Kappeln : Auf zwei Rädern in eine neue Welt

Ein eingespieltes Team: Fatmir Xhakja, Mahmoud Kheirabadi, Fadi Cheikh Youssef, Mohammad Entezari, Manfred Wachtel, Jürgen Raddatz und Migoel Gurrica (von links) arbeiten Hand in Hand in der Fahrradwerkstatt.
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Ein eingespieltes Team: Fatmir Xhakja, Mahmoud Kheirabadi, Fadi Cheikh Youssef, Mohammad Entezari, Manfred Wachtel, Jürgen Raddatz und Migoel Gurrica (von links) arbeiten Hand in Hand in der Fahrradwerkstatt.

In einer Werkstatt in Kopperby reparieren Flüchtlinge ausgediente Fahrräder für sich und andere.

shz.de von
25. Juli 2015, 08:00 Uhr

Man musste ein bisschen aufpassen, um heile ans Ziel zu kommen. Auf dem Weg dahin kreuzten immer wieder Kinder auf Fahrrädern den Weg, sie klingelten, sie hatten den Dynamo eingeschaltet, auch wenn das am Nachmittag noch gar nicht nötig war. Vor allem aber trugen sie ein ganz großes Lächeln in ihren Gesichtern, eines, das aussah als käme es tief aus ihrem Innern, so echt, so fröhlich, so leicht. Es könnte der beste Beweis dafür gewesen sein, dass das, was in Loitmarkfeld, nahe des Hundesportvereins am vergangenen Donnerstag an den Start gegangen ist, viel dazu beitragen kann, Menschen zueinander zu bringen. Menschen, die bis vor Kurzem noch in ganz anderen Ländern zu Hause waren. Die Fahrradwerkstatt, ein Projekt der Stadt, des Vereins „Sozial-Forum“ und getragen von der Initiative „Hand in Hand“, eröffnet Flüchtlingen die Chance, aktiv zu sein, anderen und sich selber etwas Gutes zu tun. Oder, wie es Manfred Wachtel, einer der Werkstatt-Initiatoren, anlässlich der Eröffnung an die Flüchtlinge gerichtet beschrieb: „Ihr werdet gebraucht.“

Ende April keimte in Wachtel die Idee, gemeinsam mit Flüchtlingen Fahrräder zu reparieren. „Die Menschen leben weit verteilt über die Stadt und müssen lange Wege zurücklegen. Dabei könnte ein Fahrrad die Sache erleichtern“, erklärte der Kappelner den gedanklichen Auslöser des Projekts im Rückblick. Bei der Stadt rannte er damit offene Türen ein, und ein Aufruf in dieser Zeitung, ausgediente Räder abzugeben, brachte eine, so nannte es Wachtel, „enorme Rückmeldung“. Dann begann die schwierige Suche nach einem Raum, die gemeinsam mit dem Kappelner Thies Kölln, dem städtischen Bauamt und dem Hundesportverein Kopperby als bisherigem Pächter gelöst werden konnte.

30 Quadratmeter ist die Fahrradwerkstatt im Gebäude der alten Kopperbyer Grundschule groß, hinzu kommen zwei kleine Lagerräume, eine kleine Küche und eine Toilette. Geschätzte 80 Räder verteilen sich dort derzeit, außerdem gespendetes Werkzeug und allerlei Einzelteile wie Schläuche, Klingeln, Bremsen. In zwei Teams arbeiten fünf Flüchtlinge an den kaputten Rädern, um sie wieder flott zu kriegen. Fadi Cheikh Youssef, Migoel Gurrica, Fatmir Xhakja, Mahmoud Kheirabadi und Mohammad Entezari sind allerdings keine Anfänger. Manfred Wachtel sagte über sie: „Jeder von ihnen kann sehr gut mit Werkzeug umgehen.“ Fadi Youssef beispielsweise ist gelernter Automechaniker, eine Gangschaltung zu reparieren, ist ein Klacks für ihn. Vor sechs Monaten kam er aus Syrien nach Deutschland, jetzt fiebert er den zwei Tagen, an denen die Werkstatt geöffnet ist, regelrecht entgegen. „Es macht mir Spaß, hier zu arbeiten“, sagte er bei der Eröffnung. Auch Fatmir Xhakja ist Maschinenbauer, und Mohammad Entezari hat als gelernter Goldschmied den untrüglichen Blick fürs Detail. Und er hat noch einen ganz anderen Vorteil der Fahrradwerkstatt entdeckt. Entezari: „Dadurch kommen wir viel in Kontakt mit anderen Menschen.“ Und nebenbei feilen die Neu-Kappelner auch noch an ihren Deutsch-Kenntnissen.

„Unwahrscheinlich engagiert“ – so bezeichnete Jürgen Raddatz, Wachtels Werkstatt-Partner, die fünf Flüchtlinge. Und: „Es ist schön zu sehen, dass sie stolz auf das sind, was sie hier leisten.“ Sind die Räder schließlich wieder funktionstüchtig und verkehrssicher, unternehmen Wachtel und Raddatz eine kurze Probetour. Danach werden die nummerierten Räder gegen eine Pfandgebühr von 15 Euro verliehen. Vorhanden ist übrigens alles – Damen-, Herren-, Kinderrad, Rennrad oder Trekkingbike. Und zu den Nutznießerinnen gehört Rim Yassin. Die Mutter dreier Kinder aus Syrien lebt erst seit Kurzem in Kappeln – vor den rund 60 Eröffnungsgästen sagte sie auf Englisch: „Die Fahrräder erleichtern es uns, uns auch ohne Auto oder Bus zu bewegen. Eine Hand hilft der anderen.“

Das war das Stichwort für Marta Kraft und Helmut Schulz, Schirmdame und Schirmherr der Aktion „Hand in Hand“. Die beiden hatten einen 500-Euro-Scheck als Startkapital für die Fahrradwerkstatt mitgebracht, der überwiegende Teil davon stammte aus der Kollekte des Himmelfahrt-Gottesdienstes. Kraft betonte: „Sie leben das, was wir anstreben: Hilfe zur Selbsthilfe.“ Und Helmut Schulz machte sich dafür stark, in einem zweiten Schritt mithilfe der Polizei eine Verkehrsregel-Schulung für die Flüchtlinge zu initiieren. Bürgermeister Heiko Traulsen wünschte den Verantwortlichen schließlich, dass die Spendenbereitschaft der Menschen nicht abreißen möge, und Olga Lang vom „Sozial-Forum“ hatte am Ende sogar an diejenigen gedacht, denen zwei Räder noch nicht ausreichen, um sich sicher fortzubewegen: Sie überreichte Manfred Wachtel ein sonnengelbes Dreirad.

> Öffnungszeiten der Fahrradwerkstatt: mittwochs und donnerstags, 10 bis 14 Uhr

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