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Kappeln : Bürokratie erschwert Flüchtlingshilfe

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Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Asylbewerber, Rathausmitarbeiter und Paten stehen täglich vor neuen Herausforderungen.

von
erstellt am 07.Jan.2016 | 18:14 Uhr

Im vergangenen Jahr wurden fast 1,1 Millionen Asylsuchende in Deutschland registriert – eine administrative Herausforderung, nicht nur auf Bundesebene. Die städtische Fachbereichsleiterin für Ordnung und Soziales Helga Lorenzen, Flüchtlingspatin Irene Witt und das syrische Ehepaar Zeynab Jawish und Jan Krad erzählen von den täglichen Hürden kommunaler Flüchtlingspolitik.

Helga Lorenzen ist für die Unterbringung und Versorgung der Neu-Kappelner zuständig. In den vergangenen zwei Jahren haben insgesamt 167 Flüchtlinge eine Unterkunft in Kappeln gefunden. Lorenzen: „Die Zahlen an Flüchtlingen, die wir sonst pro Jahr in Kappeln verzeichneten, erreichen uns jetzt in ein bis zwei Wochen.“ Wie viele Neuankömmlinge eintreffen, weiß sie nie so genau. „Ich erfahre erst sieben Tage vorher davon“, sagt Lorenzen. „Die genaue Zahl kann mir nicht einmal die Ausländerbehörde sagen.“ Für die Unterbringung der Flüchtlingsfamilien sorgt die Stadt, etwa indem sie Wohnungen anmietet. Die Abrechnung erfolgt mit dem Kreis. „Die Stadt geht nur in Vorleistung“, erklärt Lorenzen. Würde die Stadt eine Wohnung anmieten für eine vom Kreis angekündigte Flüchtlingsfamilie, die wider Erwarten nicht nach Kappeln kommt, bliebe sie jedoch auf den Kosten sitzen. „Das Risiko liegt bei der Stadt, der Kreis übernimmt nur die tatsächlich anfallenden Unterbringungskosten“, erklärt die Ordnungsamtsleiterin.

Irene Witt ist Flüchtlingspatin. Aktuell betreut sie unter anderem die Familie von Zeynab Jawish und Jan Krad. Für die vierköpfige Familie war der Start in der neuen Heimat holperig. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern waren die 26-Jährige und ihr 37-jähriger Ehemann aus Syrien nach Deutschland gekommen. Seit zehn Monaten lebt die Familie in Kappeln. Ihre erste Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mussten die Syrer wegen nachbarschaftlicher Probleme verlassen. Einen Termin zur Anhörung bei der Ausländerbehörde hatten die Syrer bisher noch nicht. Somit haben sie keinen Aufenthaltsstatus und sind nur bedingt handlungsfähig. Flüchtlinge ohne Status müssen etwa jede fachärztliche Untersuchung beantragen, erklärt Lorenzen. „Wir haben in Kappeln beispielsweise ein syrisches Mädchen, das dringend zum Neurologen muss. Der Antrag liegt seit vier Monaten in Schleswig. Das kann nicht sein“, betont die Rathausmitarbeiterin.

Zeynab Jawish erzählt, sie sei in Syrien nach der neunten Klasse von der Schule abgegangen – „aber ich möchte weiter machen“. Ihr Ziel ist es, irgendwann einen Beruf zu erlernen. Helga Lorenzen weiß, dass das nicht so leicht ist, denn: „Eine Aus- oder Weiterbildung ist ausgeschlossen, solange Zeynab als asylsuchend gilt.“

Ein großes Problem der Flüchtlingspolitik sei der Personalmangel in den zuständigen Behörden. Lorenzen: „Die Menschen in der Ausländerbehörde tun schon alles, was sie können. Doch die Arbeit stapelt sich von Tag zu Tag.“ Die Verantwortung für die Flüchtlinge obliegt zwar der Stadt, trotzdem müsse sich diese ständig mit dem Kreis abstimmen. Lorenzen: „Weil wir hier kein Sozialamt haben, läuft alles über den Kreis Schleswig-Flensburg.“ Die Wege seien lang. „Es sind diese ganzen vielen Kleinigkeiten, die viel Zeit kosten, weil man alles absprechen muss.“ Nichts innerhalb der Flüchtlingsversorgung, da ist sich Helga Lorenzen sicher, würde ohne das Zusammenspiel der einzelnen Institutionen, der Haupt- und der Ehrenamtler funktionieren. Die Solidarität unter den Kollegen im Rathaus sei großartig. Doch auch die 70 Paten seien unentbehrlich. „Ohne die Ehrenamtler wären wir schon mit Mann und Maus untergegangen“, so Helga Lorenzen.

Irene Witt weiß ums ehrenamtliche Arbeitspensum: „Die Koordination von Amts- und Arztbesuchen in den ersten Wochen, das ist ein Fulltime-Job.“ Der Druck, der dabei auf den freiwilligen Helfern laste, sei sehr hoch und komme von allen Seiten. „Wenn dann auch noch rechtliche Dinge zu klären sind, wird es für die meisten Paten besonders schwer“, so Witt. Die Patin würde vieles an der jetzigen Situation ändern, wenn sie könnte: „Diese Bürokratie muss abgebaut und das Personal aufgestockt werden“, fordert Irene Witt. „Ansonsten bricht irgendwann alles auseinander.“

Helga Lorenzen freut sich nun über zwei weitere Teilzeitstellen, die in den nächsten Tagen durch die Stadt zur Unterstützung der Flüchtlingsarbeit ausgeschrieben werden sollen. „Das“, sagt sie, „wird unsere Arbeit erleichtern“.  

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