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Praxistest : Ärger und Unsicherheit bei "Igel"-Leistungen

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"Igel"-Leistung, das klingt irgendwie putzig und nett. Dann aber hält der Arzt die Hand auf. Ein Erfahrungsbericht.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2013 | 08:29 Uhr

Gelting | Im Zuge der Diskussionen um die Milliarden-Polster der Krankenkassen, sowie der problembeladenen Bezahlung unserer Ärzte konnte der Leser auch noch einiges zu den "Igel"-Leistungen aus der Zeitung erfahren. Individuelle Gesundheitsleistung ist die offizielle Bezeichnung. Wenn man nachgeht, was damit abgedeckt werden soll, sind es die vielfältigen, vom Arzt als notwendig erachteten Untersuchungen oder auch Behandlungen, die aber die Krankenkassen nicht mehr bezahlen.

Ich war zur Vorsorge beim Augenarzt. Als älterer Mensch ist das wichtig, weil sich unbemerkt zunächst, der Star - ob grün oder grau - einnisten kann. So viel ich weiß, ist für diese Diagnose die Augeninnendruckmessung von recht entscheidender Bedeutung. Die aber ist ein "Igel" ! Ich war empört. Aus dem Gespräch mit dem durchaus verständnisvollen Doktor ergab sich, dass ich, wenn er verantwortungsvoll gründlich untersuchen solle, zirka 145 Euro berappen müsse. Dazu war ich nicht bereit, vor allem - wegen in solchen Fällen spürbarer Unterfinanzierung - auch nicht in der Lage. So bezahlte ich nur diesen einen "Igel", und das waren schon 16 Euro. Was hätten wohl die Untersuchungen zu Tage gefördert? Muss ich mich mit schlechtem Gewissen plagen, weil ich nicht sorgfältig genug mit mir umgehe?

Ob Behandlung oder keine Behandlung: Es bleiben Unsicherheiten

Zu anderer Gelegenheit bezahlte ich eben diese 16 Euro bei einem Urologen. Ich hatte ihn aufsuchen müssen, weil mich in kurzen Zeitabständen eine Blasenentzündung plagte. Die freundliche Helferin fragte mich, ob ich mit einer mikroskopischen (zytologischen) Untersuchung meiner abgegebenen Probe einverstanden wäre. Meine medizinische Halbbildung verursachte bei dieser Frage ein blitzendes Ausrufezeichen in meinem Kopf. Sie denken auch an Krebs, war mir klar, und ich war einverstanden. Die dann stattfindende Blasenspiegelung erwies sich als völlig unauffällig; ja, der Doktor war geradezu angetan vom Zustand meiner Blase. Mit einem Rezept für ein Antibiotikum versehen, verließ ich erleichtert die Praxis.

Auf dem Heimweg ärgerte ich mich über das bezahlte "Igel"-Geld. Ich war bei dem Gedanken an eine mögliche Krebsdiagnose zu aufgeregt, um gleich daran zu denken, die zytologische Untersuchung abzusagen, die bei der so tollen Blaseninnenausstattung sicher nicht nötig war. Provokant frage ich auch: Wurde sie überhaupt ausgeführt?

Dem Patienten einen "Igel" auf den Weg zu setzen, ist sicher eine Versuchung für etliche Ärzte, ist er doch eine gute Einnahmequelle. Der Patient ist selten in der Lage zu beurteilen, ob der "Igel" notwendig und sinnvoll ist oder ob er mehr dem Geldbeutel des Arztes dient. Für eingehende Aufklärungsgespräche ist in der Sprechstunde kaum genügend Zeit. Außerdem sind viele Patienten befangen, unsicher, unwissend und zahlen lieber einen "Igel", als dem Arzt entgegenzustehen. Deshalb: Bleiben oder werden Sie wach, fragen Sie, und bleiben oder werden Sie ein mündiger Patient.

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