Kappeln – gestern und heute : Auf der Suche nach dem perfekten Foto

Eine Szene aus dem Buch von Peter Lukas nachgestellt: auf der linken Seite die 100 Jahre alte Aufnahme, rechts das aktuelle Foto. Über seine Arbeit sagt Lukas: „Meine Bilder steuert der Fotograf vor 100 Jahren.“
Eine Szene aus dem Buch von Peter Lukas nachgestellt: auf der linken Seite die 100 Jahre alte Aufnahme, rechts das aktuelle Foto. Über seine Arbeit sagt Lukas: „Meine Bilder steuert der Fotograf vor 100 Jahren.“

Der norwegische Fotograf Peter Lukas stellt in seinem Kappeln-Bildband 100 Jahre alte Aufnahmen aktuellen Eindrücken gegenüber.

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20. Juni 2015, 13:00 Uhr

Kappeln – eine Bilderbuch-Stadt? Fotograf Peter Lukas hat das ganz wörtlich genommen und einen 90-seitigen Bildband über Kappeln herausgegeben. Dabei sind es eigentlich zwei Bücher: nämlich einmal die Stadt in Abbildungen vor 100 Jahren und dann die Stadt an denselben Plätzen in aktuellen Fotos. „Ich will mit meiner Arbeit das Bewusstsein schärfen, wie wir unsere Umwelt gestalten“, sagt der norwegische Künstler.

Verantwortlich für das neuste Kappeln-Buch ist eine Stockente. Die hatte sich in Schleswig auf dem Schiff von Peter Lukas und seiner Frau Maria niedergelassen und dort angefangen zu brüten. Die zu Ostern geplante Rückkehr nach Norwegen fiel somit ins Wasser, denn Ehepaar Lukas wollte den Nachwuchs von „Anna“, so tauften sie ihr jüngstes Crewmitglied, nicht gefährden. Also hängten die beiden noch ein paar Wochen Schlei dran. Doch in der Zwischenzeit wollte der Fotograf irgendwas tun. Und nachdem er einen Bildband über Schleswig mit vergleichenden Fotos von gestern und heute veröffentlicht hatte, wollte er das Gleiche nun mit Kappeln umsetzen.

Lukas stellt dabei die rund 100 Jahre alten Aufnahmen und seine heutigen Fotos jeweils auf einer Doppelseite gegenüber. Je nach Ausprägung der Unterschiede haben die beiden Fotos desselben Motivs auf den Betrachter mal den Anschein eines Duetts, mal eher den eines Duells.

Der in Österreich geborene Norweger macht aus seiner Arbeit geradezu eine Wissenschaft für sich. Zunächst war er im Stadtarchiv und hat dort Bilder ausgewählt, um dann die dort abgebildeten Orte aufzusuchen. „Ich spreche dazu einfach Passanten auf der Straße an, zeige ihnen die Bilder und frage sie, ob sie wissen, wo die Stelle ist. Für diese Arbeit muss man schon kommunikativ sein“, so Lukas. Daran mangelt es ihm nun wirklich nicht. Dennoch wird auch er nicht immer gleich fündig. „Es gibt immer genügend Fotos, die ich nicht zuordnen kann und manchmal entwickelt sich daraus eine regelrechte Schnitzeljagd.“ Und da er nicht immer alle Orte findet, hängt auch einiges vom Zufall ab. „Doch die Plätze, die ich nicht finde, die sieht man im Buch nicht“, sagt Lukas augenzwinkernd. Ist ein Ort aber ermittelt, sucht er nach der Stelle, von der der Fotograf damals das Bild aufnahm. Dazu vergleicht er die Winkel, in denen er zu den Häusern steht und auch die Giebelhöhen. Mancherorts hat er Aufnahmen von einem Balkon oder aus einem Zimmer gemacht. Manchmal entstand ein Foto vor 100 Jahren aus einem heutigen Schlafzimmer heraus, dann muss er da hinein, um von dort aus zu knipsen. „Ein Nein bekomme ich ganz selten. Die Welt ist viel besser als in den Medien dargestellt, und die Leute sind von Grund auf gut“, ist Lukas überzeugt.

Hat er seinen Aufnahmeplatz gefunden, knipst der Künstler aus demselben Blickwinkel, wie der Fotograf damals. „Meine Bilder steuert der Fotograf vor 100 Jahren“, sagt Peter Lukas mit breitem österreichischen Dialekt. Wegen der Schatten muss die Aufnahme auch zur selben Tageszeit erfolgen und schließlich auch noch beim selben Wetter. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, dann muss der 45-Jährige nochmal den Ort aufsuchen. „Manchmal muss ich zwei bis drei Mal laufen, um ein Bild zu machen. An manchen Tagen verliere ich so ein bis zwei Kilo“, sagt er.

Peter Lukas will nicht die Kamera sprechen lassen. Deswegen benutzt er eine Leica M  9, die einen weichen Schnitt hat, wie die damals eingesetzten Apparate. Er will nicht das Bild sprechen lassen, daher verwendet er keine Farbbilder. Er will die Szenerie sprechen lassen, daher wählt er den gleichen Blickwinkel zum Motiv und zur selben Tageszeit. Sein Drang nach Authentizität setzt neben viel Leidenschaft auch eben diese Akribie voraus. So wirkt der künstlerische Freigeist Lukas manchmal schon wie ein Wissenschaftler.

Ach ja, Stockente „Anna“ hat mit ihren mittlerweile neun geschlüpften Küken an Bord abgemustert. Tierschutzrechtliche Gründe stehen der Rückfahrt nach Norwegen demnach nicht mehr im Weg. Also: Ende/Ente gut, alles gut? Von wegen: Nun winkt dem Künstler eine Ausstellung im Pierspeicher – die Rückfahrt muss warten, wieder einmal. Peter Lukas, dieser freiheitsliebende Segler und Künstler, wird von seiner eigenen Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit immer wieder eingefangen.

> Der Bildband „Veränderung Kappeln, Fotografie: Gestern und Heute“ von Peter Lukas ist für 24,80 Euro im örtlichen Buchhandel erhältlich. Am Freitag, 26. Juni, stellt Lukas von 15 bis 17 Uhr sein Werk in der Buchhandlung Gosch, Rathausmarkt 4, vor.

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