nach Weidefeld kam, verstand sich der Eber blendend. Seinen Verlust hat „Rosi“ aber inzwischen gut verkraftet und in Wollschwein „Hörbi“ einen neuen Freund gefunden.

Übrigens: Ein Grab bekam „Tibu“ nicht. So etwas sehen die Gesetze beim Ableben von Nutztieren nicht vor. Das prominente Schwein landete ganz profan beim Abdecker.

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