Bettermann war Nazis genehm

Bettermann-Experten: Dr. Matthias Schartl, Dr. Christina Kohla und Dr. Holger Rüdel, Leiter des Stadtmuseums (v.links). Foto: heldt
Bettermann-Experten: Dr. Matthias Schartl, Dr. Christina Kohla und Dr. Holger Rüdel, Leiter des Stadtmuseums (v.links). Foto: heldt

Dr. Matthias Schartl entlarvt die Lebenslüge des berühmten Malers / Diskussion unter Experten

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15. Oktober 2011, 08:13 Uhr

schleswig | Über Jahrzehnte war er einer der Vorzeigekünstler des Nordens - der Maler Gerhart Bettermann (1910 - 1992). Die sozialkritischen Themen seiner Bilder und die Drastik seines Strichs wurden unterfüttert durch eine von ihm und seinen Bewunderern geradezu kanonisierte Lebensgeschichte, in der die Konfrontation mit dem Nationalsozialismus eine zentrale Rolle einnahm. Schon im vergangenen Jahr waren an Bettermanns Biografie nachhaltige Zweifel aufgetaucht. Jetzt aber ist die Selbstdarstellung des angesehenen Künstlers vollends zusammengebrochen. Dr. Matthias Schartl, Direktor der Kulturstiftung des Kreises Schleswig-Flensburg, hat diese nach umfangreichen Recherchen in wesentlichen Teilen als Lüge entlarvt. Darüber berichtete Schartl am Donnerstag (siehe untenstehender Bericht) auf einer Veranstaltung im Schleswiger Stadtmuseum.

Im Mittelpunkt der Legendenbildung steht eine Kunstausstellung in Berlin nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten; auf ihr war auch Bettermann mit seinem Bild "Bauernmahlzeit" - einer anklagenden Armuts-Studie - vertreten. Dieses Gemälde musste auf Geheiß "von oben" aus der Ausstellung entfernt werden.

Danach aber setzt Bettermanns Story ein: Er habe wegen des Eklats nach Schleswig-Holstein fliehen müssen. Schartl kann belegen: Das sei "völlig abwegig". In Wirklichkeit habe sich Bettermann in und um Berlin "wie gewohnt seiner Kunst" gewidmet. Es folgte eine abenteuerliche Köpenickiade, in deren Mittelpunkt sein Freund und Manager Walter Reichart stand. Mit Dreistigkeit und der Hilfe eines wohl zufällig aufgelesenen goldenen NSDAP-Parteiabzeichens verhalf Reichart Bettermann zu hochrangigen Kontakten mit Repräsentanten des Regimes im nördlichen Schleswig-Holstein.

1935 flog der Schwindel auf. Reichart erhielt eine milde, Bettermann gar keine Strafe. So konnte der immer noch junge, hochbegabte Künstler, mittlerweile in Winnemark an der Schlei wohnhaft, einem Auftrag nachgehen, den er 1936 erhalten hatte: Bettermann gestaltete den Rathaussaal der Stadt Kappeln ganz im Sinne der herrschenden völkischen Ideologie. Eine Szene zeigt Landbewohner, die ihren "Führer" grüßen. Die Arbeiten seiner früheren Künstlerkollegen charakterisierte Bettermann als "krankhaft". Historiker Schartl sieht darin eine "eindeutige Reverenz" gegenüber dem Nationalsozialismus, dem er sich als "geläutert" angedient habe.

Ende der 1930er Jahre hat er sich dann, so Schartls Erkenntnis, "mehr und mehr von den Außenwelt abgeschottet"; er überlebte als Maler der Schlei-Landschaft, bis er bei Kriegsausbruch eingezogen und unter anderem nach Norwegen abkommandiert wurde. Nach Kriegsende knüpfte er an die sozialkritischen Themen vor 1933 an.

Vom Rathausprojekt in Kappeln (das Gebäude wurde 1972 abgerissen) hat er sich nie distanziert. An die Stelle des Hitler-Porträts, dem die Landbewohner ihren Nazi-Gruß entboten, war ein Blumengemälde gehängt worden. Und die Hakenkreuze hatte man selbstverständlich übermalt.

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