Interview mit der neuen XFEL-Geschäftsführerin : Sie möchte Leidenschaft für die Wissenschaft entfachen

Die neue Chefin bei XFEl freut sich auf ihre Aufgaben: „Das ist eine Chance, die man nicht so oft im Leben bekommt“, sagt sie.
Die neue Chefin bei XFEl freut sich auf ihre Aufgaben: „Das ist eine Chance, die man nicht so oft im Leben bekommt“, sagt sie.

Der 40-jährigen Nicole Elleuche liegt das Forschen im Blut. Im Interviewe mit shz.de verrät sie ihre Pläne und Visionen für das XFEL.

shz.de von
13. März 2018, 12:30 Uhr

Schenefeld | Sie ist die Neue bei XFEL: Nicole Elleuche (40) tritt am 1. April ihre Stelle als Geschäftsführerin und Verwaltungsdirektorin der Forschungseinrichtung in Schenefeld an. Ihr Büro sieht noch karg aus. Der Schreibtisch fehlt zwar noch, aber die Begeisterung für die Forschung des Röntgenlasers sind der promovierten Biologin ins Gesicht geschrieben. Kompetent, offen und fröhlich plaudert sie über die anstehenden Herausforderungen, ihre Vision für das Forschungszentrum und das Risiko schwarzer Löcher.

Frage: Wie sind Sie zur Forschung gekommen?
Nicole Elleuche: Mein Großvater war Forscher. Er hat bei Krupp gearbeitet und dort Metalllegierungen entwickelt, um Stahl mit neuen Eigenschaften zu produzieren. Er hat immer neue Legierungen mit nach Hause gebracht und gesagt: „Guck mal, zünde das mal an. Wann schmilzt das wohl, wann biegt sich das?“ Er hat dadurch schon sehr früh mein Interesse an der Forschung geweckt und ich wusste tatsächlich schon im Kindergarten, dass ich Wissenschaftlerin werden will. Das hat sich auch nie geändert. Ich habe mich bewusst entschieden, Biologie zu studieren und würde es auch heute wieder genauso machen. Weil Naturwissenschaften einfach spannend sind: Man lernt immer neue Dinge und kann sich mit verschiedenen Fragen beschäftigen, die sonst noch keiner in der Tiefe gestellt hat.

Warum haben Sie sich speziell für XFEL interessiert?
Ich habe in Hamburg auch für die Wissenschaftsbehörde gearbeitet. In dem Referat, in dem ich dort war, liegt die Betreuung von European XFEL von Hamburger Seite. Das war in der frühen Phase und da fand ich das bereits wahnsinnig spannend. Als ich dann gelesen habe, dass eine neue kaufmännische Direktorin gesucht wird, sah ich das als eine tolle Chance.

Was ist für Sie das Besondere am European XFEL?
Als ich die ersten Male bei European XFEL war, habe ich schon gemerkt, dass hier ein gewisser Spirit herrscht. Das ist ein bisschen wie eine Start-Up-Atmosphäre. Alle Menschen, die hier arbeiten, brennen für das Projekt und sind leidenschaftlich engagiert, weil sie wissen, dass sie etwas Einzigartiges auf die Füße stellen. Das war neben dem hohen wissenschaftlichen Renommee, das die Anlage hat, und der beruflichen Herausforderung ein weiterer Grund zu sagen: Ich komme hierher.
Wo liegen hier bei XFEL als Geschäftsführerin Ihre Schwerpunkte?
Schwerpunkte sind die Administration und die Zuständigkeit für bestimmte Schnittstellen und Prozesse, die dazu gehören, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Aber als Mitglied der Geschäftsführung bin ich auch bei strategischen Entwicklungen gefragt. Und ich werde mich in der lokalen Zusammenarbeit engagieren, also hier im Schenefelder Umfeld.

Was denken Sie wird an Ihrer neuen Position besonders herausfordernd?
Auf jeden Fall, dass es eine einzigartige Forschungseinrichtung ist, die es in dieser Art auch nirgendwo anders auf der Welt gibt. Wir können in fast allen Naturwissenschaften ganz neue Erkenntnisse gewinnen, und auch das Umfeld ist einmalig. Für mich ist natürlich die Administration von zentraler Bedeutung. Das heißt, alle Abläufe müssen so fokussiert sein, dass der Röntgenlaser betrieben und bestmöglich genutzt werden kann. Der 24-Stunden-Betrieb muss sichergestellt werden. Es ist spannend, zu einem frühen Zeitpunkt des Forschungsbetriebs einsteigen zu können und gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen die künftige Entwicklung zu gestalten. Das ist eine Chance, die man nicht so oft im Leben bekommt.

Die Rede ist schon länger von Schulkooperationen in Schenefeld. Wie beurteilen Sie das?

