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Kunsthaus Hänisch : „Auf geniale Weise unperfekt“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Polaroid und digital: Sieben Künstler zeigen bis Ende Juni im Kunsthaus Hänisch ihre Fotografien.

Es waren nur unwesentlich weniger Vernissage-Besucher als bei der ersten Ausstellungseröffnung des Jahres im Januar. Allerdings hatte man gestern Vormittag durchaus den Eindruck, als wollten die meisten gar nicht wieder gehen. Außergewöhnlich lange verweilte die große Zahl der Anwesenden im Kunsthaus Hänisch – das erste deutliche Signal dafür, dass das, was dort seit gestern gezeigt wird, dazu auffordert, genau und eben etwas ausführlicher hinzusehen. „Sofortbilder – Fotografische Unikate im digitalen Zeitalter“ – so lautet der Titel der Schau, bei der sieben Künstler ihre Fotografie zeigen.

„Malen mit Licht“, so übersetzte der Vorsitzende des Kunsthaus-Vereins, Jörg Haasters, bei seiner Begrüßung das Wort Fotografie, und gleich danach forderte er die Eröffnungsgäste dazu auf, sich von dieser „unwirklichen Kunst verblüffen oder verzaubern“ zu lassen. Tatsächlich passte die Verblüffung vielleicht sogar noch ein bisschen eher zu den insgesamt mehr als 170 Werken, die verteilt über die zwei Etagen des Kunsthauses hängen. Beispiel: Joachim Andrae, dessen Sofortbilder im ersten Obergeschoss hängen. Er zeigt Fotografien, die, so erläuterte es Angeline Schube-Focke, die künstlerische Leiterin des Hauses, ihn fast als so etwas wie einen Forscher in der Fotografie definieren. Nach Schube-Fockes Worten arbeitete Andrae mit Filmmaterial, das noch nicht vollends ausgereift war und daher unzuverlässig reagierte. Die Folge: Verfärbungen, Farbstiche, dunkle Fehlstellen. Für ihn jedoch keineswegs ein Makel, sondern, so formuliert er es selber, die Möglichkeit, seine eigene Arbeit zu erweitern, weil sein Material eben „auf geniale Weise unperfekt“ war. Nachzulesen in den Erläuterungen Andraes im Kunsthaus.

Einen anderen Anspruch verfolgt Bernhard Lehmann mit seinen „Geschichten von ganz gewöhnlichen Dingen“. Seine Vorgehensweise beschrieb Angeline Schube-Focke so: „Während der Bildentwicklung greift er zum Stift und zeichnet Muster auf das Polaroid, um es so zu verfremden.“ Lehmann ordnet seine Sofortbilder in Quartetten an, vier Mal dasselbe Bild, aber mit unterschiedlichen Mustern. Eine Kerze, Kochtöpfe, ein Paar Stiefel, eine Telefonzelle – und fast scheint es, als würde jede dieser Vierergruppen tatsächlich eine Geschichte erzählen wollen. Die kreisrunde Hängelampe zum Beispiel – mal sieht man in ihr ein Gesicht, mal ist sie zur Unkenntlichkeit verfremdet.

Peter Rathmann zeigt unter anderem Fotografien von seiner Tour entlang der Route 66 im Südwesten der USA. Ohne Menschen, dafür fast immer mit irgendwelchen Schriftzügen. Unberührt und verlassen wirkt die Szenerie auf seinen Bildern, durch die warme Farbgebung aber nie unnahbar. Rathmann selber gab sich gestern übrigens sehr angetan vom Kunsthaus. „Das Licht ist gut, und durch die kleinen Kabinette, die die Architektur ermöglicht, wird man einzelnen Werkgruppen sehr gerecht“, sagte er. Und er verteilte Lob an die künstlerische Leitung. „Die Hängung ist grandios“, sagte Rathmann. „Nicht überfrachtet, jedes Bild kann atmen.“

Auch das größte, das zu Peggy Stahnkes Repertoire gehört, und viel Platz auf dem Fußboden im oberen Stockwerk einnimmt: eine PVC-Plane, auf der Tanzschritte in konservierten Spuren festgehalten sind. Etwas leiser tritt Franziska Ostermann auf. Ihre Fotografien sind digitale Ausbelichtungen, auf die sie mit weißer Acrylfarbe dicht an dicht Worte aufträgt. Ihre Bilder zeichnen sich durch einen äußerst zarten und leichten Glanz aus. „Mixed Media“ nannte Angeline Schube-Focke diese Vorgehensweise gestern.

Diese fünf Künstler waren anlässlich der Vernissage zu Gast im Kunsthaus, Faye Griffiths und Christopher Webster konnten nicht dabei sein. Aber auch für diese beiden gilt das, womit Jörg Haasters seine Begrüßung beendet hatte: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder. Kunst macht sichtbar.“ Und daher muss man bei der aktuellen Schau im Kunsthaus eben etwas länger hinsehen.


> „Sofortbilder – Fotografische Unikate im digitalen Zeitalter: donnerstags bis sonntags, 11 bis 17 Uhr (bis zum 25. Juni), Kunsthaus Hänisch, Schmiedestraße 53

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erstellt am 24.Apr.2017 | 07:00 Uhr

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