Interview : SPD-Politikerin Ingrid Pöhland: „Ich wäre heute etwas frecher“

Als Vorsitzende des Finanzausschusses hat Ingrid Pöhland die Zukunft Schenefelds maßgeblich mitbestimmt.
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Als Vorsitzende des Finanzausschusses hat Ingrid Pöhland die Zukunft Schenefelds maßgeblich mitbestimmt.

Die SPD-Politikerin Ingrid Pöhland blickt zurück auf viele Jahre lokale Politik und gibt ihren Nachfolgern Tipps.

shz.de von
13. Juni 2018, 12:00 Uhr

Schenefeld | Sie gehört zu den gestaltenden Persönlichkeiten in Schenefeld. Finanz-Expertin Ingrid Pöhland (70, SPD) war nicht nur mehr als 40 Jahre politisch aktiv, sie leitet auch mit viel Leidenschaft den „Glücksgriff“, mit dem sie soziale Projekte anschiebt – und sie ist Aufsichtsratschefin beim Juks. Im neuen Rat ist sie jedoch nicht mehr dabei. Im Gespräch mit shz.de blickt sie zurück auf auf viele Jahre Kommunalpolitik und umreißt die Herausforderungen für die neuen Ratsmitglieder.

Frage: Warum ziehen Sie sich von der Politik zurück?
Ingrid Pöhland: Nicht weil ich keine Lust mehr habe. Ich habe mich gefragt: Will ich das noch in dem Umfang fünf Jahre machen? Da habe ich mich für mich entschieden. Der „Glücksgriff“ ist viel größer geworden, als ich das jemals geplant hatte. Da ist noch niemand, an den ich das Hauptgeschäft übergeben könnte. Beides zusammen, Politik und „Glücksgriff“, ist mir zu viel. Ich arbeite ja auch im „Glücksgriff“. Ich bin nicht nur Chefin. Abends bin ich manchmal nach Hause gekommen, habe nur schnell eine Scheibe Brot gegessen und musste gleich wieder los zur Politik. Dann kam ich teilweise erst um 22 Uhr nach Hause. Da habe ich mir letztlich gedacht – mit 75 willst du das nicht mehr machen. Also habe ich eine klare Entscheidung getroffen. Weil mir die Aufgabe auch wichtig ist, habe ich keine Lust, als Füllmaterial aufzutauchen. Das ist nicht mein Ding. Entweder ich mache es, oder ich lasse es. Die Entscheidung ist für mich gefallen – nicht gegen irgendetwas.

Sie haben vor mehr als 40  Jahren angefangen, Politik zu machen. Wie kam es dazu?
Das war Mitte der 1970er Jahre. Wir hatten den Ortsvereinsvorsitzenden Willi Piecyk. Der hat in Schenefeld eine ganz aktive SPD-Politik gemacht und mich überredet, in die Kommunalpolitik einzusteigen. Da habe ich ihn gefragt, was auf mich zukommt. Er meinte dann, ich müsse nur einmal die Woche zur Sitzung kommen. Da habe ich ein bisschen blauäugig zugesagt. Von da an war ich ziemlich aktiv. Dann bin ich einmal raus aus der Politik, weil ich als Personalrätin gewählt wurde. Beides zusammen und mit einem Kind alleinerziehend – das ging nicht. Mir war die Gewerkschaftsarbeit damals näher. Man konnte schnell etwas bewirken und umsetzen. Im Grunde war ich da immer sehr konsequent.

Wann sind Sie wieder zurück in die Kommunalpolitik gegangen?
Das war zwei Wochen nachdem ich in Rente war. Zur Kommunalwahl 2008. Ich war noch kein halbes Jahr in Rente, da war ich schon wieder Ratsmitglied. Aber das war okay. Man bringt ja viel Wissen mit aus der Gewerkschaftspolitik. Egal ob Gesellschafts-, Partei- oder Gewerkschaftspolitik – es ist ja alles Politik.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre politische Laufbahn – erinnern Sie sich noch an eine besonders kontroverse oder weitreichende Debatte?
Zwei Dinge haben mich sehr geprägt. Das eine ist das Jugendzentrum Juks. Damals meinte die CDU, ein Zimmerchen für die Jugendlichen in der Nähe der Schule reicht. Nur das wollten die Jugendlichen überhaupt nicht. Damals gab es eine große Diskussion. Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, was es ausmacht, wenn sich Gruppen selbst engagieren und etwas einfordern. Das war sehr beeindruckend. Damals haben wir das Grundstück am Osterbrooksweg gekauft. Ein anderes Erlebnis hat mich sehr negativ beeindruckt. Der Montessori-Kindergarten wollte sich gründen. Wie die Elternbewegung die Politiker anging, hat mich so negativ abgestoßen, dass ich gedacht habe: Etwas im Bereich Soziales will ich nie wieder machen. Das ist nicht sozial. Das hat mich aber auch geprägt, die Dinge mehr zu hinterfragen. Später im Finanzausschuss gab es dann noch eine Begebenheit. Das war ein Schlüsselerlebnis. Da hatten wir bei einem Haushaltsbeschluss eigentlich eine Einigung mit der FDP erzielt und alles besprochen. Und dann hat uns einer der Politiker sitzengelassen. Die Absprachen zählten plötzlich nicht mehr. Er hatte eigene Ideen. Seitdem bin ich sehr viel vorsichtiger geworden. Ich habe immer Plan B in der Tasche gehabt.

