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Arnis und Region : Auf der Suche nach Lenz' Schauplätzen in SH

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Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Der Germanistik-Professor Wolfgang Eichler verortet Schauplätze aus Siegfried-Lenz-Romanen in der Region.

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erstellt am 29.Dez.2016 | 07:00 Uhr

Wolfgang Eichler hat sich auf die Suche gemacht – auf die Suche nach den literarischen Orten aus den Werken des Schriftstellers Siegfried Lenz. Gefunden haben will er sie in der Region – in Arnis, Maasholm, Böklund, Tolk oder Dollerup.

Siegfried Lenz war einer der bekanntesten deutschsprachigen Erzähler der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Er lebte bis zuletzt in Hamburg und starb 2014 in der Hansestadt. Doch auch Schleswig-Holstein fühlte sich der Schriftsteller besonders verbunden.

Für seine Nachforschungen hat der emeritierte Germanistik-Professor von der Universität Oldenburg die Aussagen von Siegfried Lenz über die geografische Verortung seiner Geschichten studiert. In einem Interview sagte Lenz darüber: „Zuerst ist der Konflikt, die Idee oder das Problem da. Dann suche ich dem Konflikt einen geografischen Ort, an dem er ausgetragen werden soll. Zu dem Ort entwerfe ich das Personal, also die Charaktere. Diese müssen in Übereinstimmung mit den geographischen Gegebenheiten handeln.“ Und weiter: „Wenn das von mir erfundene Personal diese Konflikte [...] austragen muss oder lebensfähig machen muss, dann müssen die Schauplätze schon zu den Menschen gehören oder die Menschen zu den Schauplätzen.“

„Die literarischen Orte wären nach dieser Aussage also reale Orte“, schließt Germanistik-Professor Eichler daraus. Er glaubt, dass Lenz die Idee zu diesen Orten in sich trug, sie aufsuchte und genau anschaute. Für seine Forschung hat er die Werke von Lenz mehrfach gelesen. Dabei sei ihm aufgefallen, dass darin Schauplätze beschrieben werden, die er kenne. „Das hat mich dazu bewogen, den Hinweisen zu glauben“, sagt Eichler.

Die Hinweise, von denen Eichler spricht, hat er etwa auf einer Wanderung, die Lenz in seinem Roman „Die Auflehnung“ (1994) beschreibt, überprüft. Der Weg führte ihn an einem bäuerlichem Gehöft mit Bauernkate vorbei, die er aus dem Roman zu kennen glaubt. „Die außerordentliche Präzision der Beschreibungen war für mich der Kompass“, erklärt Eichler, der sich selbst als Empiriker beschreibt. Der Germanistik-Professor kennt die Gegend um die Schlei selbst sehr gut, hat dort ein Ferienhaus, das er seit Jahrzehnten besucht.

Dass Siegfried Lenz, der ein Großteil seines Lebens in Hamburg verbrachte, auch in Schleswig-Holstein ein Stück Heimat fand, ist nachgewiesen. In vielen seiner Werken porträtierte er das Land. „Einerseits ist Lenz in den Beschreibungen sehr präzise, andererseits lässt er den Leser im Dunklen“, meint Eichler. In den Hamburg-Romanen sei der Schriftsteller deutlicher.

In der frühen Erzählung „Das Feuerschiff“ (1960) sei die Suche nach Orten in Schleswig-Holstein mit dem alten Feuerschiff Flensburg einfach gewesen. „Hat doch Lenz selbst bekundet: ,Von meinem Fenster sehe ich weit draußen auf der Bucht den brandroten Rumpf eines Feuerschiffes’“, zitiert Eichler. Lenz besaß ein Ferienhauses auf der dänischen Insel Alsen. Nach Angaben von Eichler erwähnt Lenz auch in „Der Geist der Mirabelle. Geschichten aus Bollerup“(1975) die Insel. „Doch das ist nicht alles: Es gibt dort kein Bollerup, wohl aber ein Dollerup und Westerholz/Dollerupholz an der Flensburger Förde“. Mitunter seien es phonetisch leicht veränderte Namen, derer sich der Schriftsteller für die Verschlüsselung bedient habe.

