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Aus dem Gericht : „Verkettung tragischer Umstände“

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Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Elmshornerin überfährt Seniorin, die später in einer Klinik stirbt. Gericht kann Verletzung der Sorgfaltspflicht nicht feststellen.

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2017 | 12:00 Uhr

Elmshorn | Es sind dramatische Szenen: Am 20. März 2016 parkt eine Autofahrerin rückwärts aus. Sie will auf die Ansgarstraße in Elmshorn. Dabei überrollt ihr Fahrzeug  eine 91 Jahre alte Frau. Die Seniorin wird schwer verletzt und stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus.

Die Staatsanwaltschaft klagte die heute 36 Jahre alte Fahrerin an. Der Vorwurf: Fahrlässige Tötung. Nach Ansicht von Staatsanwalt Sebastian Fehr hatte die Elmshornerin gegen 13.30 Uhr beim Zurücksetzen nicht aufgepasst und die Seniorin gerammt. Die Frau sei gestürzt, unter das Auto geraten und ein Stück mitgeschleift worden. Dabei habe sie unter anderem schwere Knochenbrüche im Becken- und Brustbereich erlitten. Ärzte einer Klinik in Altona konnten sie nicht mehr retten. Etwa drei Stunden nach dem Unfall war die Frau tot.

Während Fehr die Anklage verlas, brach die Elmshornerin in Tränen aus. Von ihrem Anwalt ließ sie den Hergang im Wesentlichen bestätigen. Anschließend beantwortete sie bereitwillig Fragen. Weil sie auf dem Weg zu einer Hochzeit gewesen sei, habe sie das Auto mit Geschenken beladen. Sie habe niemanden in unmittelbarer Nähe bemerkt und im Wagen Seiten- und Rückspiegel benutzt. „Beim Fahren habe ich ein Rumpeln wahrgenommen. Ich dachte erst, das seien die Geschenke“, sagte sie. Als sie erneut ein seltsames Geräusch gehört habe, habe sie den Wagen gestoppt. Sie sei ausgestiegen und habe den Körper der Seniorin gesehen.

Ein Gutachten der Rechtsmedizin in Hamburg ergab, dass die schweren Verletzungen Ursache für den Tod der Frau waren. Zudem ließen Wunden am rechten Unterschenkel auf einen Zusammenstoß mit dem Wagen schließen. Ein  Kfz-Sachverständiger der Dekra kam jedoch zu einem anderen Ergebnis. Er untersuchte noch am Unfalltag Spuren an dem Auto. Sein Urteil: Die Frau hatte bereits auf dem Boden gelegen, als sie überrollt wurde. Da sie sich im toten Winkel hinter dem Heck befand, sei sie für die Fahrerin nicht zu sehen gewesen. Ein Zeuge stützte diese These. Er habe von einer Tankstelle aus beobachtet, wie eine Frau stürzte. Erst dann sei ein Auto aus der Parklücke gekommen. Details habe er wegen der Entfernung jedoch nicht erkennen können.

Angeklagte war überzeugt, nichts Falsches getan zu haben

Staatsanwalt Fehr schlug vor, das Verfahren wegen geringer Schuld einzustellen. Dies ist nach Paragraph 153 der Strafprozessordnung möglich. Die Angeklagte wäre dann nicht vorbestraft. Trotzdem gliche das einem Schuldeingeständnis. Die 36-Jährige war jedoch überzeugt, nichts Falsches getan zu haben. Nach Absprache mit ihrem Anwalt lehnte sie die Einstellung ab. Sie wollte ein Urteil. Und hoffte auf Freispruch.

In seinem Plädoyer räumte Fehr ein: „Der Unfall hat sich tatsächlich etwas anders zugetragen, als zunächst vorgetragen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Angeklagte ihrer Sorgfaltspflicht nachgekommen ist.“ Straßenverkehrsordnung und Rechtsprechung forderten besondere Vorsicht beim Rückwärtsfahren. Wäre sie ein paar Meter weiter bis zum Fußweg gegangen, bevor sie in ihr Auto stieg, hätte sie die 91-Jährige sehen können. „Es war tragisch. Der Fall ist superschwierig und ich hätte gern auf ein Plädoyer verzichtet.  Aber es bleibt eine Verletzung der Sorgfaltspflicht.“ Er forderte schließlich 300 Euro Geldstrafe auf Bewährung. Rechtsanwalt Rasul Özpek widersprach: „Die Staatsanwaltschaft verrennt sich. Wir wissen nicht, wo sich die Frau befand, wohin und wie schnell sie ging und wie sie stürzte.“ Seine Mandantin hätte nicht an die Straße gehen müssen, um den ganzen Fußweg einsehen zu können. Mit dem Blick in die Spiegel habe sie sich vorschriftsgemäß verhalten. „Die Sorgfaltspflicht wird hier zu weit gefasst. Ich fordere Freispruch.“

Richterin Renate Päschke-Jensen folgte den Argumenten des Verteidigers: „Wir wissen nicht, was die Angeklagte gesehen hätte, wenn sie bis zur Straße gegangen wäre. Was geschah, war eine Verkettung tragischer Umstände. Ein Restrisiko wird es immer geben.“ Ihr Urteil: Freispruch.

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