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Schlei-Bote

21. Oktober 2017 | 12:58 Uhr

Albigs Antrittsbesuch in Kappeln

vom

Ministerpräsident informierte sich über Arbeit der Werkstätten / Gespräch mit Geschäftsführer Stefan Lenz über die Eingliederungshilfe zur Integration

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Kappeln | Ministerpräsident Torsten Albig ist zwar seit knapp einem Jahr im Amt, doch jetzt erst macht der Sozialdemokrat seinen Antrittsbesuch in Kappeln und zwar genauer gesagt bei den Kappelner Werkstätten. Mit einem Regenschirm empfängt Hausherr Stefan Lenz den MP. "Nehmen Sie vielleicht ausnahmsweise mit einem schwarzen statt einem roten Regenschirm vorlieb ?", fragt der Geschäftsführer der Kappelner Werkstätten, während es draußen Bindfäden regnet. "Da bin ich völlig schmerzfrei", antwortet Albig lachend.

Nach Rücksprache mit Lenz hatten SPD-Ortsverein und -Fraktion zu dem Termin eingeladen. Neben einen Gespräch über die Eingliederungshilfe steht auch eine kleine Werkstattführung auf dem Programm. Lenz hat sich dafür die Elektrowerkstatt ausgesucht.

"Für Ihre Arbeit gibt es wohl keinen sozialen Bonus. Entweder das Produkt ist gut oder nicht", vermutet Albig. Lenz stimmt zu. Man stehe genauso im Wettbewerb wie andere Firmen. Es gebe aber einen Unterschied zwischen den Werkstätten und anderen Betrieben: "Wir suchen für Menschen mit Behinderung den passenden Bereich. Die Betriebe dagegen suchen für ihre Arbeit passende Mitarbeiter."

Die kleine Gruppe - bestehend aus Albigs Gefolge, führenden Werkstattmitarbeitern, den regionalen SPD-Größen sowie einigen Pressevertretern - erreicht die Montage-Gruppe für Elektroanschlüsse. Hier werden Kabelstecker mit Verbindung hergestellt. Dabei müssen die Mitarbeiter auf verschiedene Kabel, Dichtungen und auch Verpackungen achten. In einem anderen Raum werden Steuerdeichseln für Elektrofahrzeuge zusammengesetzt. "Alles hier stellen die Mitarbeiter mit Behinderung selbst her, nur die Kontrolle übernimmt der Abteilungsleiter", sagt Lenz.

Albig zeigt sich interessiert an den Arbeitsabläufen, aber auch an den Personen. Eine Mitarbeiterin fragt er, worauf sie bei der Kontrolle achten muss, eine andere wie lange sie schon dabei sei und ob die Arbeit ihr Spaß mache. Nach der Führung sagt Albig: "Das war sehr lehrreich. Das Bild, was ich vorher von einer Werkstatt hatte, war ein anderes Bild."

Albig hat schon mehrere Werkstätten als Regierungschef besucht: in Kiel oder im Hamburger Umland. "Die Schwerpunkte sind überall anders, aber nirgendwo bekam ich vermittelt, dass es um eine stupide Beschäftigung geht, sondern darum, dass man auch hier im Wettbewerb steht." Viele Produkte wie Fliegengitter könnten Menschen besser herstellen als Maschinen. So gebe es verschiedene Nischen, in denen man auch Geld verdienen könnte. Die Eingliederungshilfen seien daher viel mehr als nur Teil des Wohlfahrtsstaates.

Die Übertragung der Eingliederungshilfen vom Land auf die Kommunen hält Stefan Lenz einerseits für gut, weil die Hilfe aus einer Hand komme. Doch hätte man die Kommunen besser darauf vorbereiten müssen, da es auf dieser Ebene, besonders in den Kreisen, häufig an Wissen und Arbeitskraft fehle. Zudem kritisiert der Geschäftsführer der Kappelner Werkstätten das System der Eingliederungshilfen, das zu viele Akteure kenne und zu viel Bürokratie bedeute. Hier führt Lenz ein Beispiel an. Inkontinente Mitarbeiter bräuchten Windeln. Fünf Stück für jeweils 1,50 Euro zahlten die Krankenkassen, wenn aber acht gebräucht würden, weil die Mitarbeiter die Windeln zerreißen, dann sperrten die Krankenkassen sich und die Sozialhilfe müsse die übrigen drei zahlen. "Hier geht es viel zu sehr um Finanzen, jeder schaut nur aufs Budget, aber nicht darum, wie man etwas weiterentwickeln kann", so Lenz. Dirk Peddinghaus, SPD-Direktkandidat für den Bundestag, meint dazu, dass in dem Beispiel die Kosten für den Verwaltungsaufwand viel teurer seien als die Windeln selbst. Albig weist daraufhin, dass man beide Seiten dazu hören müsse. Nur auf den Sparfaktor bei der Eingliederung zu achten, wäre jedoch abenteuerlich.

Nach mehr als einer Stunde verabschiedet sich der Ministerpräsident mit der Versicherung, dass er ein durchweg positives Bild von den Werkstätten hat - auch von Kappeln. In Kappeln sei ihm besonders die emotionale Beziehung zwischen der Geschäftsführung und den Mitarbeitern aufgefallen. "Dass hier der Geschäftsführer alle Mitarbeiter mit Namen anspricht, ist ein Zeichen von Nähe. Schön, dass so etwas bei allem Wirtschaften nicht verloren geht." Auch sei er erstmals von einem Werkstattgeschäftsführer in ein Systemgespräch verwickelt worden, was er begrüße. "Wir müssen uns gegenseitig Informationen geben, um Abhilfe von Missständen schaffen zu können", meint der Kieler Regierungschef. Und noch etwas versichert Albig: "Das Beispiel mit den Windeln werde ich mitnehmen."

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