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Schlei-Bote

18. Oktober 2017 | 01:09 Uhr

Gelting : Callsens rollendes Kaufhaus

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

In einem historischen Bildband sind Erinnerungen an Ostangelner Originale festgehalten. Einer davon war Detlef Callsen, der per Fahrrad Kurzwaren vertrieb.

shz.de von
erstellt am 22.Jan.2014 | 20:33 Uhr

Zu den heimatgeschichtlichen Schätzen, die im Amtsarchiv Geltinger Bucht aufbewahrt werden, gehören alte Schwarz-Weiß-Fotos und schriftliche Aufzeichnungen, die an den selbsternannten Betreiber des „nördlichsten deutschen Kaufhauses“ erinnern: an das kauzige Original Detlef Callsen. Es gibt Alteingesessene in Ostangeln, die den Mann mit dem klapprigen Fahrrad noch persönlich gekannt haben und womöglich zu seinen Kunden gehörten. Der 1890 in Wagersrott geborene Klein-Händler bewohnte in der Einsamkeit unter ärmlichen Umständen die legendäre Birkkate – ein karges Domizil, in das weder ein Stromkabel noch eine Wasserleitung führte. Sein alter Drahtesel ist als Relikt erhalten geblieben – vorübergehend als Ausstellungstück in der Integrierten Station „Geltinger Bucht“.


Man nannte ihn Detlef von der Birk


Chronist Wolfgang Jonas, Leiter des Arbeitskreises der Geltinger Kirchspiel-Archivare, und sein Team haben Wissenswertes über Detlef Callsen festgehalten und aus Fotos von ihm und anderen einen historischen Bildband geschaffen, der vor zwei Jahren erschien. Über die 1969 abgebrannte Birkkate wird berichtet, dass sie nördlich von Falshöft direkt hinter dem Ostseedeich, angrenzend an ein Eichenkratt, gestanden hatte. Das Häuschen schaffte es sogar in die Literatur: In dem vom Angelner Heimatdichter Georg Asmussen verfassten Roman „Stürme“ trotzte die Kate, in der ursprünglich ein Strandvogt ansässig war, der großen Sturmflut von 1872.

Detlef von der Birk, wie er von seinen Zeitgenossen genannt wurde, besaß in der Tat kein Kaufhaus, sondern lediglich einen „mobilen Verkaufsstand“ mit Vorder- und Hinterrad. Hauptsächlich in der Nachkriegszeit bereiste er mit seinem Fahrrad den gesamten Ostangelner Raum, um Kurzwaren anzubieten.

Er kannte seine Pappenheimer. Seine Kundschaft besuchte er oft zu Geburtstagen und Familienfesten auf den Bauernhöfen, weil dann der Absatz der Ware am günstigsten erschien. Er verhökerte Kleinigkeiten, die er in einer Milchkanne, im Rucksack und in Taschen verstaut hatte. Bei Bedarf zauberte er aus dem Wirrwarr manche Utensilien hervor: Schnürsenkel und Zwirn, Nähnadeln und Knöpfe, Gummiband und Schuhcreme. Als fliegendee Händler war auf seinen langen Verkaufstouren oft auf Ruhepausen angewiesen. Dann verweilte er stets auf besonderen Plätzen hinter Knicks. Dort im Versteck hatte er vorsorglich eine Flasche Schnaps „zur Stärkung“ deponiert. Erst nach dem Genuss kam das Nickerchen im Grünen.

Der Birk-Mann war verheiratet und Vater von sieben Kindern. In seinen jungen Berufsjahren bewirtschaftete er einen Bauernhof, gemeinsam mit seinem Bruder. Nach der Aufgabe des Betriebes und dem frühen Tod seiner Frau begann für Detlef das einfache Leben. Zugute kam ihm bei allen Unternehmungen per Rad sein phänomenales Gedächtnis. Er kannte alle eingesessenen Familien, hatte deren Geburtstage und Hochzeitstage im Kopf und wusste sogar die jeweiligen Wochentage dieser Ereignisse. Überliefert ist in dem im Jahr 2011 von der Gemeinde Gelting herausgegebenen Bildband des Kirchspiels Gelting ein humoriges Beispiel seiner Merkfähigkeit: Als jemand von Callsen wissen wollte, an welchem Wochentag sein Geburtstag im Jahr 1918 stattgefunden habe, antwortete der wie aus der Pistole geschossen: „Dies war ein Sonntag, und da habe ich, Detlef, im Krieg in Frankreich im Schlamm gelegen und den Angriff der Franzosen abgewehrt.“ Ende 1976 verstarb der mobile Kaufmann nach einem bewegten Leben in seinem Heimatdorf Wagersrott – fernab der Birk.

Ein weibliches Pendant zum Original Detlef von der Birk war übrigens die aus Ahneby stammende „Fisch-Frau“ Stine Jordan. Sie zog an Werktagen kurz nach Mitternacht mit ihrem Handkarren nach Steinberghaff oder Kappeln, um den Fischern Dorsch und Hering abzukaufen. Mit dieser leicht verderblichen Ware kreuzte sie auf abgelegenen Hofstellen in Angeln auf und brachte ihre Fische an den Mann. Stines Kennzeichen: eine qualmende Tabakspfeife mit besonders langem Stiel. Da auch sie viel Privates bei ihren Kunden aufschnappte und manches weitersagte, betätigte sie sich noch im Alter von 95 Jahren – und das war nicht vorwurfsvoll gemeint– als eine Tratschtante.

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