Hätten Sie vor 30 Jahren gedacht, dass Schenefeld sich so entwickeln würde, wie die Stadt heute dasteht?
Nein, das wäre gelogen. Ich bin ja hier geboren und aufgewachsen. Hier war alles nicht bebaut. Da war Moor. Damals war die Frage nach der Bebauung gar keine. Man hat sich gefreut, dass etwas dazugekommen ist. Heute hat das einen ganz anderen Stellenwert. Wenn wir keine Zuzüge von neuen Familien erlauben – und das ist nicht mit der zweiten Baureihe der Siedlung getan – werden wir die Kontingente an den Schulen verlieren. Die Kindergartenplätze sind gefährdet – die ganze Infrastruktur ist gefährdet, wenn man sagt: Wir wollen nicht mehr bauen. Ich halte das für einen Kardinalfehler. Da habe ich eine andere Meinung als die Grünen. Man muss sich entscheiden. Wir wollten einen Flächennutzungplan. Da haben die Grünen nicht mitgemacht vor fünf Jahren. Damals gab es die Bürgerbewegung: Die SPD will alles zupflastern. Das ist alles Quatsch. Man muss einfach überlegen, ob man nicht ein, zwei Gebiete ganz gezielt und maßvoll am Rand im Landschaftsschutzgebiet bebauen sollte. Sonst werden wir eine überalterte Stadt sein.

Was hat Ihnen an der Politik am meisten Spaß gemacht?
Die Mitgestaltung und die Verantwortung. Ich drehe gern an der Schraube. Das ist auch nicht immer einfach. Man muss Mehrheiten finden, kann aber viel gestalten. Deshalb bin ich auch enttäuscht von der geringen Wahlbeteiligung. Viele wissen wohl nicht, was wir hier machen. Das könnte aber auch ein Ansatz sein, anders mit Bürgern umzugehen und sie mehr einzubeziehen.

Was war Ihre schwierigste Entscheidung als Kommunalpolitikerin?
Die Schwierigste, aber auch Erfolgreichste war, dass die SPD es durchgesetzt hat, dass wir die Gewerbesteuer erhöhen.

Und das von der SPD...
Ja (lacht). Dass die SPD es durchgesetzt hat. Wenn wir das nicht gemacht hätten, hätten wir große Probleme mit dem Haushalt bekommen. Das war an einem Punkt als wir nichts mehr so richtig bezahlen konnten. CDU und OfS hatten damals die Mehrheit. Da mussten wir durchsetzen, dass überall im Haushalt gekürzt werden muss. Und das ist schrecklich. Das kann man eigentlich gar nicht einfach so machen. Im Sozialbereich gibt es so viele verbindliche Kosten, dass man da nicht pauschal kürzen kann. Da habe ich gesagt: Mein Gott. Wir sind das Monaco von Schleswig-Holstein mit der geringsten Gewerbesteuer. Wenn wir den Haushalt nicht hinbekommen hätten, wären die Auflagen vom Kreis Pinneberg viel schlimmer gewesen als die Gewerbesteuer moderat zu erhöhen. Das hat zwar zwei Jahre gedauert. Aber wir haben es dann mit den Grünen hinbekommen. Nicht ein Betrieb hat sich beschwert. Das hat uns gerettet. Wir müssen uns nun nicht mehr sorgen. Die Stadt hatte, als ich anfing, 6,5 Millionen Euro an Krediten. Und wir mussten in den vergangenen zehn Jahren keinen weiteren Kredit aufnehmen. Wir haben die Kreditsumme um die Hälfte reduziert. Darauf bin ich stolz. Das haben wir alle zusammen gut hingekriegt.

Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Ich bereue diese Abstimmung mit der FDP, die ein echter Flop war. Und ich wäre heute etwas frecher. Ich bin nicht diejenige, die sich so in den Vordergrund spielt. Der Ton in der Ratsversammlung hat sich aber sehr verändert.

In wiefern hat sich der Ton verändert?
Der Ton ist schärfer geworden. Teilweise auch unter der Gürtellinie. Diese persönlichen Verunglimpfungen müssen nicht sein. Wir sind nicht in unserer Wohnstube – das ist Öffentlichkeit. Ich würde nicht als Moralistin auftreten, es aber auch nicht mehr so hinnehmen. Im Nachhinein tut mir das etwas Leid, dass ich da nicht eingeschritten bin.

Welchen Rat würden Sie jungen Politikern geben?
Die Freude daran nicht zu verlieren. Manchmal hat man ja auch Frust. Da muss man gelassen bleiben. Diese Gestaltungsmöglichkeiten sollte man immer auch als Chance sehen.

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