„Richtig interessant“ werde es bei der kürzlich verfilmten Novelle „Schweigeminute“ (2008). Hier sei er sich bei bis zu sieben Orten „absolut sicher“, dass er sie gefunden habe. Die Geschichte spiele nicht am Drehort des Films auf Bornholm, sondern in Maasholm, als die neue West- und Ostmole des Hafens gebaut worden seien. Der Unglücksort des in der Novelle beschriebenen Segelunfalls muss nach Eichlers Recherchen die neue Ostmole sein.

„Schweigeminute“: Ein Dokument der Zerstörungen am Hafen in Maasholm.
„Schweigeminute“: Ein Dokument der Zerstörungen am Hafen in Maasholm.
 

Und weiter: „Die mehrfach erwähnte ,Vogelinsel’ ist zusammen mit einem weiteren Ort die Lotseninsel, das Hotel Restaurant ,Seeblick’ ist das Schleieck, sogar den verborgenen Fischertreff gibt es am Hafen, und das Krankenhaus ,Scharmünde’ hat wohl etwas mit dem ,Zufluchtshafen’ Schleimünde zu tun.“

Die Lotseninsel am Eingang der Schlei soll die Vogelinsel in „Schweigeminute“ sein.
Die Lotseninsel am Eingang der Schlei soll die Vogelinsel in „Schweigeminute“ sein. Foto: yv
 

Schwieriger sei derweil die Verortung des Romans „Die Auflehnung“ (1994). „Hier passt schon die erwähnte Station ,Süderwullstrup’ zu Süderbrarup, der Ort ,Barglund’ mit dem Quellenhof ist Böklund, und die Teichwirtschaft konnte ich als Auwiese bei Tolk identifizieren. Sogar die Bauernkate des Bösewichts ,Bernie’ mitsamt dem Wanderweg ist zu finden, und auch den ,Landgasthof’ konnte ich in Süderfahrenstedt finden.“

Die Teichwirtschaft  mit Auwiese aus Lenz’ Roman „Auflehnung“ nahe Tolk.
Die Teichwirtschaft mit Auwiese aus Lenz’ Roman „Auflehnung“ nahe Tolk. Foto: Eichler (2)
 

Der Nebenschauplatz „Balnis“ muss gemäß Eichlers Forschungen die Stadt Arnis sein. „Das Café-Restaurant ,Kanton’ auf Stelzen ist die ,Schleiperle’. Und die große Werft mit Wohngebäude ist die Werft Matthiesen. Und nicht zuletzt: Auch die kleine Badestelle mit Steg gibt es wie beschrieben“, fasst der Lenz-Forscher zusammen.

Das Café  „Zur Schleiperle“ in Arnis könnte Vorlage für das Café „Kanton“ gewesen sein.
Das Café „Zur Schleiperle“ in Arnis könnte Vorlage für das Café „Kanton“ gewesen sein. Foto: Lau
 

Wolfgang Eichler verspricht sich von seinen Ergebnissen für die Wissenschaft wesentliche Anstöße zur Interpretation der Lenz-Werke. Seine Ergebnisse seien, so vermutet er, für die Region zwar interessanter als für die Wissenschaft. „Nimmt man es aber sehr genau, dann lassen sie eine vertiefte Werkinterpretation zu.“ Mit seiner Forschung möchte er deshalb Wege zur Deutung der Lenz-Werke darlegen. „Das Werk von Siegfried Lenz ist ein vergleichsweise junges Werk und wurde bisher noch nicht vielfach interpretiert.“ Eichlers Ergebnisse sollen nun auch in die Gesamtausgabe der Lenz-Werke , die an der Universität Göttingen vorbereitet wird, aufgenommen werden.

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