zur Navigation springen

Jobs gesichert : Aufatmen bei der DG Kappeln

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Ein Darlehen soll dem Betrieb Zeit für Umstellung auf den Mindestlohn verschaffen: Alle Menschen mit Behinderung behalten ihre Arbeitsplätze.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2014 | 08:00 Uhr

Nach langem Zittern um den Erhalt von 21 Arbeitsplätzen macht sich bei der Dienstleistungsgesellschaft (DG) Kappeln jetzt erstmals wieder Erleichterung breit. Der Betrieb, der wegen der Einführung des Mindestlohns ab kommendem Jahr enorme wirtschaftliche Nachteile befürchtet, sieht nach Gesprächen mit Sozialministerium und Integrationsamt wieder zuversichtlicher in die Zukunft.

„Alle Menschen mit Behinderung behalten ihren Arbeitsplatz“, sagte Geschäftsführer Jürgen Schiewer gestern. Dabei handelt es sich um acht der 21 gefährdeten Arbeitsplätze. „Ich habe am Donnerstag die Betroffenen in der Firma informiert, dass sie ihre Stelle behalten, da machte sich die pure Freude breit“, sagte Schiewer. Ganz ohne Entlassung werde es voraussichtlich aber nicht gehen, schränkte er jedoch ein.

Bei der nunmehr gefundenen Lösung hatten laut Stefan Lenz alle beteiligten Parteien gemeinsam an einem Strick gezogen. Lenz, als Geschäftsführer des Vereins St. Nicolaiheim Sundsacker, der einer der beiden Gesellschafter der DG Kappeln ist, dankte ausdrücklich dem Sozialministerium für seine „unbürokratische Hilfe“. Der Pressesprecher des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung, Christian Kohl, formulierte den Lösungsweg so: „Gemeinsam mit dem Integrationsamt konnten wir dem Betrieb mit Hilfe eines Darlehens eine wirtschaftliche Perspektive eröffnen.“ Im Gegenzug hat die DG Kappeln die beantragten Kündigungen der behinderten Mitarbeiter zurückgezogen. Dazu Lenz: „Das war ein Gentlemen-Agreement.“

Laut dem Geschäftsführer des St. Nicolaiheims Sundsacker verschafft dieses zinslose in Aussicht gestellte Darlehen des Integrationsamtes dem Unternehmen finanziellen Spielraum und somit mehr Zeit zur Umstellung auf den neuen Tarif. Mehr Zeit hatte DG-Geschäftsführer Jürgen Schiewer für die Gewinnung von Neukunden gefordert, um den Verlust anderer Kunden infolge des Mindestlohns kompensieren zu können. Da dieses Darlehen für die DG aber noch nicht rechtsgültig unter Dach und Fach ist, wollte Christian Kohl gestern keine weiteren Einzelheiten zu dem Kredit preis geben.

Die DG Kappeln, die unter anderem in der Gartenpflege, in der Gebäudereinigung und im Transportwesen tätig ist, war vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen geraten, als bekannt wurde, dass in dem Betrieb 21 der insgesamt 70 Arbeitsplätze gefährdet sind. Jürgen Schiewer hatte dies mit der Einführung des bundeseinheitlichen Mindestlohns ab kommenden Jahr begründet. Durch die Einführung des Mindestlohns würden die Gehälter bei einigen Mitarbeitern von 6 auf 8,50 Euro in der Stunde steigen. „Wir müssen dann die Preise heraufsetzen, um das Geld beim Kunden wieder reinzuholen“, sagte Schiewer damals. Manche Unternehmen würde er daher voraussichtlich verlieren. Aus diesem Grund hatte die DG Kappeln vier Mitarbeitern zum 31. Dezember die Kündigung ausgesprochen, und bei sieben Mitarbeitern die Kündigung beantragt. Dazu gab es Zeitarbeitsverträge, die zum Jahresende auslaufen und nicht verlängert werden sollten.

Das Kieler Sozialministerium hatte in seinen Stellungnahmen stets darauf verwiesen, dass andere Gründe für diese Entwicklung verantwortlich waren. „Die wirtschaftlichen Probleme dieses Betriebes haben ihren Ursprung – soweit bekannt – nicht allein im zukünftigen Bundesmindestlohn“, sagte der Sprecher des Sozialministeriums gestern nochmals.

Auch im Landtag hatte die Situation bei der DG Kappeln Wellen geschlagen. Die CDU hatte beispielsweise mit Verweis auf Kappeln vergeblich eine Ausnahmeregelung für Integrationsbetriebe vom Mindestlohn gefordert, um keine Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu gefährden. Vonseiten der Regierung wurde damals dagegen gehalten, dass die Arbeit von Menschen mit Behinderung eben so viel Wert sei, wie die anderer Menschen und der Mindestlohn für alle Arbeitnehmer auch wichtiger Teil der Inklusion sei. Die jetzige Lösung begrüßt nunmehr auch die CDU. „Das ist eine positive Nachricht für die Beschäftigten der DG Kappeln“, meinte die Landtagsabgeordnete Heike Franzen. Doch gab sie zu bedenken, dass ohne den Druck der Opposition nichts passiert wäre. Zudem sieht Franzen den Einzelfall für Kappeln gelöst, doch nicht für die anderen Integrationsbetriebe. Hier gelte es zu klären, wie sie ihren Beschäftigten den Mindestlohn zahlen können. „Wir erwarten von der Regierungskoalition, dass sie auch für diese Betriebe eine Lösung findet“, meinte die CDU-Politikerin.

Stefan Lenz freute sich gestern angesichts der neuen Entwicklung. „Jetzt ist wieder Licht am Horizont, und wir haben Zeit, uns auf den Mindestlohn einzustellen“, sagte er. Besonders freue er sich für die Menschen mit Behinderung, deren Arbeitsplatz erhalten bleibe. „Man kennt die Menschen ja, und da fühlt man sich verantwortlich. Deswegen sind wir jetzt total glücklich.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert