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Theateraufführung : Amoklauf im Scheersberger Malersaal

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Das Schauspiel „Good morning, boys an girls“ nimmt die Zuschauer in Geiselhaft.

Eine beklemmende Atmosphäre herrscht im Malersaal des Jugendhofs Scheersberg. An den Kacheln der Waschbecken sind blutige Handabdrücke zu erkennen, in den Ecken kauern verängstigte Schüler. Auf einem Bett beschäftigt sich ein Jugendlicher namens Jens – auch Cold genannt – mit seinem Laptop. Zu den Requisiten gehören Videokamera, Overheadprojektor und Waffen. Der pubertierende Jens ist der von Frust geplagte Hauptakteur in Juli Zehs Theaterstück „Good morning, boys an girls“, das von den Vorbereitungen auf einen Amoklauf in der Schule handelt.

Der Zuschauer fühlt sich unfreiwillig mit in das bedrohliche Geschehen einbezogen, zumal ein schwarzgekleideter Vollstrecker namens Amok, eine allegorische Figur, mit einem automatischen Sturmgewehr erscheint und bereit ist, jederzeit loszufeuern. Jeder fühlt sich sozusagen in Geiselhaft genommen.

Was ist bloß los mit dem 16-jährigen Jens? „Ich bin eingesperrt, nicht nur in der Schule, sondern auf dem ganzen Planeten“, ruft er aus. Er fühlt sich als Teil der Welt, in der alles schon einmal da war. Was ihm bleibt, ist nur die Kopie der Kopie. Da die Vorfahren längst alles „abgefeiert“ haben, könne er sich nur noch mit Karaoke beschäftigen, sagt er. Sein Vater nennt ihn ein „Unfallkind“, seine Mutter macht sich Vorwürfe.

Der rote Faden des Stücks: Jens, ein harter Typ, möchte einen brutalen Amoklauf begehen, das Geschehen als Videofilm ins Internet stellen und als weltberühmter Massenmörder in die Geschichte eingehen. Das müsse doch traurig oder aufregend sein, auch für seine Eltern, denkt er. Doch dann lernt er die Schülerin Susanne kennen, zu der er sich hingezogen fühlt. Im turbulenten Finale raubt sie ihm seine Pläne, rastet aus und erschießt ihn und die Klassenlehrerin, die geglaubt hatte, das Ganze sei ein nur ein pädagogisches Videoprojekt. Dieser unerwartete Ausgang zeigt: Juli Zeh hebt die eigene Story aus den Angeln, lockt die Zuschauer auf eine falsche Spur – und verzichtet auf alle Erklärungsversuche für die Mordtat.

Dieses collagenhafte Werk, 2010 in Düsseldorf uraufgeführt, bietet keinen linearen Handlungsstrang, sondern schlägt dramaturgische Purzelbäume: Der reale Ablauf wird durch Traumszenen, Erinnerungsfetzen und virtuelle Sequenzen unterbrochen. Die Dortmunder Regisseurin Cornelia Walter, die mit Studenten des Schauspielstudios „14+“ an zwölf Wochenenden diese ungewöhnliche und dichte Inszenierung im Jugendhof zustande gebracht hat, lässt ihrem talentierten Ensemble den nötigen darstellerischen Freiraum. „Bei alledem geht es nicht darum, das Entsetzen in Form eines Theaterthrillers zu beschwören, sondern um Motive, Familienstrukturen und Reaktionen und damit um eine Anatomie des Amoklaufs“, erläutert Cornelia Walter. Hervorzuheben ist die spielerische Leistung des 17-jährigen Finn Höner aus Nübelfeld in der Rolle des Jens alias Cold und der 16-jährigen Rieke Lassen aus Großsolt, die als Täterin Susanne zur Protagonistin der Handlung wird.

Das von der Gesellschaft zur Förderung der Kinder- und Jugendtheater bezuschusste Projekt wird am „Tatort Malersaal“ im nächsten Jahr viermal aufgeführt: am 10. Januar, 21. Februar, 25. April und 9. Mai jeweils ab 19 Uhr.



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erstellt am 06.Okt.2014 | 12:30 Uhr

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