Weihnachten bei einer iranischen Familie : „Christ ist man im Herzen“

Einen Gottesdienst möchte Familie Entezari an Heiligabend auf jeden Fall besuchen.
Einen Gottesdienst möchte Familie Entezari an Heiligabend auf jeden Fall besuchen.

Familie Entezari aus dem Iran lebt seit eineinhalb Jahren in Kappeln. Mit ihrem Weihnachtsessen holt sie sich ein Stück Heimat an die Schlei.

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24. Dezember 2014, 08:00 Uhr

In der Ecke des Wohnzimmers steht ein kleiner Christbaum. Rote und goldene Kugeln schmücken seine Zweige, ein großer roter Stern und kleines Holzspielzeug. Es dauert nicht lange, bis der neunjährige Sohn der Familie zwei Kerzen aus dem Schrank holt, sie auf dem Tisch platziert und anzündet. Daneben dampft der Tee in den Tassen, rechts und links davon pudrige Schokoladenkugeln und Pistazien. Keine Frage, es herrscht Weihnachtsstimmung bei Familie Entezari. Seit 18 Monaten leben Mohammad Entezari, seine Ehefrau Afganeh Talei, Tochter Yeganeh und Sohn Surusch in Kappeln, davor waren sie im Iran zu Hause. Wie so viele Flüchtlinge, für die in der jüngeren Vergangenheit die Schleistadt zum neuen Zuhause geworden ist, versuchen sie, die Weihnachtszeit zu etwas Besonderem zu machen – knapp 4000 Kilometer weit weg von der alten Heimat.

Mohammad Entezari ist Goldschmied, 20 Jahre lang hat er Ringe und Halsketten gefertigt – „ich war perfekt“, sagt er, ohne dass es eitel klingt. Er sagt auch: „Ich liebe es zu arbeiten.“ Nur in der Wohnung zu sitzen, ist nichts für den 46-Jährigen, und doch ist er genau dazu verdonnert, seit er den Iran verlassen musste. Der Familienvater ist Christ, auch in seiner Heimat hat er gemeinsam mit anderen Christen Weihnachten gefeiert. „Aber es wurde kompliziert“, sagt Mohammad Entezari – eine Untertreibung, maßlos und schützend zugleich. „Ich durfte nicht sagen, was ich denke und glaube.“ Tat er es doch, stand die Polizei vor der Tür, mehrfach. Auch seine Tochter Yeganeh spürte damals schon die Unterdrückung, die ihre Familie erfuhr, die Gefahr, der sie ausgesetzt war. Heute sagt sie: „Wir haben es nicht ausgehalten.“

Die 16-Jährige besucht die neunte Klasse der Steruper Gemeinschaftsschule, im Sommer will sie ihren Abschluss machen. Jetzt übersetzt sie die persischen Worte ihrer Mutter, die sagt: „Ob man Christ ist oder nicht, hängt nicht von einem Stück Papier ab. Christ ist man im Herzen.“ Die Freiheit, diese Herzensangelegenheit in Deutschland offen nach außen tragen zu können, genießt vor allem Mohammad Entezari sichtlich. „Alles sagen zu dürfen und sich seine Religion aussuchen zu können, macht Deutschland besser als den Iran“, sagt er.

Im vergangenen Jahr nahm die Familie am Heiligen Abend an einem Gottesdienst in Hamburg teil. Zwei Pastoren predigten auf Deutsch und Persisch. Afganeh Talei erinnert sich: „Die Kirche war voller persischer Christen.“ Heute wollen die vier den Gottesdienst in der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde besuchen. Persisch wird dort vermutlich niemand sprechen, aber das ist auch nicht so wichtig. Mohammad Entezari sagt: „Selbst wenn ich nicht alles verstehe, ist das nicht schlimm. Es geht darum, mit anderen gemeinsam Weihnachten zu feiern, zu spüren, dass man nicht alleine ist.“

Ein bisschen durfte das die Familie, die sich nicht fotografieren lassen wollte, bereits gestern erleben: Eine Kappelnerin hatte die vier zum festlichen Mittagessen eingeladen, einfach so. Sie war es auch, die den Entezaris Kugeln und Sterne für den Weihnachtsbaum spendiert hat. Jetzt sitzt der neunjährige Surusch davor und sagt fröhlich: „Aber geschmückt haben wir selber.“ Er ist aufgeregt wie jeder Neunjährige kurz vor Heiligabend, steckt sich eine Schokoladenkugel in den Mund und kennt sein Lieblings-Weihnachtslied aus dem Effeff: „In der Weihnachtsbäckerei!“

Nach dem Gottesdienst wird die Familie morgen gemeinsam zu Abend essen, Afganeh Talei hat Hähnchen mit Reis, Salat, Joghurt und Granatäpfel vorbereitet – ein Stück Heimat im neuen Zuhause. Dann soll auch die Lichterkette am Christbaum leuchten – für die Familie mehr als ein Symbol. Mohammad Entezari sagt: „Es zeigt, dass wir etwas zu feiern haben.“ Afganeh Talei weiß indes, dass sie genau dann ihre Mutter, die nach wie vor im Iran lebt, am meisten vermissen wird. Die 40-Jährige sagt: „Ich möchte sie sehr gerne wiedersehen.“ Auch ihr Ehemann hat einen Weihnachtswunsch, der so leicht und doch zu schwer ist: „Ich wünsche mir, dass alle Menschen glücklich sind, dass die Länder ohne Kriege auskommen und stattdessen zusammenstehen.“ Das persische Weihnachtslied, das er dann anstimmt, klingt genau so: glücklich und friedvoll.

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