„Wir haben keinen Stress mit Kunden“

Helga Butenuth (Zweite von rechts) und Johanna Winkel-Medro (links) engagieren sich wie die anderen Tafel-Helfer mit viel Herzblut.
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Helga Butenuth (Zweite von rechts) und Johanna Winkel-Medro (links) engagieren sich wie die anderen Tafel-Helfer mit viel Herzblut.

Tafel-Mitglieder sehen positive Entwicklung bei der Integration / Verschiedene Verteilungszeiten verhindern Konflikte wie in Essen

shz.de von
07. März 2018, 16:00 Uhr

Die Flüchtlinge sind in Schenefeld angekommen. Hürden wie das Beziehen von vorübergehenden Unterkünften sind bewältigt. Doch mit Problemen rund um fehlende Wohnungen, Bürokratie und Sprache sind die Herausforderungen für die Integration hoch. Wie gelingt sie in Schenefeld? Tafel-Chef Mathias Schmitz (kleines Foto), Helga Butenuth und Johanna Winkel-Medro, Vorstandsmitglieder der Tafel Schenefeld, berichten über ihre Erfahrungen beim Eingliederungsprozess von geflüchteten Menschen. Auch zur Entscheidung bei der Essener Tafel, Geflüchtete nicht mehr aufzunehmen, äußern sich die Schenefelder.

Frage: Wie verläuft der Integrationsprozess bei der Tafel in Schenefeld aus ihrer Sicht?
Helga Butenuth: Geschäftszweck der Tafel ist nicht die Integration von geflüchteten Menschen, sondern die Versorgung von bedürftigen Personen. Als sich die Tafel im Dezember 2012 in Schenefeld gründete, waren die geflüchteten Menschen noch kein Thema.

Wie helfen sie den Flüchtlingen konkret?
Johanna Winkel-Medro: Mit Lebensmitteln und mit Drogerieartikeln. Was der Einzelne bekommt, hängt von der Menge und Auswahl der Waren ab, die wir anbieten können in dieser Woche.

Wie hat sich die Integration verändert?
Johanna Winkel-Medro: Die Flüchtlinge wurden anfangs in Sammelunterkünften versorgt. Alle Seiten, Unternehmen wie Privatpersonen, leisteten Hilfe. Die Situation hat sich von 2015 an bis jetzt aber sehr verändert. Die Familien sind in kleinen Wohnungen untergebracht und müssen sich daher selber versorgen.


Wie läuft die Versorgung verwaltungstechnisch?
Helga Butenuth: Wir arbeiten eng mit dem Rathaus zusammen. Die geflüchteten Menschen kommen dort an und holen sich ihre Papiere. Sie bekommen im Rathaus die Information, dass sie donnerstags um 14.30 Uhr hier vorbeikommen können, um einen Antrag auf einen Tafel-Ausweis zu stellen.

Gibt es im Zuge der Integration bei der Tafel besondere Anekdoten?
Johanna Winkel-Medro: Wir haben einige Kunden, die 2015 mit als Erste gekommen sind, die Familien gegründet haben und die beruflich und privat Fuß gefasst haben. Das heißt, diese Menschen kommen nicht mehr zu uns, weil sie sich selbst ernähren und finanzieren können. Für uns ist es ebenso schön zu beobachten, dass sich einheimische Bedürftige und geflüchtete Menschen miteinander unterhalten und sich füreinander interessieren.

Wie funktioniert die Kommunikation, wenn Menschen die deutsche Sprache nicht sprechen?
Johanna Winkel-Medro: Es hat sich eine Entwicklung vollzogen. Als die ersten geflüchteten Menschen kamen, haben wir uns in der ersten Phase mit Händen und Füßen verständigt. Wir haben im Zuge der zweiten Phase einfach in die Menge gerufen und angefragt, ob es jemanden gibt, der Farsi spricht. Dann hat auch jemand übersetzt. Die Kommunikation hat sich inzwischen verbessert. Arabisch sprechende Menschen bringen zumeist direkt eine Person mit, die übersetzt.


Wieviele Menschen kommen während der Woche zu Ihnen?
Helga Butenuth: 350 Menschen kommen jede Woche zu uns. Wir führen keine Statistik und wir machen bei der Versorgung keine Unterschiede. Bei einem Drittel der versorgten Personen handelt es sich um Kinder.
Was beobachten sie bei den Kindern?
Mathias Schmitz: Die vor zwei Jahren gekommenen Kinder sprechen alle gutes bis sehr gutes Deutsch. Bei den Kindern greift aus meiner Beobachtung auch die hervorragende sportliche Integrationsarbeit von Blau Weiß 96. Auffallend ist die Freundlichkeit und Frische der meisten Kinder. Die freuen sich richtig, wenn sie uns sehen und bei der Tafel sind.

Erfahren Sie bei der Versorgung Wertschätzung seitens der Menschen?
Helga Butenuth: Die versorgten Menschen sind uns sehr dankbar. Es ist uns wichtig, unseren Kunden auf Augenhöhe zu begegnen. Je besser die Kommunikation zwischen uns und den Geflüchteten verläuft, je länger sie Deutsch sprechen, um so schöner ist der gegenseitige Austausch. Dank der besseren und intensiveren Kommunikation wächst auch das Verständnis füreinander. Mit der Tafel ist die Integration in Schenefeld auf einem guten Weg.

Die Essener Tafel nimmt vorerst nur Deutsche in ihre Kartei auf. Der Verein begründet dies mit einem hohen Ausländeranteil von 75  Prozent und dem Argument, dass sich viele Ältere nicht mehr wohlfühlen. Wie stehen Sie dazu?

Mathias Schmitz: Ich kenne nicht die konkrete Situation in Essen. Fakt ist, dass man Essen natürlich nicht mit einer Kleinstadt wie Schenefeld vergleichen kann. Wir haben auch aufgrund unserer unterschiedlichen Verteilungszeit keinen Stress mit Kunden. Besonders zu den geflüchteten Familien haben wir ein herzliches Verhältnis. Grundsätzlich gilt aber: Sollte sich ein Kunde durch die Anwesenheit von Menschen irgendeiner ihm fremden Gruppe, egal ob Flüchtlinge oder welche Gruppe auch immer, abgeschreckt fühlen, kann die Not nicht so groß sein. Wir freuen uns für jeden unserer Kunden, dem es so gut geht, dass er auf die Tafel verzichten kann. Die Tafel überflüssig zu machen, muss das Ziel sein, nicht möglichst zahlreiche Kunden zu haben.







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