Ich kenne das von den wissenschaftlichen Einrichtungen, bei denen ich bisher beschäftigt war. Ich glaube, es ist ganz wichtig, Schülerinnen und Schülern einen direkten Einblick in die Welt der Forschung zu ermöglichen. Genau in dem Moment, in dem ich selbst beispielhaft ein Lasermodell zusammensetze oder ich die Bauteile für unglaublich intensive Lichtquellen betrachte, gelingt es, nicht nur Interesse, sondern vielleicht auch Leidenschaft für die Wissenschaft zu entfachen. In dem Moment, wo wir Dinge anfassen, fühlen und riechen, sind wir näher dran und verbinden damit viel mehr gute Erinnerungen.

Welche Auswirkungen wird XFEL für Schenefeld haben?

Hier in Schenefeld hat European XFEL etwa 400 Mitarbeiter und Gäste, hinzu kommen sehr viele externe Nutzer. Die Anlage ist seit September in Betrieb. Letztes Jahr hatten wir schon 340 externe Nutzer, 14 unterschiedlichen Gruppen aus dem In- und Ausland. In den kommenden Jahren werden es noch deutlich mehr werden. Das beeinflusst natürlich die Infrastruktur in der Umgebung. Zum Beispiel den Nahverkehr: Die Menschen müssen hier herkommen, sie möchten etwas essen, aber auch ihre Freizeit gestalten. Sie sind an kulturellen Veranstaltungen interessiert. Ich glaube, da können ganz viele Impulse von beiden Seiten ausgehen.

Welche Folgen wird die Forschung hier für die Wissenschaft haben?

Das betrifft viele unterschiedliche Bereiche. Wenn wir über Biologie sprechen, kann man hier im nanomolekularen Bereich erstmalig direkt beispielsweise Infektionsprozesse beobachten. Wenn ich sehe, wie sich ein Enzym faltet oder wie ein Virus mit einer Zelloberfläche interagiert, verstehe ich, wo ich eingreifen kann, wo ein Zielpunkt ist, auf den ich ein Medikament ausrichte. Für die Entwicklung neuer Diagnose- oder Therapieverfahren ist es also eine einmalige Gelegenheit, mit der Anlage zu forschen. In der Materialforschung geht es zum Beispiel um Oberflächen zur Speicherung großer Datenmengen, die in ihrer Struktur optimiert werden können und es so beispielsweise ermöglichen, Innovationen in der Informationstechnologie aufzuzeigen. Dazu kommen viele weitere Anwendungsfelder und Fragen der Grundlagenforschung, die von einem gesellschaftlichen Interesse sind.

Wie sieht Ihre Zukunfts-Vision für XFEL aus?

Jetzt sind wir in einer Phase, in der zwei Experimentierstationen laufen und weitere im Aufbau begriffen sind. Meine Vision wäre, dass die Arbeiten hier irgendwann daran beteiligt sind, einem Nobelpreisträger auf den Weg zu helfen oder Ergebnisse zu liefern, die über Jahrzehnte in Lehrbüchern stehen und dazu beitragen, Krankheiten zu heilen oder auch Alternativen für die künftige Energieversorgung aufzuzeigen. Es gibt große globale Problemfelder, an denen die Forscherinnen und Forscher bei European XFEL ganz gezielt arbeiten können. Und wenn wir da zukünftig zu einer Lösung beitragen, wäre das natürlich etwas, was nicht nur ich mir wünsche, sondern alle Kolleginnen und Kollegen, die hier arbeiten.

Besteht eine Gefahr in der Forschung durch dunkle Materie oder schwarze Löcher?

Beides wird mit Beschleunigern in Zusammenhang gebracht. Dunkle Materie heißt so, weil man sie nicht sehen kann, nicht weil sie irgendwie bedrohlich wäre. Man vermutet, dass es sie gibt, weil sie sich durch ihre Gravitation bemerkbar macht. Auf diesem Gebiet wird im Moment intensiv geforscht. Dunkle Materie existiert demnach überall im Weltraum, aber ist bisher nicht nachweisbar. Nach Hinweisen auf dunkle Materie forscht man beispielsweise am Cern in Genf, wo ich auch gearbeitet habe, und wo es einen großen, ringförmigen Teilchenbeschleuniger gibt. Auch schwarze Löcher sind dort ein Thema. Wenn solche schwarzen Löcher beim Betrieb des Beschleunigers in Genf überhaupt entstehen, dann gibt es ein ganz kleines, schwarzes Miniloch und das würde sich sehr schnell wieder auflösen – diese Mini-Schwarzen-Löcher haben übrigens nichts mit den Schwarzen Löchern im Weltall gemein. Davon geht mit Sicherheit keine Gefahr aus. Außerdem gelten beim Cern und bei European XFEL die höchsten Sicherheitsstandards, die man überhaupt in so einer Anlage gewährleisten kann. Wenn der European XFEL in Betrieb ist und Strahlung entsteht, dürfen die entsprechenden Anlagenteile nicht betreten werden. Sollte das doch jemand versehentlich versuchen, wird die Anlage sofort abgeschaltet. Da muss man sich ganz sicher keine Gedanken machen –ganz unabhängig von dunkler Materie und schwarzen Löchern.
 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen